Porträt der indonesischen Autorin Linda Christanty

"Ich will schreiben, bis ich sterbe"

Linda Christanty ist eine der anerkanntesten Schriftstellerinnen ihres Landes. Bereits 1989 gewann sie als jüngste Autorin den jährlichen Kurzgeschichtenwettbewerb von "Kompas", der größten indonesischen Tageszeitung. 2013 erhielt sie den renommierten "Southeast Asian Writers Award". Christina Schott hat Christanty in Jakarta getroffen.

Linda Christanty ist eine zierliche Frau mit aparten, chinesisch anmutenden Gesichtszügen. Selbst in einem vollen Café in Jakartas Innenstadt fällt sie durch ihre Präsenz auf. Die älteste Tochter eines Bergbaumanagers wuchs auf der Insel Bangka auf. Ihre Eltern waren liberal und westlich orientiert, die Bildung ihrer drei Kinder lag ihnen am Herzen. Wie die meisten Angehörigen ihrer Generation hielten sie sich jedoch sehr zurück mit politischen Ansichten – eine Folge der blutigen Massenmorde an Kommunisten und deren mutmaßlichen Sympathisanten, die der Machtergreifung durch General Suharto im Jahr 1965 folgten.

Der Großvater jedoch, Gewerkschaftsmitglied und Anhänger des abgesetzten Präsidenten Sukarno, hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. So vermittelte er seiner Enkelin sein politisches Gedankengut: dass soziale Gerechtigkeit wichtiger sei als ein persönliches Vermögen anzuhäufen. Und dass man sich gegen Missstände wehren müsse. Der gläubige Muslim lehrte sie außerdem, dass es nicht bedeutend sei, welcher Religion man angehöre, sondern wie man sie lebe. So verteilte die Familie an allen wichtigen Feiertagen Reis und Kuchen an ärmere Nachbarn, egal ob sie Muslime, Christen oder Buddhisten waren.

"Ich bin in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Indonesien kein islamischer Staat ist, sondern eine säkulare Republik", erzählt die Muslima. Ihren christlich klingenden Name hat sie der Verehrung ihres Vaters für die Tennisspielerin Chris Evert zu verdanken hat. Während ihres Literaturstudiums in Jakarta lernte die junge Rebellin Gleichgesinnte kennen und schloss sich 1992 einer linken Studentengruppe an.

Leben im Untergrund

Nach ihrem Abschluss engagierte sie sich in der Arbeiterbewegung für bessere Lebensbedingungen von Fabrikarbeitern und der armen Stadtbevölkerung – ein riskantes Unterfangen unter dem autoritären Militärregime Suhartos. Schließlich ging sie in den Untergrund und gründete die "Demokratische Volkspartei" (PRD) mit, die 1996 später wegen angeblich kommunistischer Ideologien verboten wurde. Die Parteiführer wurden verhaftet, einige gefoltert, einige tauchten nie wieder auf. Linda Christanty versteckte sich damals in wechselnden Arbeiterbarracken und schrieb unter dem Decknamen "Mirna" gegen das Regime an.

Buchcover Linda Christantys Essayband "Schreib ja nicht, dass wir Terroristen sind!" im Verlag Horlemann
In ihrem politischen Essayband "Schreib ja nicht, dass wir Terroristen sind!" schildert Christanty ihre Erfahrungen in der Krisenprovinz Aceh. Sie berichtet über die Folgen des 30-jährigen Bürgerkriegs, beobachtet den schwierigen Friedensprozess sowie die Einführung der Scharia in der autonomen Provinz.

Als Suharto 1998 im Zuge der Asienkrise und der überwältigenden Proteste im Land schließlich zurücktreten musste, schlug die Euphorie allerdings bald in Frust um. 33 Jahre Indoktrinierung zeigten ihre Wirkung: Die Zivilbevölkerung war politisch völlig ungebildet und auf den plötzlichen Umschwung nicht vorbereitet. Die Opposition war zu zersplittert, um eine neue Demokratie aufzubauen. So füllten wieder die alten Seilschaften das Machtvakuum.

Im Jahr 2000 hörte Linda Christanty auf, sich für politische Organisationen zu engagieren. "Ich wollte nie Politikerin werden. Ich wollte für ein freies Land kämpfen, in dem jeder gleiche Rechte hat", so die ehemalige Revolutionärin. "Mein persönliches Ziel war immer das Schreiben. Ich will schreiben, bis ich sterbe."

