Interview mit der Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong

"Unsere Freiheit zählt mehr als eure"

Die britische Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong hält viele Zuschreibungen des Islam in den europäischen Debatten für eine Verzerrung, die in der Geschichte des Abendlandes eine lange und unrühmliche Tradition haben. Sie kritisiert die Vorstellung, der Islam sei im Vergleich zum Christentum die gewalttätigere Religion. Mit ihr sprach Claudia Mende.

Frau Armstrong, in der englischen Tageszeitung "The Guardian" schrieben Sie vor einiger Zeit, die barbarische Gewalt von ISIS sei zumindest teilweise "die Folge einer westlichen Politik der Verachtung". Würden Sie das heute noch so schreiben?

Karen Armstrong: Ja, auf jeden Fall. Wenn die Anschläge von Paris von Al-Qaida inspiriert waren, dann waren sie sowohl politisch als auch religiös motiviert. In Paris hat man das heilige Symbol moderner, säkularer, westlicher Zivilisation angegriffen: die Meinungsfreiheit. Sie ist ein Ideal der Aufklärung. Es ist essentiell für eine kapitalistische Gesellschaft, dass Menschen frei von Beschränkungen durch die Kirche, eine Klasse oder Gilde sind. In Paris haben die Terroristen gesagt: "Ihr attackiert unser heiliges Symbol (den Propheten Mohammed); dann attackieren wir euer Symbol. Dann werdet Ihr sehen, wie sich das anfühlt."

Aber was hat das mit der Verachtung des Westens für die arabische Welt zu tun?

Armstrong: Der Prophet wurde seit dem Zeitalter der Kreuzzüge im Westen als ein gewalttätiger, epileptischer, lüsterner Scharlatan dargestellt. Dieses verzerrte Bild des Islam entstand zur gleichen Zeit wie der europäische Antisemitismus, der Juden als bösartige, gewalttätige, perverse und mächtige Feinde Europas karikierte. Deshalb war der Angriff auf das Satiremagazin in Teilen ein Ergebnis westlicher Verachtung.

Der Angriff auf den koscheren Supermarkt, der wohl von ISIS unterstützt wurde, richtete sich gegen die westliche Unterstützung für Israel. Hier liegt auch ein Element von Geringschätzung vor: Es gab sehr wenig Proteste gegen die massiven Todesopfer im letzten Gaza-Krieg. Manche Muslime haben den Eindruck, das Leben palästinensischer Frauen, Kinder und älterer Menschen hätte nicht den gleichen Wert wie unseres im Westen.

Wo sehen Sie denn die Wurzeln dieser Verachtung?

Nach den Anschlägen von Paris reckt ein Demonstrant während eines Trauermarsches für die "Charlie Hebdo"-Opfer symbolisch einen Stift für die Verteidigung der Meinungsfreiheit, Foto: Reuters/Gaillard
Angriff auf das aufklärerische Selbstverständnis: Wenn die Anschläge von Paris von Al-Qaida inspiriert waren, dann waren sie sowohl politisch als auch religiös motiviert. In Paris hat man das heilige Symbol moderner, säkularer, westlicher Zivilisation angegriffen: die Meinungsfreiheit.

Armstrong: Das aufklärerische Ideal der Freiheit war Europäern vorbehalten. Die Gründungsväter der Vereinigen Staaten, die tief von der Aufklärung beeinflusst waren, haben zwar stolz verkündet: "Alle Menschen wurden gleich erschaffen" und hätten ein Recht auf Leben, Freiheit und Besitz. Aber sie hatten keine Skrupel, afrikanische Sklaven zu besitzen und die Indigenen in Amerika vom Land ihrer Vorväter zu vertreiben. John Locke, der Apostel der Toleranz, schrieb, ein Herr hätte das "absolute" Recht über seinen Sklaven, eingeschlossen das Recht, diesen jederzeit umzubringen. Das setzt sich fort: Viele von den Staatsmännern, die in Paris für die Meinungsfreiheit auf den Straßen marschierten, stützen Regime in mehrheitlich islamischen Ländern, die ihren Bürgern grundlegende Freiheiten verweigern. Großbritannien und die USA zum Beispiel unterstützen weiterhin das saudische Regime. Es ist wieder ein Fall von Geringschätzung für die Menschen in der arabischen Welt: Unsere Freiheit zählt mehr als eure.

