Goethe und der Islam

Religion hat keine Nationalität

Zwar trat Johann Wolfgang von Goethe dem Islam – wie auch dem Christentum – nicht vorbehaltlos gegenüber und war um Kritik keinesfalls verlegen, aber sein Credo war zweifelsohne auf den Fundamenten nicht verhandelbarer Toleranz gebaut. Von Melanie Christina Mohr

Wie würde sich wohl Goethe, der sich zeitlebens mit dem Islam beschäftigt hatte, im 21. Jahrhundert positionieren, wenn es um die Frage geht, ob der Islam zu Deutschland gehört? Dem Statement, dass Muslime zwar sehr wohl in Deutschland leben und ihre Religion ausüben dürfen, das jedoch den Islam vice versa noch lange nicht zu einem Teil Deutschlands macht, würde Goethe vermutlich mit gerunzelter Stirn begegnen. Es darf vermutet werden, dass er vehement dafür plädiert hätte, dass Religion keiner Nationalität unterliegt und der Islam seine Berechtigung in Deutschland ebenso findet, genau wie das Christen- und Judentum.

Es kommt nicht von ungefähr, dass Goethe während der Produktion seines West-Östlichen Divans eine Opposition gegen das Vorhaben einiger Romantiker bildete, die dem Deutschtum das Christentum gleichzusetzen versuchten.

Für den Dichterfürsten begründete sich die religiöse Zugehörigkeit nicht in der Abstammung oder kulturellen Zugehörigkeit, denn diese liegt beim Menschen selbst. Sie bedarf demnach keiner Voraussetzungen, keiner wirkungsursprünglichen Verbindungen oder gar sprachlichen Fertigkeiten. Die Religion verkörperte für Goethe in erster Linie ein Konstrukt persönlicher Freiheit und Entscheidungskraft und aus dieser schöpfte er bereits in jungen Jahren.

Der Glaube, ein heiliges Gefäß

Wer die Goethesche Faszination und Sympathie für den Islam verstehen möchte, der muss wissen, wie es um die religiösen Gefühle und Ansichten des Dichterfürsten im Allgemeinen bestimmt war. Mit der Religion verhielt es sich bei Goethe zeitlebens zwiespältig. Zwar unterstrich er immer wieder die besondere Kraft, die er aus dem Göttlichen für sich gewinnen konnte und lobte den sprachlichen Wert der ihm bekannten heiligen Schriften, aber nicht selten wandte er sich ebenso rasant wie er der Zuneigung verfallen war, auch wieder von den Elementen des Glaubens ab.

Bereits im Alter von sechs Jahren, so rekonstruierte er es in seiner Autobiographie Dichtung und Wahrheit, kam es zur ersten Erschütterung. Das Erdbeben von Lissabon 1755 bei dem etwa 60.000 Menschen ihr Leben ließen, ließ ihn an den Intentionen des Erhabenen zweifeln. Der junge Goethe vermochte nicht zu verstehen, wie Gott, der Schöpfer der Welt und des Universums, die Gerechten mit den ungerechten gleichem Verderben preisgeben konnte.

Einband von Goethes West-Östlichen Divan (erschienen 1819, erweitert 1827); Quelle: wikipedia
"Es kommt nicht von ungefähr, dass Goethe während der Produktion seines West-Östlichen Divans eine Opposition gegen das Vorhaben einiger Romantiker bildete, die dem Deutschtum das Christentum gleichzusetzen versuchten", schreibt Mohr.

Dennoch ließ die heilige Schrift Goethe nicht los; er studierte das Alte und Neue Testament bis zur Bibelfestigkeit, um später festzuhalten, dass es in der Essenz immer auf den Grund, das Innere, den Sinn und die Richtung des Werkes ankommt. Für Goethe lag genau hier das Göttliche, welches die heiligen Schriften für ihn unantastbar und über alle Zeiten erhaben werden ließ.

Zur Abkehr von der Religion kam es im goetheschen Leben meist in Verbindung mit den Institutionen des Glaubens und ihren Vertretern. Als Mitarbeiter der Frankfurter Gelehrten Anzeigen lehnte er sich gegen die orthodoxen Standpunkte christlicher Vertreter auf und setzte sich für Offenheit und die religiöse Bestimmung eines jeden Individuums ein.

