"Im Westen haben wir keine Ahnung von der Vielfalt des Islam"

Wie lässt sich Rumis Lehre im Kontext der europäischen Kultur leben? Dazu hat Marian Brehmer für Qantara.de mit Peter Hüseyin Cunz, seit 24 Jahren Sheikh des Mevlevi-Ordens in der Schweiz, gesprochen.
Wie lässt sich Rumis Lehre im Kontext der europäischen Kultur leben? Dazu hat Marian Brehmer für Qantara.de mit Peter Hüseyin Cunz, seit 24 Jahren Sheikh des Mevlevi-Ordens in der Schweiz, gesprochen.

Wie lässt sich Rumis Lehre im Kontext der europäischen Kultur leben? Dazu hat Marian Brehmer für Qantara.de mit Peter Hüseyin Cunz, seit 24 Jahren Sheikh des Mevlevi-Ordens in der Schweiz, gesprochen.

Von Marian Brehmer

Herr Cunz, Rumis Todestag jährt sich in diesem Jahr zum 750. Mal. Wer ist Mevlana für Sie?  

Peter Hüseyin Cunz: Den Koran und auch die anderen heiligen Schriften, die Propheten und großen Mystikerinnen und Mystiker muss man lieben, um sie zu verstehen. Mevlanas Aussagen erzeugen in mir eine tiefe Resonanz. Ich liebe ihn, und er ist meine erste Referenz für mein Verständnis des Islam.

Schon Blaise Pascal soll gesagt haben: “Weltliche Dinge muss man erkennen, damit man sie lieben kann. Göttliche Dinge muss man lieben, damit man sie erkennen kann.” Das ist auch meine Erfahrung. Mevlana sagte das in seinen eigenen Worten bereits im 13. Jahrhundert an vielen Stellen seines Werkes. 

Sie sind in einem protestantischen Umfeld aufgewachsen. Was haben Sie im Sufitum gefunden, das Ihnen in der Kirche gefehlt hat?  

Cunz: Die Liebe zum Hintergründigen, zum Religiösen, war mir von Geburt an geschenkt. Warum, kann ich nicht sagen. Schon als Jugendlicher war ich ein Suchender nach dem Unsichtbaren mit der Frage nach dem Sinn der Existenz und meines Ichs. Mein Pfarrer meinte, ich müsse ebenfalls Pfarrer werden. Doch mein Weg war ein anderer, auch wenn er mich letztendlich zu einer lehrenden Funktion führte.

Der Schweizer Sufi-Meister Peter Hueseyin Cunz; Foto: Stefan Maurer
"Im Westen kennen wir vor allem den politisierten Islam sunnitischer oder schiitischer Prägung, der prominent in den Medien kolportiert wird“, sagt der Schweizer Sufi-Meister Peter Hüseyin Cunz. "Von der enormen Vielfalt an Deutungen, die der Koran zulässt, haben wir wenig Ahnung. Es gibt unzählige Sufi-Orden, die ihren eigenen Stil der islamischen Gläubigkeit pflegen.“ Das liege aber nicht nur am Westen, sondern auch an der "sturen Verblendung islamischer Gelehrter, die ständig in den Rückspiegel schauen und es nicht wagen, Neuerungen im islamischen Ausdruck vorzuschlagen“.

Ingenieur und Sufi-Meister

Während des Studiums zum Elektroingenieur erlebte ich eine Zeit des Sturms und Drangs mit pazifistischen Ideen und Kritik an der Institutionalisierung der Lehre Jesu.



Ich verließ die Kirche und wendete mich verschiedenen fernöstlichen Philosophien und Religionen zu. Durch eine Liebesbeziehung begegnete ich dem mir bis dahin unbekannten Islam und fand dort eine Synthese aus fernöstlichem Einheitsbewusstsein und den mir nahestehenden Bildern des biblischen Monotheismus, die mich angesprochen hat.

Auf die mystische Seite des Islam stieß ich erst zehn Jahre später, allerdings vorerst in der verwässerten Form des New Age. Es dauerte dann nochmals zehn Jahre, bis ich meine heutige Heimat im Mevlevi-Orden gefunden habe.



Es gibt Menschen, die durch ein überwältigendes Erlebnis von einem Tag auf den anderen ihren spirituellen Weg finden. Im Gegensatz dazu habe ich suchend und analysierend in kleinen, aber stetigen Schritten meine spirituelle Heimat gefunden.

Ich kann aber nicht mit einer Erleuchtung oder sonst einem besonderen Erlebnis aufwarten. 

Wie sind Sie Mevlevi-Sheikh geworden und was bedeutet dieser Titel für Sie persönlich?  