Aber muss man sich nicht doch auch bestimmte Verse im Koran anschauen, um das Phänomen islamistischer Gewalt zu erklären?

Armstrong: Sollte man nicht, aus dem einfach Grund, weil diese Koranstellen im Laufe der Geschichte keinen Terrorismus angeregt haben. Jedes Reich beruht auf Macht, egal ob es sich um das indische, chinesische, persische, römische, griechische oder britische Imperium handelt. Das gilt auch für das islamische Reich. Bis zum Beginn das Moderne war der Islam deutlich toleranter als das westliche Christentum. Als die Kreuzzügler 1099 Jerusalem eroberten, hat ihr Massaker an den muslimischen und jüdischen Bewohnern der Stadt den Nahen Osten schockiert. Derart ungezügelte Gewaltausbrüche kannte man dort nicht. Trotzdem hat es bis zu einem ernsthaften muslimischen Gegenschlag 50 Jahre gedauert. Es gibt mehr Gewalt in der hebräischen Bibel und im Neuen Testament als im Koran.

Da würden Ihnen aber die christlichen Theologen widersprechen.

Armstrong: Jene Theologen, die reklamieren, dass es keine Passagen im Neuen Testament gibt wie im Koran die sogenannten Skandalverse 2,191-193 haben vielleicht das Buch Offenbarung vergessen. Es ist der bevorzugte Text für christliche Fundamentalisten, die den Kampf um die Endzeit erwarten, wenn die Feinde Gottes vernichtet werden. Sie verstehen diese Texte wortörtlich und zitieren sie viel häufiger als die Bergpredigt. Die Aggression gegen den Feind, die im Koran Sure 2,191ff. gefordert wird, endet mit der Aufforderung: "Hören sie aber auf, hört auch das Kampfgeschehen auf". Für die Feinde Gottes im Buch Offenbarung der Bibel gibt es diesen Ausweg nicht.

Warum spielen die von Ihnen erwähnten Texte dann keine Rolle in den Debatten?

Französische Kreuzritter während eines Angriffs auf dem Ersten Kreuzzug im heiligen Land, Darstellung von Pierre-R. d'Hautpoul; Foto: picture-alliance/AKG
Mit dem Kreuz, mit dem Schwert: "Die Vorstellung, der Islam sei gewalttätig, stammt aus der Zeit der Kreuzzüge, als westliche Christen die Muslime im Nahen Osten angriffen. Die Überzeugung, der Islam wäre immer eine Religion des Schwertes gewesen, wurde von christlichen Mönchen im 12. Jahrhundert verbreitet", so Armstrong.

Armstrong: Man kann so argumentieren, dass dieses Buch nicht charakteristisch ist für das Neue Testament als Ganzes – aber das Gleiche kann man natürlich über die sogenannten "Skandalverse" im Koran auch sagen. Selbst Jesus, der seinen Jüngern befahl, ihre Feinde zu lieben und die andere Wange hinzuhalten, wenn sie angegriffen werden, warnte sie gleichzeitig: "Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert" (MT 10,14).

Alle heiligen Schriften enthalten gewalttätige Passagen, die außerhalb ihres Kontextes zitiert und mit übermäßiger Bedeutung versehen, die friedliche Botschaft zerstören, die prinzipiell in allen Glaubensrichtungen enthalten ist.

Halten Sie dann die verbreitete Vorstellung, der Islam sei von Beginn an gewalttätig gewesen, für falsch?

