Rassismus in Deutschland

Im gesellschaftlichen Abseits

Solange nicht auch das Thema Rassismus offen diskutiert wird, stößt die Integrationsdebatte in Deutschland an ihre Grenzen. Denn Integration und Rassismus sind zwei Seiten eines Teilhabe-Diskurses, dem sich ein Einwanderungsland stellen sollte, meint der Politikwissenschaftler Aladin El-Mafaalani.

Diskriminierung kann bekanntlich vor dem Hintergrund verschiedener Merkmale stattfinden: Bezogen auf das Geschlecht (Sexismus), die sexuelle Orientierung (Homophobie), die Schichtzugehörigkeit (Klassismus), hinzu kommen u.a. Altersdiskriminierung und Behindertenfeindlichkeit. Diskriminierendes Verhalten gegenüber Menschen, das sich auf die Merkmale Kultur, Religion, Hautfarbe, die ethnische oder nationale Herkunft bezieht, lässt sich als rassistisch klassifizieren.

Dieser weit gefasste Rassismusbegriff wäre entsprechend ein Oberbegriff für verschiedene Variationen, u.a. für Antisemitismus, Antiziganismus, Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit sowie Islamfeindlichkeit. Es geht also um die Konstruktion einer Grenze der Zugehörigkeit durch biologische und – heute immer stärker – kulturelle Zuschreibungen.

Rassistisch ist eine Handlung also dann, wenn man einem Menschen oder mehreren Menschen aufgrund der genannten Merkmale gruppenbezogene Eigenschaften zuschreibt, die dann zu Abwertung und Ausgrenzung führen. Diese Handlung kann bewusst und in böser Absicht vollzogen werden – nur dann spräche man bei dem Akteur von einem Rassisten – oder sie ist unbewusst, gegebenenfalls mit guten Absichten – sie bleibt dann dennoch rassistisch.

Als Rassisten sollte man Menschen also nur dann bezeichnen, wenn sie aktiv und bewusst andere Menschen aufgrund ihrer Religion, Kultur, Hautfarbe oder ethnischen Herkunft ausgrenzen. Rassisten haben ein weitgehend geschlossenes rassistisch geprägtes Selbst- und Weltbild und sind weitgehend Forschungsobjekt der Rechtsextremismusforschung (unabhängig davon, ob Gewalttaten organisiert und ausgeübt werden).

Struktureller Rassismus

Die Rassismusforschung konzentriert sich insbesondere auf die viel häufigeren rassistisch ausgrenzenden Handlungen und Prozesse, die von Menschen und Institutionen ohne Absicht und ohne geschlossenes Selbst- und Weltbild vollzogen werden.

Plakate in München erinnern an die Opfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds"; Foto: Christof Stache/AFP/Getty Images
Rassistische Morde mit System: Plakate in München erinnern an die Opfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU)

Wenn die Diskriminierung systematisch erfolgt, also nicht auf einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft beschränkt werden kann, sondern in mehreren gesellschaftlichen Lebensbereichen nachweisbar ist, spricht man von strukturellem bzw. institutionellem Rassismus – und genau dieser wird in Deutschland noch viel zu wenig thematisiert.

Viele Studien haben die Ausgrenzungspraxis in Schulen, auf dem Arbeitsmarkt und auf dem Wohnungsmarkt nachweisen können. Der NSU-Skandal hat uns vor Augen geführt, dass auch innerhalb der Polizei und des Verfassungsschutzes vor dem Hintergrund kollektiver Zuschreibungen Menschen Abgrenzung und Abwertung erfahren – wodurch sich die Behörden bei ihren Ermittlungen selbst im Wege standen.

Wir müssen davon ausgehen, dass der Rassismus in jedem gesellschaftlichen Bereich vorhanden ist. Das liegt nicht daran, dass es so viele Rassisten im oben genannten Sinne gibt, sondern vielmehr daran, dass nicht hinterfragte Vorurteile und rassistische Wissensbestände in der Bevölkerung, aber auch in den Strukturen der Institutionen, weit verbreitet sind, und damit systematisch ausgegrenzt wird, ohne systematisch ausgrenzen zu wollen.

Es gibt aber auch durchaus positive Entwicklungen: Institutionen und Organisationen, in denen sich die Vielfalt der Gesellschaft in der Mitarbeiterstruktur repräsentiert, scheinen deutlich weniger anfällig für Ausgrenzung zu sein. Dies mag darin begründet liegen, dass die "Wir versus die Anderen"-Grenze nicht anhand der genannten Merkmale gezogen werden kann.

"Racial Profiling"

Zudem erscheint es sinnvoll und vertrauensstiftend, auch innerhalb der Organisation die Vielfalt zu streuen, was bezogen auf die Sicherheitsbehörden beispielsweise bedeuten würde, dass man nicht alle muslimischen Mitarbeiter/innen lediglich im Bereich Islamismus einsetzen sollte.