Cunz: Meine Ordinierung fand1999 nach mehreren Jahren der Ausbildung  und des Engagements unter der Obhut meines Sheikhs Hüseyin Top Efendi statt. Für mich bedeutet diese Würde, Verantwortung für alles, was ich im Amt verursache, zu tragen. Ich fühle, dass Gott mich ständig prüft, ob ich mein Selbst mit meinem Ego immer hintenan stelle und ob ich der in unserer Kultur gültigen Ethik und Moral folge. 

Individuelle Verwirklichung steht ganz oben

Begriffe wie “Unterwerfung” oder “Hingabe” an einen Meister stoßen hierzulande häufig auf Unverständnis. Was ist die Rolle des spirituellen Meisters im 21. Jahrhundert?  

Cunz: Ich verstehe das Unverständnis aus zwei Gründen. Erstens sind viele Fälle von Missbrauch bekannt geworden und zweitens sind wir hier im Westen eingebettet in eine demokratische Kultur des Individualismus. Die individuelle Verwirklichung, das Selbstbewusstsein, aber auch die Selbstachtung und das persönliche Wohlergehen stehen für Frau und Mann an erster Stelle, und dies auch im Spirituellen.

Man braucht nur die unzähligen spirituellen Angebote des New Age zu untersuchen, um festzustellen, dass beim Verwenden des Begriffs “Spiritualität” kaum unterschieden wird zwischen Psychologie, Emotionalität, Wahnvorstellungen der Fantasie und tradierter Religion. Hauptsache ist, dass man sich dabei speziell und wohl fühlt. 

Da die Ichhaftigkeit des Menschen heute und morgen nicht anders ist als vor tausenden von Jahren, wird ein spiritueller Meister, eine spirituelle Meisterin des 21. Jahrhunderts nichts Neues lehren. Es geht um die Beherrschung der Triebseele, der Emotionen und der Gedanken, damit in uns Raum für das Hintergründige entsteht. Einzig die äußere Form muss sich der Kultur und dem jeweiligen Wissen der Zeit anpassen. 

Wie haben Sie Beruf und Berufung in diesen Jahren in Einklang gebracht? Was hat die Arbeit eines Elektroingenieurs mit der “spirituellen Schraubarbeit” eines Sheikhs zu tun?  

Cunz: Mein Charakter als Ingenieur half mir zu Sachlichkeit in spirituellen Belangen. Mich drängt es, fundiert zwischen Religion, Kultur und menschlicher Interpretation unterscheiden zu können, was auch im Islam wichtig ist. Islamische Gepflogenheiten und festgeschriebene Regeln sind vor allem Ergebnisse theokratischer Politik innerhalb einer mittelalterlichen Kultur.

Lektüre an einem Sufi-Schrein; Foto: Marian Brehmer
Sufi-Kultur außerhalb der islamischen Welt? "Vieles, das im orientalischen Islam als unantastbare Selbstverständlichkeit gilt, wird bei uns als unhaltbar abgelehnt“, sagt Peter Hüseyin Cunz. "Zusammen mit meinen Kollegen in Deutschland und den USA habe ich mit der Ordensleitung angepasste Ordensregeln für den Westen verhandelt. Bei uns sind Mann und Frau in allem gleichberechtigt. Den Sema, das Drehritual der Derwische, üben und zelebrieren wir gemischt; Kleidervorschriften für den Alltag kennen wir nicht.“



Sie stammen nicht direkt aus dem universellen und zeitlos zu lesenden Koran. Während meiner beruflichen Laufbahn bis zur Pensionierung mit 65 Jahren hatte ich nur am Abend und an Wochenenden Zeit für meine Funktion als Scheikh im Mevlevi-Orden. Seit bald zehn Jahren ist dies nun meine Hauptbeschäftigung. 

Jahrhundertealte Tradition und westliche Lebensrealität

Die Mevlevis haben eine jahrhundertealte Ordenstradition, die in Anatolien und im Kulturraum des osmanischen Reiches gewachsen ist. Welche Herausforderungen haben Sie bei der Anpassung dieser Tradition an die Lebensrealität der Menschen in der Schweiz erlebt? 

Cunz: Ja, der Mevlevi-Orden hat sich innerhalb der Politik und Kultur des Osmanischen Reichs geformt und verbreitet. Meine Amtskollegen in der Türkei pflegen zumeist ein orthodox-sunnitisches Islam-Verständnis, das bei Menschen in der Schweiz und generell im Westen wenig Resonanz findet.

Vieles, das im orientalischen Islam als unantastbare Selbstverständlichkeit gilt, wird bei uns als unhaltbar abgelehnt. Zusammen mit meinen Kollegen in Deutschland und den USA habe ich mit der Ordensleitung angepasste Ordensregeln für den Westen verhandelt. Bei uns sind Mann und Frau in allem gleichberechtigt. Den Sema, das Drehritual der Derwische, üben und zelebrieren wir gemischt; Kleidervorschriften für den Alltag kennen wir nicht. 