Armstrong: Diese Vorstellung stammt aus der Zeit der Kreuzzüge, als westliche Christen die Muslime im Nahen Osten angriffen. Sie kann auf ein verborgenes Schuldgefühl zurückgehen. Jesus hat ja seinen Jüngern befohlen, ihre Feinde zu lieben, nicht sie auszulöschen. Die Überzeugung, der Islam wäre immer eine Religion des Schwertes gewesen, wurde von christlichen Mönchen im 12. Jahrhundert verbreitet – sie haben ihre Sorge über ihr eigenes Verhalten auf ihre Opfer projiziert.

Aber wie war das bei der Entstehung des islamischen Reichs? War da etwa keine Gewalt im Spiel?

Buchcover Karen Armstrong: "Fields of Blood: Religion and the History of Violence"; Quelle: Bodley Head/Random House Group
Die renommierte britische Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong hat zahlreiche Bücher zu Islam, Religion und Gewalt publiziert. Zuletzt erschien 2014 "Fields of Blood: Religion and the History of Violence" .

Armstrong: In der Frühzeit des Islam, als die Muslime noch eine bedrängte Minderheit in Mekka waren, hat der Koran ihnen verboten zurückzuschlagen. Aber als sie durch Verfolgung gezwungen waren, nach Medina zu fliehen und dort einen Staat gründeten, mussten die Muslime – wie andere Staatsgründer auch – kämpfen und der Koran befürwortet das. Aber Militärhistoriker sagen, dass Mohammed und die ersten Kalifen ziemlich einzigartig darin waren, ihr Reich mehr durch Diplomatie als mit Gewalt aufzubauen.

Ein weiterer Unterschied zwischen Orient und Okzident ist das Fehlen einer Trennung zwischen Staat und Religion in der arabischen Welt. Warum hat der Säkularismus dort einen so schweren Stand?

Armstrong: Der Säkularismus, der im Westen im Laufe des 18. Jahrhunderts entstand, war eine radikale Innovation. Vor der Moderne durchdrang Religion alle Lebensbereiche, weil Menschen ihr Leben als sinnvoll erleben wollten. Die Idee von "Religion" als einem privaten Streben, das von anderen Aktivitäten getrennt ist, war im vormodernen Europa genauso unbekannt wie im Rest der Welt. Keine andere Kultur hat etwas Vergleichbares. Wörter, die wir mit Religion übersetzen (wie das Arabische din oder dharma im Sanskrit), beziehen sich auf einen ganzen Lebensstil. Religion aus der Politik zu entfernen, wäre so unmöglich gewesen, wie das Entfernen des Gin aus einem Cocktail. Nicht weil sie zu dumm gewesen wären, zwei unterschiedliche Sphären voneinander zu unterscheiden, sondern weil Fragen wie das Schicksal der Armen, die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung oder Gerechtigkeit Fragen von heiliger Wichtigkeit waren.

Ist es zutreffend, dass im islamisch geprägten Raum Säkularismus in erster Linie als westlicher Import betrachtet wird?

Armstrong: Er ist ein westlicher Import. Säkularismus hat sich aus unserer europäischen Dynamik entwickelt und nicht auf Geheiß von jemand anderem. Für unsere Modernisierung ist er essentiell und viele halten ihn für befreiend. Aber in der arabischen Welt ist Säkularismus ein Import aus dem Ausland, von den Kolonialmächten auferlegt.

Der Säkularismus ging in der arabischen Welt eher mit Unterwerfung denn mit politischer Freiheit einher. Als die Kolonialherren gingen, wurde der Säkularismus oftmals so gewalttätig einführt, dass er als Übel erschien. Als Atatürk die moderne Türkei säkularisierte, schloss er die islamischen Madrasahs. Seine Politik der ethnischen Säuberung verband Säkularismus für immer mit der Gewalt der Jungtürken, eine säkulare Gruppierung, die in der osmanischen Türkei während des Ersten Weltkriegs für die Massaker an den Armeniern verantwortlich war. Diese Herrscher wollten, dass ihre Länder modern (also europäisch) aussehen, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung nicht mit westlichen Ideen vertraut war.