Scharfsinniger Blick hinter die Kulissen

Wenn die 45-Jährige ihre Gesprächspartner durch ihre rechteckigen Brillengläser mustert, versprühen ihre Blicke Energie und Scharfsinn. Bis heute scheut sie sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen. Oder auch Menschen, die sich unsozial verhalten: korrupte Machthaber, unlautere Geschäftsleute oder religiöse Fanatiker. Genauso wichtig jedoch ist es der engagierten Autorin, die auch viel als Journalistin arbeitet, immer beide Seiten zu betrachten: "Meine eigenen Ideen und Emotionen verarbeite ich lieber in fiktiven Erzählungen. In meinen Reportagen dagegen versuche ich nicht zu bewerten. Die Fakten sollen für sich sprechen."

So auch in ihrem politischen Essayband "Schreib ja nicht, dass wir Terroristen sind!", der demnächst auf Deutsch erschienen wird (Horlemann 2015). Darin beschreibt Linda Christanty ihre Erfahrungen in der Krisenprovinz Aceh, wo sie sechs Jahre lang die Redaktion des "Aceh Feature Service" leitete. Sie berichtet über die Folgen des 30-jährigen Bürgerkriegs, der erst nach dem verheerenden Tsunami von 2004 beendet wurde, bei dem allein in Aceh rund 170.000 Menschen starben. Sie beobachtet den schwierigen Friedensprozess sowie die Einführung der Scharia in der autonomen Provinz. Sie schildert die schwierigen Lebensbedingungen von elternlosen Kindern und misshandelten Frauen sowie den Werdegang von ehemaligen Rebellen oder fanatischen Religionsschülern.

Im letzten Drittel ihres Buches setzt sie die Ereignisse in Aceh in einen weiteren Kontext, indem sie auf extremistische Ideologien weltweit, insbesondere in Südostasien, eingeht.

Zusammenprall von nationaler und globaler Politik

"Die Debatte über globale Konflikte beeinflusst Regionen in aller Welt. Angesichts der Politik in Syrien und im Irak wird der Islam oft mit 'Terrorismus' oder 'Radikalismus' in Verbindung gebracht. Und die Palästinenser, die für ihre Unabhängigkeit kämpfen, bezeichnet man ebenfalls als 'Terroristen'. In bestimmten Situationen dient der Islam aber auch als kollektive Identität einer Gemeinschaft, die sich bedroht fühlt", sagt die Journalistin. "Aceh ist für mich das beste Beispiel, wie lokale, nationale und globale Politik aufeinanderprallen. Nach dem Ende des bewaffneten Konflikts wurde dort das Kriegsrecht durch die Scharia ersetzt. Die Praxis hat sich dadurch nicht geändert: Um ihre Interessen zu wahren, unterdrückt eine kleine Gruppe von Politikern, Unternehmern und Wissenschaftlern weiterhin das kritische Denken der Zivilbevölkerung."

Dass Linda Christanty ihr Buch bei der kommenden Frankfurter Buchmesse auf Deutsch vorstellen kann, hat sie dem Einsatz ihres guten Freundes Gunnar Stange zu verdanken. Der Aceh-Experte und wissenschaftliche Mitarbeiter der Frankfurter Goethe-Universität hat ihr Buch herausgegeben und übersetzt.

Ob die Schriftstellerin eines ihrer literarischen Werke präsentieren wird, ist aufgrund der wenig transparenten Auswahl des Nationalen Komitees für den Gastauftritt Indonesiens bei der diesjährigen Buchmesse bislang nicht klar. Immerhin sind ihre preisgekrönten Kurzgeschichtenbände "Maria Pinto's Flying Horse" und "A Dog Died in Bala Murghab" bereits auf Englisch übersetzt worden.

Christantys Erzählungen beruhen meist auf aktuellen Ereignissen, die sie jedoch in einer Art magischen Realismus verfremdet. Dabei geht es ebenfalls um soziale und politische Konflikte, um Unterdrückung und Widerstand, aber auch um Liebe und Vergebung. "Ich habe die Vorstellungen meines Großvaters geerbt. Weil ich selbst keine Kinder habe, gebe ich mein Erbe nun über meine Bücher weiter", sagt die allein lebende Autorin.

Christina Schott

© Qantara.de 2015

Linda Christanty erhielt 1998, passend zum demokratischen Umbruch in Indonesien, einen Menschenrechtspreis für ihr Essay "Militarism and Violence in East Timor". In den Jahren 2004 und 2010 gewann sie den wichtigsten indonesischen Literaturpreis "Khatulistiwa". 2005 gründete die renommierte Autorin das unabhängige Onlinejournalismusportal "Aceh Feature". Zweimal wurde sie bereits vom indonesischen Bildungsministerium ausgezeichnet.

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