Allerdings halten wir innerhalb der rituellen Aktivitäten an Traditionellem fest. Rituale haben ihre eigene Kraft, die wir durch Verwässerung nicht verlieren möchten. Gerade in der individualistischen Kultur des Westens ist es von Nöten, den Wert und die Kraft von bestehenden religiösen Ritualen wieder zu entdecken. 

Mevlana war kulturell und theologisch fest im sunnitischen Islam eingebettet. Seine Lehre fordert, dass man einer tradierten Religion zugehörig ist, innerhalb derer Demut, Hingabe und Engagement für Gott geübt werden können, aber auch das Sich-Loslösen von Formalitäten in Momenten der spirituellen Erhebung. Ich kann in Mevlana keine Parallele zur westlichen Mentalität finden, auch wenn viele in Faszination für seine Gedichte meinen, Mevlana sei ein Freidenker. 

"Das westliche Bild des Islam hat sich kaum verbessert"

Wie hat sich in Ihrer Sicht das Islam-Bild in all den Jahren entwickelt, die Sie sich mit dieser Religion beschäftigen? 

Cunz: Im Westen kennen wir vor allem den politisierten Islam sunnitischer oder schiitischer Prägung, der prominent in den Medien kolportiert wird. Von der enormen Vielfalt an Deutungen, die der Koran zulässt, haben wir wenig Ahnung. Es gibt unzählige Sufi-Orden, die ihren eigenen Stil der islamischen Gläubigkeit pflegen.

Auch wenn der Sufismus in den letzten paar Jahrzehnten im Westen bekannter wurde, hat sich das westliche Bild des Islam wenig verbessert. Das hat nicht nur mit der Oberflächlichkeit der westlichen Wahrnehmung zu tun, sondern gleichfalls mit der sturen Verblendung islamischer Gelehrter, die ständig in den Rückspiegel schauen und es nicht wagen, Neuerungen im islamischen Ausdruck vorzuschlagen.

 

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Klimawandel, Ukrainekrieg…: Wir leben in unruhigen und ungewissen Zeiten. Welche Botschaften Mevlanas sehen Sie als zentral für die Menschen von heute?  

Das größte Problem des Klimawandels wird aus meiner Sicht die prognostizierte Erhöhung des Meeresspiegels sein, der ganze Völkerwanderungen auslösen wird, mit hässlichen politischen und sozialen Konsequenzen. Kriege und Völkerwanderungen sind nicht neu; diese hat es immer gegeben.

Mevlana ist selbst mitten in unruhigen und ungewissen Zeiten aufgewachsen. Sein Vater musste mit der Familie vor dem Ansturm der Mongolen fliehen. Auch innerhalb der Familie hatte er schwierige Zeiten, als einer seiner Söhne sich vehement gegen seinen Lehrer und Freund Schams von Täbris stellte. Doch all das hat seine Inspiration nicht geschmälert. 

Ja, die Klimakrise macht uns Angst; auch die vielen Asylsuchenden ängstigen uns. Wir sind in Angst wegen den Spannungen zwischen den USA und Russland, welche zum jetzigen Ukrainekrieg führten, aber auch wegen dem erbitterten Wettbewerb zwischen den USA und China.

Angst wovor? Natürlich Angst vor materiellem Verlust, welcher Art auch immer. Gerade diese menschliche Angst versucht die Sufi-Lehre zu überwinden. Mevlana hat es noch und noch gepredigt: Es geht nicht ums Aufgeben der sozialen oder politischen Verantwortung, aber es geht ums Aufgeben des Festhaltens an unserem eigenen Selbst mit dem ängstlichen Ich-Gefühl und dem Ego.

Das kann man in jeder Lebenssituation üben. Die angesagten Veränderungen im Äußeren sind Boten für eine Veränderung, die in uns selbst notwendig ist. Wer Veränderung fürchtet, verharrt im Krisenmodus und hat keine Chance zum spirituellen Wachstum. 

Das Interview führte Marian Brehmer.

© Qantara.de 2023 

Marian Brehmer hat Iranistik studiert und schreibt als freier Autor mit dem Schwerpunkt islamische Mystik. Er ist Autor des Buches "Der Schatz unter den Ruinen: Meine Reisen mit Rumi zu den Quellen der Weisheit” (Herder, 2022), ein spiritueller Reisebericht, der von Begegnungen mit Sufis, Suchenden und Weisen in Afghanistan, Iran, Syrien und der Türkei erzählt.