Wie war es in Ägypten, dem Geburtsland des Islamismus?

Armstrong: Nach einem Anschlag auf sein Leben im Jahr 1954 hatte Gamal Abdel Nasser Tausende Muslimbrüder eingesperrt, die meisten von ihnen waren unschuldig. Die meisten wurden ohne Gerichtsurteil für so belastende Dinge wie das Verteilen von Flugblättern oder die Teilnahme an Versammlungen eingesperrt. Einer von ihnen war Sayyid Qutb: Als er sah, wie die Muslimbrüder im Gefängnis geschlagen, gefoltert und ermordet wurden und hörte, wie Nasser versprach, Ägypten nach westlichem Modell zu säkularisieren und den Islam auf die private Sphäre zu beschränken, kam ihm der Säkularismus als ein großes Übel vor. Im Gefängnis schrieb er dann "Wegzeichen", die "Bibel" des sunnitischen Fundamentalismus. Auf Nassers Anordnung wurde er 1966 hingerichtet. Die anderen Muslimbrüder wurden in Nassers grauenhaften Gefängnissen radikalisiert. Als sie in den 1970er Jahren freikamen, haben sie ihren Extremismus schließlich in den Mainstream eingebracht.

Interview: Claudia Mende

© Qantara.de 2015

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Leserkommentare zum Artikel: "Unsere Freiheit zählt mehr als eure"

Wie kann diese Frau die "Attacke auch den Propheten" mit dem Zeichenstift und die "Attacke auf die Meinungsfreiheit" mit brutaler Waffengewalt einander gleichsetzen und letzteres mit ersterem entschuldigen? Und die Opfer sind natürlich selbst schuld, wie die Frau, die sich vermeintlich aufreizend angezogen hat und vergewaltigt wurde. Merkwürdigerweise zieht sich dieser Gedanke durch das gesamte Interview und sie spricht im Grunde die Muslime von jeder Schuld für ihre Grausamkeiten frei.

Melchior Hagen17.02.2015 | 11:26 Uhr

I think you need to learn to how to read an article; where has Karren Armstrong in the whole article said that Fundamentalist Muslims or Islamists are not responsible for the extremism which they have spread in the Muslim societies? According to you Muslims are a single block and they all should be blamed for the extremism of Islamists (a small group within Islam), I find your position to be laughable. Attack on French newspaper was the work of Islamists and not of other Muslims who don't identify themselves with Wahabi/Salafi strand of Islam and with political Islam.

Hassan18.02.2015 | 07:40 Uhr

Was gesagt werden muss. Entlich eine der sich getraut hat die Wahrcheit zu schreiben.

Bebana18.02.2015 | 19:12 Uhr

Leider vergisst Frau Armstrong die antisemitische Motivation der Terroristen, die mal wieder als Israelkritik verharmlost wird. Der Antisemitismus war schon immer ein Bestandteil des Islamismus, bereits vor der Gründung Israels. Auch die Kooperation mit den Nazis durch den Mufti von Jerusalem oder die Übernahme klassischer, antisemitischer Verschwörungstheorien belegen dies. Natürlich hat der Imperialismus den Nährboden für die heutige Radikalisierung mitverursacht, doch gab es schon im 19. Jahrhundert Strömungen, die heute die ideologische Grundlage der Islamisten bilden. Vor allem ist der Wahabismus die Staatsdoktrin Saudi-Arabiens, das wie die Islamisten alles Westliche ablehnt bzw. bekämpft, maßgebend. Die destruktive Politik westlicher Staaten ist unbestritten und ist sicher auch im Rassismus Europas und kapitalistischer Verwertungsideologie begründet. Dennoch befindet sich die arabisch-islamische Welt in der Krise und die ist hausgemacht. Verschiedene Ideologien, wie der Nationalismus verbunden mit psedosozialistischen Elementen oder die Herschafft von Stammesführern, führten immer zu gleichen gewalttätigen korrupten Herrschaftsmethoden. Unabhängig davon, ob man mit dem Westen verbunden war oder mit dem Ostblock bzw. ganz ohne Unterstützung aus Europa auskam. Im Übrigen ist es überraschend, dass Frau Armstrong den Protestsommer gegen Israel übersehen hat. Weniger überraschend ist, dass man die Proteste gegen den Krieg im Südsudan oder die Verfolgung von Muslimen in Myanmar übersehen konnte.