Diese Ereignisse sind insofern von großer Bedeutung, weil sie verdeutlichen, dass Goethe zum einen sehr reflektiert mit dem Konstrukt des Glaubens umging und zum anderen unterschieden wissen wollte zwischen der Essenz der religiösen Lehre und dem Umgang des Menschen mit derselbigen. Der Glaube sei, so schrieb er "ein heiliges Gefäß, in welches ein jeder sein Gefühl, seinen Verstand, seine Einbildungskraft, so gut als er vermöge, zu opfern bereit stehe".

"Streng, groß, furchtbar und wahrhaft erhaben"

Neben der Bibel war dem Goetheschen Geist der Koran unter allen heiligen Schriften am vertrautesten. 1771 wurde er von Herder zur intensiven Auseinandersetzung mit dem heiligen Buch der Muslime veranlasst. Neben seiner Bewunderung für die Sprachgewalt des Korans – es sei die höhere Eingebung, die das poetische der heiligen Texte ausmachte – erleichterte ihm ein entscheidendes Element den Zugang: die Hauptlehren des Islam entsprachen des Dichters eigenen religiösen Gefühlen und Ansichten.

Neben der Lehre von der Einheit Gottes und der Überzeugung, dass sich Gott in der Natur offenbarte, war es das Abweisen von Wundern, das Goethe die Verbundenheit zum muslimischen Glauben sicherte.

Als treuer Anhänger Spinoza's (1632-1677), dessen Ethik zufolge der Mensch über keinen absolut freien Willen, sondern nur einzelne Willensakte verfügt, fühlte sich Goethe vom Schicksalsgedanken des Islam verstanden. Für den Dichter ging der Lauf der Dinge mit dem göttlichen Willen Hand in Hand.

pakistanischer Muslim liest den Koran; Foto: picture alliance/dpa/Bilawal Arbab
Im Zwiespalt: Wer die Goethesche Sympathie für den Islam verstehen möchte, der muss wissen, wie es um die religiösen Gefühle und Ansichten des Dichterfürsten im Allgemeinen bestimmt war. Zwar unterstrich er immer wieder die besondere Kraft, die er aus dem Göttlichen für sich gewinnen konnte und lobte den sprachlichen Wert der ihm bekannten heiligen Schriften, aber nicht selten wandte er sich ebenso rasant wie er der Zuneigung verfallen war, auch wieder von den Elementen des Glaubens ab.

Seine Affinität zum Islam reicht so weit, dass sich der 70-jährige Goethe in seinen Noten und Abhandlungen des West-Östlichen Divans dazu bekennt, "ehrfurchtsvoll jene heilige Nacht zu feiern, wo der Koran vollständig dem Propheten von obenher gebracht ward".

In der Lailat al Qadr, der "Nacht der Bestimmung", die in einer der letzten zehn ungeraden Nächten im Fastenmonat Ramadan gefeiert wird, tat es der Dichter den Muslimen gleich und verbrachte die Nacht im Gebet. Es ist auch jenes Datum an welchem der Prophet Muhammad mit seinem Flugtier Buraq und dem Erzengel Gabriel in den Himmel hinaufgestiegen war (al-israa).

Goethe war von der Nachtreise ergriffen und notierte im Divan: "Was sollte den Dichter hindern, Mahomets Wunderpferd zu besteigen und sich durch alle Himmel zu schwingen?". Der Stil des Korans beschreibt er im Mahomet Kapitel sei seinem Inhalt entsprechend "streng, furchtbar, stellenweise wahrhaft erhaben" und so sollte man sich nicht über dessen große Wirksamkeit verwundern.

Düstere Religionshülle

Auch wenn Goethe den Propheten Mohammad ungern zum Gegenstand seiner Kritik machte, blieb es dennoch nicht aus, dass er sich gezwungen fühlte, Unsinnigkeiten äußern zu müssen. Neben der Stellung der Frau im Islam – die sich laut Goethe nach dem Tod des Propheten rückläufig entwickelte, dem Weinverbot – wofür Goethe keinerlei Verständnis hatte und der islamischen Vorstellung vom Paradies – die ihm zu sehr aus der Perspektive des Mannes geformt war, belastete der Antagonismus zwischen Prophet und Poet seine Beziehung zu Mohammad.

