Elif Shafak: Der Bastard von Istanbul

Die Krankheit der historischen Amnesie

Im neuen Roman von Elif Shafak spiegelt sich in einer armenisch-türkischen Familiengeschichte die Situation der Türkei wider, die nach Ansicht der Autorin an einer historischen Amnesie leidet. Claudia Kramatschek hat das Buch gelesen.

​​Das derzeitige Kräfteringen in der Türkei zwischen laizistischem Säkularismus und einem erstarkenden Nationalismus zeigt, dass das Land an einem Scheideweg steht. Der mögliche EU-Beitritt, Religions- und Meinungsfreiheit, der fragwürdige Paragraf 301, der die Anklage wegen "Beleidigung des Türkentums" erlaubt, religiös und politisch motivierte Morddrohungen und gar Morde wie zuletzt an dem Journalisten Hrant Dink – all das sind so brisante wie widersprüchliche Puzzleteile, will man sich ein Bild davon machen, wer oder was die Türkei eigentlich ist. Sicher ist: Für Intellektuelle und Schriftsteller ist es momentan fast unmöglich, nur zu schreiben. Wer schreibt, bezieht unweigerlich auch politisch Position, manchmal gegen den eigenen Willen.

Gefährliches Unterfangen

Das bekundete nicht nur Orhan Pamuk, sondern gilt auch für Elif Shafak. Mit ihrem neuen Roman "Der Bastard von Istanbul" wagt sie sich nun an ein Thema heran, das in der Türkei noch immer ein absolutes Tabu darstellt: die Aufarbeitung des sogenannten Genozids an den Armeniern im Jahre 1915. Hrant Dink etwa musste wegen dieses Themas sterben. Sprich: Es ist ein heißes Eisen, das Elif Shafak da anrührt. Wohl auch deshalb verpackt sie es in eine so ausladende wie verwickelt erzählte armenisch-türkische Familiengeschichte, die sich zwischen Amerika und Istanbul abspielt und – jedoch nur auf den ersten Blick – deutlich komödiantische Züge trägt.

Buchcover "Der Bastard von Istanbul" im Eichborn-Verlag

Da ist einerseits Armanoush, deren armenischer Vater und amerikanische Mutter sich scheiden ließen. Seitdem lebt sie nicht nur zwischen zwei Familien, sondern auch zwischen zwei Kulturen. Doch nicht genug, seit kurzem hat sie auch noch einen Stiefvater: den Türken Mustafa. Und dann beschließt Armanoush, nach Istanbul zu reisen. Denn sie ahnt: Ohne ihre armenische Vergangenheit zu kennen, wird sie keine Zukunft haben.

Identitätssuche der Protagonistin

In Istanbul findet sie herzliche Aufnahme in der Familie ihres Stiefvaters, der selbst seit 20 Jahren nicht mehr zuhause war. Und in der neunzehnjährigen Asya, der unehelichen Nichte von Mustafa, trifft sie auf ihr seelisches Spiegelbild. Denn Asya wiederum weiß nicht, wer ihr Vater ist – von Kindheit an lebt sie in dem exzentrischen Frauenhaushalt, der aus ihrer Mutter und deren drei Schwestern sowie der Großmutter besteht.

Die Suche nach dem, wer und was sie sind, bringt daher beide junge Frauen einander rasch nahe. Und sie wird, mehr sei nicht verraten, erstaunlich enden – auch für den Leser. Wer den Roman jedoch gelesen hat, wird sich – eingedenk der in der Türkei bereits seit einiger Zeit aufgeheizten Lage – nicht wirklich wundern, dass Shafak 2006 für den Roman angeklagt worden ist. Denn darin fallen – wenn auch aus dem Munde einer fiktiven Figur – deutliche Worte: Als Armanoush ihrer türkischen Verwandtschaft vom Schicksal ihrer Familie erzählt, ist die Rede ebenso vom "Genozid" wie etwa von den "türkischen Schlächtern". Doch trotz solcherlei Provokation steht nicht die Armenien-Frage im Vordergrund des Romans.

Die Krankheit der historischen Amnesie

Vielmehr behandelt Shafak anhand dieses Themas die weiter gefasste Frage nach Erinnern und Vergessen – sprich: nach dem, woraus sich die derzeitige und damit zukünftige Identität der türkischen Nation speist. Und da erhebt sie einen deutlichen Vorwurf: den der geschichtlichen Amnesie, an der in ihren Augen die Türkei leidet. Denn wie das von Armanoushs Verwandten, beginnt auch das kollektive Gedächtnis des Staates erst mit der Staatsgründung im Jahre 1923.

Alles davor, so Shafak, werde entweder aus der Erinnerung eliminiert oder – wie das Osmanische Reich – allzu stark idealisiert. Wer aber seine Vergangenheit nicht kennt oder verleugnet – und genau daran leiden alle Figuren in diesem Roman – dem ist die Zukunft verloren. Shafak, 1971 in Straßburg geboren und zwischen Madrid und Ankara groß geworden, erfindet für dieses so aktuelle wie tagespolitische Thema dabei eine ganz eigene Sprache. Denn "Der Bastard von Istanbul" – übrigens im amerikanischen Englisch geschrieben – liest sich so amerikanisch zeitgeistig wie, ja, orientalisch.

Multiethnisch gefärbte Sprache

Die Dialoge sind von großer Rasanz und Schlagfertigkeit, der Slang ist dabei von heute. Doch ebenso liebt Shafak die große Geste der Opulenz und das mäandernde Erzählen. Diese Mischung ist bewusst – und charakteristisch für diese Autorin, die nicht nur selbst lange Jahre in Amerika gelebt und unterrichtet hat. Shafak zählt vielmehr zu einer Autorengeneration, die gezielt dem engen Kulturbegriff einer nationalistischen Türkei entgegenarbeitet und sich eher auf das multiethnische Erbe des Osmanischen bezieht.

Immer wieder setzt Shafak daher Begriffe und Motive aus dem Persischen und Arabischen ein – aus Protest gegen die "Purifizierung" der Sprache in der Türkei. Insofern ist schon der Granatapfel, der auf dem Cover des neuen Romans lockt, ein erster Affront – denn der ist ein armenisches Symbol. Affronts gibt es viele in diesem Roman – nicht zuletzt übrigens auch ironische Hiebe aufs Patriarchat. Das Erstaunlichste aber ist: Trotz kritischer Töne und trotz Anklage avancierte der Roman auch in der Türkei zum Bestseller. Über 120.000 Exemplare wurden bisher verkauft. Das lässt hoffen – und auf ein Land schließen, das vielschichtiger ist als das, was der Westen davon momentan zu sehen und zu hören bekommt.

Claudia Kramatschek

© Qantara.de 2007

Elif Shafak: Der Bastard von Istanbul. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Juliane Gräbener-Müller. Eichborn Verlag 2007. 460 Seiten. 22,90 €

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