Martin Gieseler19.02.2015 | 19:51 Uhr

Im grossen und ganzen ist der Artikel recht objektiv und neutral gehalten.Nun kann man aber die Muslim Brothers nicht so ohne Weiteres und ohne Angaben von Gründen für den Extremismus verantwortlich machen.Dieser sog.Extremismus im Mainstream ist erst lange Zeit nach der Gründung der Muslim Brothers,die damals die Besatzung der Kolonialherren,die Engländer,bekämpft haben,und in den letzten Jahren von den Medien verteufelt wurden.Jahrzehnte-Jahrhunderte gab es keinen sogennanten islamischen Terrorismus,alle lebten friedlich miteinander,wer hat das Feuer der Hetzt und Verleumdung wohl nun geschürt,und zu welchem Zweck?

Ute Diri-Dost20.02.2015 | 15:20 Uhr

Frau K.A. ist schlecht informiert, wenn sie das meint:
"Sie kritisiert die Vorstellung, der Islam sei im Vergleich zum Christentum die gewalttätigere Religion. "
Eine Vielzahl von Literatur widerspricht seit Jahren dieser Vorstellung! Wir wissen doch, dass alle momotheistischen Religionen ein Gewaltpotential haben... Die Frage ist doch, wie werden wir mit der Spirale der Gewalt und des Hasses in einer aufgeklärten Gesellschaft fertig? Dazu sollten alle Religionen ihren Beitrag leisten...
Aus einer religiösen Erfahrung an einen Gott der Liebe und Barmherzigkeit zu glauben, bedeutet gleichsam für Juden, Christen und Muslime Verantwortung für das Wohlergehen des Mitmenschen; ebenso Verantwortung für Umwelt, aber mehr noch Verantwortung für den Frieden zu übernehmen, was gleichzeitig aber auch ein politisches Handeln erfordert. Somit ist die Gesellschaft, der Lebensraum der Menschen, immer auch der Ort einer möglichen Gotteserfahrung und ruft zum aktiven Handeln auf. Denn sowohl Juden, Christen als auch Muslime kennen diese Orte der Gotteserfahrung, aus denen heraus sie handelten, sich für den Menschen einsetzten, neue Impulse bekamen: Moses vor dem brennenden Dornbusch, Jesus brauchte die Wüste und Mohammad die Höhle von Hira, (Tora/ NT/ Koran), um nur drei wesentliche zu nennen. Alle erfuhren sie in einem zutiefst spirituellen, wenn nicht mystischem Moment einer Gotteserfahrung, was ihre Aufgabe, ihre Aktivität sein sollte: Moses befreite sein Volk aus der Knechtschaft Ägyptens; Jesus ver-kündete und lebte, dass Gottes- und Geschwisterliebe eins seien; auch Mohammad rügte anfangs das korrupte System in Mekka. Sie wissen also im Kern, dass in allem notwendi-gen drängenden persönlichen Einsatz für die Mitmenschen, für Frieden und Versöhnung, all ihr Wirken nur jenseits aller menschlichen Anstrengungen herkommt: von Jah-we/Gott/Allah.
Eine friedliche Zukunft werden gut gemeinte menschliche Bemühungen allein nicht herstel-len können, endgültiger Friede kann nur zugleich als Geschenk Gottes erhofft werden. Deshalb setzen sich Christen mit Blick auf den von Jesus verheißenen Frieden für eine Überwindung dieses Zustands ein, für eine Zukunft, in der überhaupt keine Gewalt mehr nötig sein soll. Und auch die islamische Welt, wie sie sich uns heute präsentiert, zeigt deutlich, dass gewaltbereite Militanten unter den Muslimen sich nicht ungeniert auf den Islam und seine Anliegen berufen können. Die Haltung der Mehrheit der Muslime wie auch der Juden spiegelt ebenfalls die Betonung eines Friedenswillens und einer Friedensbereit-schaft des Islam wie des Judentums wider.
