Gamze Kubasik, Tochter des NSU-Mordopfers Mehmet Kubasik, Foto: A. Grunau/DW
Opfer des NSU-Terrors

Eine Tochter will Gerechtigkeit

Ihr Vater Mehmet Kubasik wurde am 4. April 2006 als achtes Opfer der NSU-Mörder erschossen. Doch das erkannte man erst 2011. Vor dem NSU-Prozess spricht Tochter Gamze über das Verbrechen und ihre Hoffnungen. Von Andrea Grunau

"Oh nein, jetzt kriegt das die Tochter mit", so hört Gamze Kubasik die Umstehenden murmeln, als sie am 4. April 2006 mittags in den Kiosk ihres Vaters gehen will, um ihn abzulösen.

Polizei- und Krankenwagen mit Blaulicht stehen vor dem Geschäft an der vierspurigen Mallinckrodtstraße im Dortmunder Norden. Den Eingang zum Kiosk versperrt ein rot-weißes Band. Als Gamze Kubasik durchgehen will zu ihrem Vater, hält sie ein Polizist auf.

An diesem Dienstagmorgen hatte die 20-Jährige ihren Vater geweckt, um ihm zu sagen, dass sie ihren kleinen Bruder Mert zum Kindergarten bringe und Mehmet Kubasik noch etwas schlafen könne. Ihre Stimme zittert, als sie davon erzählt: "Ich weiß Bescheid, mein Kind", antwortete ihr Vater. "Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe", erinnert sich Gamze Kubasik. Sie hatte ein enges Vertrauensverhältnis zu ihm, lächelt, wenn sie von ihm spricht.

"Er war so humorvoll", erzählt sie, "der hat sich mit allen immer gut verstanden. Wenn ich mal mit meinem Papa in der Stadt war, dann hatte ich das Gefühl, ganz Dortmund würde ihn kennen."

Schatten der Vergangenheit

Gamze Kubasik und ihre Mutter beim Schweigemarsch in Dortmund, Foto: Miriam Bunjes
Die Opfer des rechtsextremen Terrors fordern Gerechtigkeit: Gamze Kubasik und ihre Mutter während eines Schweigemarschs in Dortmund am 11. Juni 2006.

​​Eineinhalb Jahrzehnte lebte Mehmet Kubasik in Deutschland. Als türkisch-kurdischer Alevit, Mitglied einer religiösen Minderheit, fühlte er sich Ende der 1980er Jahre im Südosten Anatoliens nicht mehr sicher. Er beantragte in Dortmund Asyl, fast zwei Jahre lebte die Familie im Heim. Der Asylantrag wurde anerkannt, Gamzes Brüder Ergün und Mert kamen zur Welt.

2003 wurden die Kubasiks deutsche Staatsbürger. Auf seine neue Heimat Deutschland ließ Mehmet Kubasik nichts kommen, erzählt seine Tochter. Das Land habe ihm entsprochen, Deutschland war demokratisch - "und so war mein Vater auch".

Zwischen 12 und 13 Uhr muss sein Mörder den Kiosk betreten haben. Mit einer Pistole der Marke Ceska, mit der schon sieben andere Männer getötet worden waren, schießt er mehrfach auf Mehmet Kubasik, der hinter dem Verkaufstresen steht. Zwei Schüsse treffen seinen Kopf, er stürzt nach hinten ins Regal. So steht es in einer Fallanalyse des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg von Anfang 2007.

Das bestätigt auch Günther Meyer, der damals ein Lotto-Geschäft in der Nachbarschaft besaß. Gegen 13 Uhr hatte eine Frau durch die Scheiben des Kiosks gesehen, dass Mehmet Kubasik am Boden lag. Günther Meyer ging hinein, um nach ihm zu sehen, doch er konnte dem freundlichen Mann, den er oft beim Einkaufen getroffen hatte, nicht mehr helfen. Er rief die Polizei.

Als Gamze Kubasik in den Kiosk will, soll sie sich in ein Polizeiauto setzen, doch sie protestiert: "Ich möchte unbedingt zu meinem Vater. Wenn was ist, braucht der mich bestimmt." Der erste Polizist sagt, sie solle sich keine Sorgen machen, der zweite, dass ihr Vater verletzt sei. Erst der dritte, ein älterer Mann, teilt ihr mit: "Frau Kubasik, Ihr Vater ist tot."

Gamze Kubasik schluckt und atmet schwer, als sie sich an diesen Moment erinnert: "Ich habe alles gehört und mitbekommen, aber ich war dann nicht mehr ich."

Sieben Jahre ist das her, doch bis heute überschattet der Mord das Leben der Familie. Erst vor wenigen Tagen, so erzählt die Tochter beim Interview in ihrer Dachgeschoss-Wohnung im Dortmunder Norden, habe ihre Mutter Elif Kubasik, als sie mit einer Freundin unterwegs war, zwei Männer hinter sich gesehen, die sie für Neonazis hielt.Sie bekam große Angst, reagierte panisch. Auch vor dem Mord an ihrem Mann wurden vor dem Kiosk zwei Männer beobachtet.