Konträr zum Verständnis des Propheten erachtete Goethe die Zeit vor dem Islam keineswegs als Zeit der Unwissenheit (Dschahiliyya). Ganz im Gegenteil, der Dichter schätzte – genau wie Herder – die heidnische Zeit des Arabertums mit ihrer herausragenden und blühenden Dichtkunst.

Goethe weigerte sich, Menschheitsepochen ausschließlich nach theologischen Aspekten zu beurteilen und vertrat die Ansicht, dass es eine Vielfalt an Kriterien gäbe, an denen vergangene Zeiten bemessen werden sollten.

In dieser Hinsicht fühlte sich Goethe geradezu herausgefordert, mit dem Propheten zu wetteifern und schrieb in einem Brief an Zelter 1816: "Ich verhalte mich produktiv, das heißt: Ich will, daß derjenige, der es jetzt nicht ganz recht macht, besser machen solle".

Jenseits seiner religiösen Achtung und Faszination gegenüber dem Islam und seines Gottgesandten entsprach es doch Goethes innerster Überzeugung, dass es "die Herrlichkeit des Poesie" ist, in der "das Heil der Menschheit aufbewahrt bleibt". Im Divan fasst er diese Kritik zu einer "düsteren Religionshülle" zusammen, die der Prophet seiner Glaubensgemeinschaft unterworfen habe.

Ein Fest der reinsten Humanität

Zeitlebens war Goethe darum bemüht, die verschiedenen Religionsgemeinschaften einander näher zu bringen. Es war ihm ein innerstes Anliegen, nicht nebeneinander, sondern miteinander zu wirken und zu leben. In einem nicht veröffentlichten Aufsatz "zum Reformationsfest" 1817 verkündet er den Vorschlag, religiöse Feste miteinander zu feiern und in diesem Rahmen alle Konfessionen zu vereinen.

Das Fest der reinsten Humanität sollte es zum Ziel haben, dass man einander nicht fragt welcher Gemeinschaft man zugehörig ist, sondern ausschließlich an den Glauben oder auch Unglauben zu Gott vereint die Vielfalt zelebriert.

Es sollte nicht die Homogenität sein, in der wir uns bewegen, die Diversität sei der Schlüssel zu Friede und Glück. Dieser Traum Goethes wurde bis heute nicht verwirklicht und sucht seit jeher nach einem mutigen Geist der sich dieser Idee und ihrer Umsetzung anzunehmen bereit fühlt.

Melanie Christina Mohr

© Qantara.de 2015

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Leserkommentare zum Artikel: Religion hat keine Nationalität

Mir hat der Artikel sehr gut gefallen! Wunderbar geschrieben, mit der Liebe zum Detail.
Auch wenn ich Goethe nicht in allem beipflichte, die Perspektive ist beneidenswert.
Mit freundlichem Gruß,
Nader D.

Nader D.07.07.2015 | 00:53 Uhr

Goethe war wie Kant ein überzeugter Internationalist. Per se hat er sicher Recht, aber Religion ist auch immer mit Kultur verbunden. Und diese braucht ihre Zeit, um sich in neuen Umgebungen mit anderen kulturellen Eigenschaften einzufügen. Der Buddhismus hat das z. B. richtig erkannt und rechtzeitig "westliche" Botschafter wie Thich Nhat Hanh oder Matthieu Ricard entsandt. Im Islam erleben wir aber häufig das Problem, neben der reinen Religion keinen Meter von der verbundenen Kultur abweichen zu wollen, und im Gegenteil damit einen Kulturkampf auszurichten, der sich durch Parallelgesellschaften und Abgrenzung auszeichnet. Das ist wohl ein generelles Problem aller abrahamitischen Religionen. Bei muslimischen Neuankömmlingen erschwert vor allem das Frauenbild, sowie die unkonsequente Trennung zwischen Gott und Staat der Herkunftsländer die Lage.

Andi Arbeit29.05.2016 | 07:54 Uhr