Ist doch Religion – eine weit verbreitete Überzeugung – ihrer Natur nach, das Gegenteil von Gewalt und Krieg und dass diejenigen, die auf das eine oder andere im Namen einer Religion zurückgreifen, von einem Fundamentalismus, Fanatismus oder Engstirnigkeit und von verirrten religiösen Vorstellungen geleitet werden bzw. verleitet worden sind; wie die-jenigen jungen Männern, die sich zum sogenannten Djihad – wo auch immer – rekrutieren ließen.
So ist die Botschaft der Barmherzigkeit Gottes in allen monotheistischen Religionen zu finden und den Menschen geboten, sie zu leben. Sie kann also nicht überhört werden, denn „wo die Liebe ist, da ist Gott“. Auch Papst Franziskus betont in seinem Schreiben Evangelii Gaudium den Vorrang der Barmherzigkeit. Er hat die Barmherzigkeit zu seinem Programm gemacht: "Die Barmherzigkeit ist die wahre Kraft, die den Menschen und die Welt vor dem 'Krebsgeschwür' retten kann: dem moralischen Bösen, dem spirituellen Übel.“ Wenn sich sich Juden, Christen und Muslime wieder auf die Grundlagen ihrer heiligen Bücher stellen würden, in denen es um die Würde und Zukunft des Menschen geht, müssten sie sich dem Klima des Hasses und Todes verweigern! Vielleicht wäre so die Spirale der Gewalt zu stoppen, denn die Wahrheit ist nicht verhandelbar. Es gibt nur „unheilige Kriege“ und Toleranz heißt: Ehrfurcht, Respekt voreinander haben bzw. leben! „Die Menschen sind Feinde dessen, was sie nicht kennen!“ (Ali Ibn Abi Talib, 7. Jh.)

Johannes Boldt20.02.2015 | 15:37 Uhr

Maxime Rodinson zitiert in seiner berühmten Mohammed-Biographie Nicolò Macchiavelli mit den Worten: "Alle wohlbewappneten Propheten waren Sieger, und die waffenlosen wurden besiegt". Niemand wüsste mehr etwas vom Islam, wenn dessen Prophet Mohammed darauf verzichtet hätte, sich im Rahmen der gewalttätigen anarchischen Stammesgesellschaft der arabischen Halbinsel des 7. Jahrhunderts auch zu bewaffnen. Aber zweifellos war die für die Verbreitung des Monotheismus und damit die Eingrenzung der anarchischen Gewalttätigkeit notwendige Gewalt der Muslime Mohammeds nicht Kern seiner Lehre. Das Jesus (soweit man ihn aus dem NT kennt) entgegen Islam und Judentum weniger gewaltorientierter war, dürfte wesentlich der Tatsache geschuldet sein, dass er unter römischer Herrschaft - also in einem Staat und somit unter fremdem Gewaltmonopol lebte. Seine Jünger hätten durch Anwendúng von Gewalt nichts erreichen können außer ihre völlige Ausmerzung. Sobald die Christen aber die Möglichkeit hatten, gewalttätig ztu sein, waren sie - gleich den Anhängern aller übrigen Hochreligionen - mindstens so gewalttätig wie die Muslime. In jeder "heiligen Schrift" finden sich für jene, deren Bedürfnisse kriegerisch oder aber friedlich sind, die entsprechenden Rechtfertigungen. Die Frage ist nur: was sind die historischen und sozialen Bedingungen, die den Einen oder den Anderen mehr Auftrieb geben. Das scheint mir auch die Kernaussage von Frau Armstrong zu sein