Ähnliches passiere immer wieder, erzählt Gamze Kubasik. Auch sie selbst habe "sehr oft Angstzustände", doch sie reiße sich zusammen. Die heute 27-Jährige will stark sein, vor allem beim NSU-Prozess gegen die Unterstützer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" vor dem Oberlandesgericht in München. Als eine von rund 70 Nebenklägern will sie Beate Zschäpe und den anderen Angeklagten ins Gesicht sehen: "Wenn das wirklich Menschen sind, würden sie das nicht verkraften, dass die Familienangehörigen (der Opfer, Anm. d. Red.) da sind und ihnen in die Augen gucken."

Gamze Kubasik fordert Gerechtigkeit für ihren Vater - und sie will verhindern, dass andere Familien das erleben, was die Kubasiks und die Familien der neun anderen NSU-Mordopfer erlitten haben. Darum sprach sie im Februar 2012 vor 1200 Gästen auf der zentralen Gedenkfeier in Berlin an der Seite von Semiya Simsek, der Tochter des ersten NSU-Mordopfers Enver Simsek, ebenso wie bei Kundgebungen in Dortmund.

Bundeskanzlerin Angela Merkel entschuldigte sich in Berlin bei den Angehörigen für die jahrelangen falschen Verdächtigungen der Opfer und ihrer Familien, die erst aufhörten, als im November 2011 das NSU-Bekennervideo bekannt wurde.

Bombardiert mit falschen Verdächtigungen

"Wer war das?", dieser Gedanke schoss Gamze Kubasik gleich nach der Nachricht vom Tod ihres Vaters durch den Kopf. Geradezu beschwörend betont sie noch heute, ihr Vater sei ein "ganz normaler Bürger" gewesen, sie alle eine normale Familie mit normalen Freunden.

Ein Plakat der NSU-Opfer in Rostock; Foto: dpa/picture-alliance
Im Visier der Rechtsradikalen: Das Neonazi-Trio der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) war Ende der 90er Jahre in Thüringen untergetaucht und hatte später von Zwickau aus operiert. Ihm werden zehn Morde sowie eine Reihe von Banküberfällen angelastet.

​​Lange hatte das den Kubasiks kaum jemand geglaubt. Im April 2006 und lange danach verfolgte die Polizei ganz andere Theorien. Am Tag nach dem Mord wurden Gamze Kubasik und ihre Mutter morgens gegen acht Uhr zuhause abgeholt, erinnert sie sich.

Sechs Stunden lang wurden die trauernden Frauen getrennt befragt. Es sei ein Schock für sie gewesen, mit welchen Fragen sie am Tag nach dem Mord und danach immer wieder bombardiert wurde, sagt Gamze Kubasik: "Hat Ihr Vater Drogen genommen, hat er Drogen verkauft?"

Die Polizei fragte nach Kontakten zur Mafia und zur verbotenen kurdischen PKK. Eine Staffel durchsuchte mit Hunden die Wohnung der Kubasiks und den Keller, sammelte Staub, zerlegte das Auto ihres Vaters, nahm Speichelproben der drei Kinder. Sie fand nichts. Als Gamze Kubasik sagte, der Mord müsse einen rechtsextremen Hintergrund haben, entgegnete man ihr, dafür gebe es keine Beweise.

Zwei Tage nach der Ermordung Mehmet Kubasiks wurde in Kassel der 21-jährige Halit Yozgat mit derselben Waffe erschossen. Die Medien gaben den Verdacht der Ermittler wieder, die mittlerweile neun Opfer könnten in dunkle Geschäfte verwickelt gewesen sein.

Gamze Kubasik wusste nicht, wie sie das Gegenteil beweisen sollte. Sie fiel in ein "tiefes schwarzes Loch", denn auch in Dortmund tuschelten fast alle hinter ihrem Rücken über Drogen, Mafia oder Geldwäsche. Ihr Bruder Ergün prügelte sich mit einem Schulkameraden, weil der schlecht über seinen Vater redete. Die Begründung: "Wir haben das im Fernsehen gesehen."

"Dein Vater hätte nicht sterben müssen"

Die Kubasiks nahmen Kontakt zu Familie Yozgat auf, die auch nicht schweigen wollte zum Mord an ihrem Sohn Halit. Vereine aus Kassel organisierten dort im Mai 2006 eine Demonstration unter dem Motto "Kein 10. Mord" mit weit über 2000 Teilnehmern, erinnert sich Gamze Kubasik.

Von den Familien der anderen Mordopfer kam nur Familie Simsek. Besonders die Begegnung mit Semiya Simsek bewegte Gamze Kubasik: "Ich wusste, was ich gerade fühle, das weiß sie und das fühlt sie auch. Ich habe sie sofort umarmt und ins Herz geschlossen."

