Corona-Pandemie in Pakistan

Gefährliche Beschwichtigungspolitik

Dass die pakistanische Politik ihre Augen vor den Machenschaften der religiösen Kräfte in der Corona-Krise schließt, ist das Resultat der jahrzehntelangen Politik des Appeasements gegenüber den religiösen Hardlinern im Lande, meint Mohammad Luqman.

Anfang Februar meldete Pakistan die ersten Covid-19-Fälle im Land. Um die Verbreitung des Virus zu verhindern, verhängten die pakistanischen Provinzregierungen verschiedene Ausgangssperren und Verbote von Menschenansammlungen, darunter auch das Verbot von Versammlungen für Freitagsgebete oder andere Gebete in Moscheen.

Dies rief bei den religiösen Kräften des Landes zum Teil bizarre Reaktionen hervor. Für die einen bedeuteten die Einschränkungen einen Angriff auf den Glauben, für die anderen waren sie eine Verschwörung der Amerikaner, um den Islam zu zerstören.

Am 15. April verkündeten in einer Pressekonferenz die wichtigsten Vertreter des sunnitischen Islam in Pakistan, sich künftig nicht mehr an die Einschränkungen der Regierung halten zu wollen. Sie würden ab sofort Moscheen für tägliche Gebete und Freitagsgottesdienste während des Ramadans öffnen. Bereits in der Vergangenheit waren die Maßnahmen vielerorts mutwillig gebrochen worden.

So bemühte sich beispielsweise jüngst Sharafat Khan, eine Polizei-Revierleiterin in Karatschi, vergeblich, eine Versammlung zum Freitagsgebet aufzulösen, zu der sich hunderte Menschen in einer Moschee versammelt hatten. Die Polizei konnte nur hilflos zusehen, selbst als die Beamten von der Menge attackiert wurden, und rückte schließlich unverrichteter Dinge ab.

Fahrlässig und ignorant

Die muslimischen Gelehrten Pakistans halten sich mit ihrer Kritik an solchen Verstößen dezidiert zurück. Selbst der pakistanische Premierminister Imran Khan oder der pakistanische Präsident Alvi wagen es nicht, diese Vergehen öffentlich zu verurteilen, denn archaische Vorstellungen der Religionsgelehrten in Frage zu stellen, ist in Pakistan ein Tabu. Dabei hat sich das Corona-Virus in Pakistan zuletzt vor allem durch Menschenansammlungen zu religiösen Anlässen ausgebreitet.

Moschee in Karatschi, Pakistan; Foto: dpa/picture-alliance/S.Akber
Resistent gegen notwendige Schutzmaßnahmen in Zeiten von Corona: Pakistans Regierung hatte in der vergangenen Woche auf Druck führender islamischer Kleriker entschieden, dass trotz der in Pakistan geltenden Einschränkungen die Moscheen während des Ramadan geöffnet bleiben. Medienberichten zufolge leisten vor allem islamische Hardliner Widerstand gegen Einschränkungen bei Moscheebesuchen. Einer der führenden Köpfe ist demnach der ultrakonservative Kleriker Maulana Abdul Aziz von der Roten Moschee in Islamabad.

Als im vergangenen Februar die ersten Coronafälle in der Region publik wurden, ließ die Regierung unkontrolliert schiitische Pilger aus dem Iran zurückreisen, wohlwissend, dass sich die Islamische Republik zu einem Hotspot für die Ausbereitung des Virus entwickelt hatte.

Zudem erlaubte man zur gleichen Zeit in Lahore eine Versammlung der Tablighi-Jamaat mit fast hunderttausend Teilnehmern, von wo aus später Gruppen von Predigern zu Missionierungsreisen durch das ganze Land aufbrachen, und somit die Verbreitung des Virus im ganzen Land förderten.

Islamisierung und "Kalaschnikow-Kultur"

Dass die Politik ihre Augen vor den Machenschaften der religiösen Kräfte schließt, ist das Resultat der jahrzehntelangen Politik des Appeasements gegenüber dem Klerus. Als 1974 die damalige sozialistische Regierung das erste Mal mit den islamistischen Parteien des Landes paktierte, wurden die religiösen Kräfte endgültig zu Stakeholdern des pakistanischen Machtapparates.

Wenige Jahre später rief die Militärdiktatur unter dem damaligen Machthaber Zia-ul-Haq die sogenannte "Islamization" der Gesellschaft zur offiziellen Staatspolitik aus. Fundamentalistische Indoktrination wurde Teil des Curriculums an Schulen und in Madrasas, den religiösen Seminaren, des Landes. Begünstigt wurde diese Radikalisierung der Gesellschaft durch Waffenlieferungen und finanziellen Hilfen aus Saudi-Arabien und den USA, sodass eine ganze Generation des Landes mit fanatischen Ideen und der sogenannten "Kalashnikov Culture" aufwuchs. 

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