Dr. A.Holberg20.02.2015 | 17:00 Uhr

„Die Vorstellung, der Islam sei gewalttätig, stammt aus der Zeit der Kreuzzüge, als westliche Christen die Muslime im Nahen Osten angriffen. Die Überzeugung, der Islam wäre immer eine Religion des Schwertes gewesen, wurde von christlichen Mönchen im 12. Jahrhundert verbreitet“, so Karen Armstrong. Und heute sind es Mönche der „friedlichen“ Religion des Buddhismus, die in Myanmar zu Gewalttaten gegen die dortigen Muslime aufhetzen ... aber niemand unternimmt etwas dagegen!
Es gibt im Koran keine „Skandalverse“, sondern der Skandal besteht vielmehr darin, daß einige unqualifizierte Leute diese Verse aus ihrem Zusammenhang gerissen haben und ohne Kommentar zitieren, um allein daraus ihr Urteil über den Islam zu fällen.
Ihre Aufklärung scheint den Abendländern ganz schön in die Hosen gegangen zu sein. Viele Deutsche verstehen Immanuel Kants Philosophie der Aufklärung gar nicht, sondern machen sich allenfalls darüber lustig.
Der Islam braucht keine abendländische Aufklärung, da er selbst bereits Aufklärung ist. An zahlreichen Stellen fordert der Koran dazu auf, seinen Verstand zu gebrauchen und nicht blind den Bräuchen und Glaubenslehren seiner Vorfahren zu folgen. Wenn man erkannt hat, daß dieses Universum einen Schöpfer und man sich dessen Willen zu fügen hat, ergibt sich in der islamischen Glaubenslehre eines aus dem anderen, und das ist dann keine selbstverschuldete Unmündigkeit, wie der oberflächliche abendländische Betrachter vielleicht meinen mag. Hinzu kommt, dass es im Islam keine den christlichen Kirchen vergleichbare Institution gibt, die die Angehörigen der Religion bevormunden könnte.
Das Christentum – nicht das ursprüngliche Christentum, das Jesus Christus verkündete, sondern die Religion, die Paulus aus Tarsus daraus machte, indem er dem historischen Jesus nahezu eins zu eins den Mysterienkult des Mithras überstülpte und die Gesetzesvorschriften abschaffte, ist eine der intolerantesten Religionen, wenn nicht die intoleranteste überhaupt. Von ihren Anfängen an wurden alle, die nicht die Lehre von der Trinität und göttlichen Natur Jesu Christi annehmen wollten, als Ketzer verdammt, ihre anderslautenden Schriften verbrannt und deren Besitz mit der Todesstrafe bedroht. Ein Gipfel dieser Intoleranz und Gewalt gegen Andersgläubige war die Verfolgung der zwangsgetauften Muslime (Morisken) auf der Iberischen Halbinsel durch die „heilige“ Inquisition ab dem Jahr 1500 n. Chr. Zur selben Zeit nahm das Osmanische Reich die vor der Zwangstaufe und der Inquisition geflohenen Juden auf und gewährte ihnen Religionfreiheit. Der schweizer Reformator Ulrich Zwingli wollte „die Reformation mit Feuer und Schwert verbreiten“, und auf Veranlassung Johannes Calvins wurde in Genf der Unitarier (Antitrinitarier) Michael Servetus als Ketzer lebendig verbrannt.
Es ist, wie Jürgen Todenhöfer festgestellt hat: Vom Abendland ist viel mehr Gewalt ausgegangen – und geht auch noch immer – als von der Islamischen Welt.

Frank Walter24.12.2015 | 18:14 Uhr