Die beiden jungen Frauen, die ihre Väter durch die Neonazi-Morde verloren haben, sind seitdem befreundet, telefonieren regelmäßig. "Dein Vater hätte nicht sterben müssen", sagte Semiya Simsek zu Gamze Kubasik. Im Juni 2006 forderten sie gemeinsam bei einem Schweigemarsch in Dortmund: "Stoppt die Mörder."

Das Medienecho auf die Botschaft der Familien aber blieb dürftig, beklagt Gamze Kubasik: "Keiner wollte das hören, was wir gesagt haben." Sie konnte nicht mehr ertragen, wie schlecht man über ihren Vater redete, und ging nicht mehr vor die Tür. Die geplante Ausbildung trat sie nicht an, sie saß in ihrem Zimmer und grübelte monatelang.

Nach einem Jahr gewinnt ihr Kampfgeist die Oberhand, sie geht wieder raus und sucht sich eine Arbeit. Im November 2011 ruft eine Freundin an: "Man hat die Leute gefunden, die deinen Vater umgebracht haben, aber die sind wahrscheinlich tot. So hat man das im Fernsehen gezeigt." Als Gamze Kubasik ihrer Mutter am Telefon davon erzählen will, kann sie nur weinen und schreien, sie muss sich erst beruhigen.

An diesem Tag habe sie gemerkt, welche Last sie all die Jahre getragen habe. Sie war erleichtert, dass mit dem Auffliegen des rechtsextremistischen NSU die Gerüchte um ihren Vater widerlegt waren, sagt die junge Frau. Obwohl sie selbst längst einen rechtsradikalen Hintergrund vermutete, empfand sie es als "Schlag ins Gesicht", dass tatsächlich Menschen ermordet werden, "nur weil die schwarze Haare haben oder eine andere Religion oder anders aussehen".

Schockiert und wütend ist Gamze Kubasik über die Fehler bei den Ermittlungen und beim Verfassungsschutz, die seitdem bekannt wurden, wie etwa die Vernichtung wichtiger Akten. Sie kann nicht fassen, wie so etwas passieren konnte, nachdem Regierungschefin Angela Merkel bei der Gedenkfeier glaubwürdig versprochen hatte, es werde alles für die Aufklärung getan. Als Angehörige fragt sie sich: "Wie sicher sind wir eigentlich in diesem Land?" Ihre Befürchtung: "Mein Vater bekommt seine Gerechtigkeit nicht."

Gamze Kubasik (r.) mit Semiya Simsek auf der Gedenkveranstaltung für die NSU-Opfer in Berlin, Foto: dpa/picture-alliance
Gamze Kubasik: "Uns wurde sehr viel versprochen, auch von Bundeskanzlerin Merkel. Dann haben wir gehört, dass Akten vernichtet wurden, und wir haben das Gefühl, die Aufklärung kommt nicht voran. Ich fühle mich deshalb hintergangen und bin wütend und traurig zugleich."

​​Auch wenn sie weiß, dass im NSU-Prozess womöglich Fragen offen bleiben werden, will sie mit ihrem Anwalt konsequent für Aufklärung und Gerechtigkeit kämpfen. Dafür wünscht sie sich die Unterstützung der Bundeskanzlerin und des Bundespräsidenten: "Ich meine, es ist unser Recht, dass wir erwarten, dass die hinter uns stehen und die Sachen aufgeklärt werden."

Dass der Gerichtssaal in München viel zu klein ist für alle Berichterstatter und Beobachter, erwecke bei ihr den Eindruck, "dass man diesen Prozess irgendwie auch verdrängen möchte". Das werde aber nicht gelingen, dafür sorgten mittlerweile die Medien und auch die Angehörigen. Nach all den Jahren ist sie froh, "dass es überhaupt zu einem Prozess gekommen ist".

"Dieses Land gehört uns allen und nicht den Nazis"

Gamze Kubasik hält es für ihre Pflicht, sich als Betroffene für die Aufklärung der Morde und gegen eine Wiederholung einzusetzen: "Ich glaube, eine Person wie ich kann die Menschen berühren und zusammenbringen", sagt sie. "Wir leben hier in einer Demokratie, wo wir alle zusammenhalten müssen und solche Leute nichts zu suchen haben."

Öffentlich aufzutreten fällt ihr nicht leicht, weil sie sehr emotional ist. Beim Gedanken an den Prozess bekommt sie selbst im Interview sofort Herzklopfen. Doch sie schöpft Kraft daraus, dass sie das für ihren Vater und ihre gemeinsame Heimat tut.

Gamze Kubasik will in Deutschland leben. Nach ihrer Heirat wohnte sie mit ihrem Mann ein halbes Jahr in der Türkei, doch sie wollte zurück. "Deutschland ist meine Heimat", sagt sie, "ich bin auch Deutsche, und das lasse ich mir nicht kaputt machen - und meiner Familie auch nicht. Dieses Land gehört uns allen und nicht den Nazis."

Andrea Grunau

© Deutsche Welle 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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