Eine weitere gute Botschaft ist, dass bestimmte Professionen weniger anfällig für diskriminierendes Handeln sind: So lässt sich etwa im Justiz- und Bildungswesen Diskriminierung etwas seltener bzw. schwächer nachweisen als beispielsweise auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt.

Blick in ein Klassenimmer; Foto: dpa
Rassismus im Klassenzimmer: In einer ersten bundesweiten Studie zum Thema "Vielfalt im Lehrerzimmer" haben sich mehrere Wissenschaftlerinnen bereits vor vier Jahren mit der Diskriminierung von Lehrern mit Migrationshintergrund auseinandergesetzt. Das Ergebnis ist erschreckend: Mehr als 22 Prozent der Pädagogen erlebten Diskriminierung und Rassismus im Schullalltag, so das Ergebnis der empirischen Studie.

Besonders problematisch wird es, wenn explizit nicht-sachliche Kriterien handlungsleitend sind und dies durch Vorgesetzte, Vorschriften oder Gesetze gedeckt wird. Das "Racial Profiling" kennzeichnet beispielsweise eine Personenkontrolle, die nicht etwa aufgrund eines konkreten Verdachts oder eines auffälligen Verhaltens einer Person vollzogen wird, sondern beispielsweise aufgrund der Hautfarbe.

Da "Racial Profiling" in Deutschland explizit und bewusst praktiziert wird bzw. wurde (unter Umständen sogar Teil der Ausbildung ist) und die Behörden der inneren Sicherheit außergewöhnlich wichtige Institutionen mit hoheitlichen Aufgaben sind, handelt es sich um eine extreme Form des institutionellen Rassismus.

Tabuisierter Rassismus

In einer Gesellschaft, in der dies nicht nur zum Alltag gehört, sondern (noch) legal ist und weitgehend als legitim wahrgenommen wird, kann konstatiert werden, dass die Sensibilität im Umgang mit diesem Themenkomplex bislang fehlt. Die Tabuisierung des Rassismusbegriffs insgesamt deutet ebenso darauf hin.

Dabei beschränkt sich die Tabuisierung auf den strukturellen bzw. institutionellen Rassismus. Über Rechtsextremismus redet man nur zu gerne, organisiert und besucht Gegendemonstrationen, um sich selbst von diesen Rassisten abzugrenzen. Dass rassistisches Denken und Handeln in der Bevölkerung und den Institutionen sehr weit verbreitet ist, hört man hingegen nicht gerne. Vielmehr wird versucht, dieses Problem als Problem der bildungsfernen Unterschicht oder als ostdeutsches Phänomen darzustellen.

Auch wenn in diesen Gruppen leichte Häufungen feststellbar sind, so handelt es sich doch um ein Thema, das die gesamte Gesellschaft und alle Schichten betrifft – selbst die Oberschicht und das Bildungsbürgertum. Und auch Zuwanderer können selbstverständlich genauso rassistisch sein, wie alle anderen Menschen auch.

Allerdings macht es durchaus einen Unterschied, welche Menschen abwertend und ausgrenzend denken und sich entsprechend verhalten: Sind es Angehörige der Mehrheit ist die Wirkung weitaus problematischer als bei Minderheiten; sind es Menschen in Machtpositionen ist es noch gefährlicher.

Offener und ehrlicher Diskurs über Rassismus

Die Tatsache, dass das Personal in Schulen und der öffentlichen Verwaltung, aber auch in Spitzenpositionen noch bei Weitem nicht die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegelt, deutet auf einen enormen Nachholbedarf hin. Auch die Etablierung und Ausweitung von Antidiskriminierungs- und Antirassismusstellen können hilfreich sein.

Es besteht die begründete Hoffnung, dass in Zukunft offener und ehrlicher über gesellschaftlichen Rassismus debattiert wird und dadurch die gesellschaftliche Sensibilisierung voranschreitet. Im Anschluss an die Sarrazin-Debatte, bei der die Integration im Zentrum des Diskurses stand, hat der NSU-Skandal dazu geführt, dass stärker über strukturellen Rassismus diskutiert wird.

Es bleibt daher zu hoffen, dass es eine nachholende Rassismusdebatte gibt. Denn die Themenfelder Migration und Integration auf der einen Seite sowie Diskriminierung und Rassismus auf der anderen Seite sollten zwei in etwa gleichstarke Stränge eines (Teilhabe-) Diskurses sein. Das ist es, was wir von anderen Einwanderungsgesellschaften noch lernen können, auch wenn wir von dieser Realität noch weit entfernt sind.

Aladin El-Mafaalani

© Qantara.de 2014

Aladin El-Mafaalani ist Professor für Politikwissenschaft an der Fachhochschule Münster.

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