Forschung und spirituelle Suche

Tanzende Derwische aus dem Mevlana-Orden
Tanzende Derwische aus dem Mevlana-Orden in der Türkei. Die Entstehung des Ordens geht auf Rumi zurück. (Foto: AP)

Kein islamischer Mystiker hat in den letzten zwei Jahrhunderten Literaten und Wissenschaftler in Ost und West so bewegt wie Rumi. Ein Blick in die Geschichte seiner Erforschung

Von Marian Brehmer

“Dschellaleddin. Im Osten warst du der Salbenhändler. Ich habe nun die Bude im Westen aufgeschlagen”, dichtete Friedrich Rückert (1788-1866) voller Begeisterung für sein mystisches Vorbild. Der deutsche Romantiker wurde auf Rumi durch die Übertragungen des österreichischen Diplomaten Josef von Hammer-Purgstall aufmerksam.

Rückert erkannte rasch die transformative Kraft von Rumis Lehre und fand in der Beschäftigung mit dessen Dichtung Anregungen, um Gegensätze zwischen den Völkern und Religionen miteinander zu versöhnen. 

Im dritten Buch des Masnawi, Rumis wichtigstem Werk, heißt es: “Komm, sprich! Denn der Logos gräbt einen Kanal, damit etwas Wasser die Generation nach uns erreichen kann.” Es scheint, als sei sich Rumi der Bedeutung seiner Worte für die Nachwelt bewusst gewesen. Tatsächlich hat kaum ein anderer muslimischer Mystiker — mit Ausnahme von Ibn Arabi (1165 – 1240) — das Denken und Fühlen der Sufis so nachhaltig geformt.  

Rumis Verse dienen auf dem Pfad der spirituellen Unterweisung und Führung. Rumi, so heißt es, ist einer der wenigen Heiligen, denen Gott auch nach ihrem Tod die Fähigkeit verliehen habe, Suchende direkt an die Hand zu nehmen, so als sei er physisch lebendig. Ein Rumi-Forscher aus Teheran sagte mir einmal, ich könne kaum eine Frage auf dem spirituellen Pfad finden, die das Masnawi nicht beantworte. 

Manuskript eines Masnawi von Rumi aus dem 15. Jahrhundert
Manuskript eines Masnawi von Rumi aus dem 15. Jahrhundert (Quelle: Khalil Collections https://www.khalilicollections.org/collections/islamic-art/khalili-collection-islamic-art-the-mathnavi-of-jalal-al-din-rumi-mss945/)

Ein Werk voller Schönheit

Seit über 200 Jahren übt Rumi auch auf die akademische Welt im Westen Faszination aus. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts schrieb der britische Orientforscher Sir William Jones folgende Notiz an den Seitenrand seiner Masnawi-Ausgabe:  “Solch ein außergewöhnliches Buch wie das Masnawi ist wohl nie von einem Menschen verfasst worden. Es ist voll von Schönheit und Makeln, gleichsam großartig; mit grober Obszönität und reiner Ethik; mit erlesener Poetik (…), mit Esprit und Höflichkeiten, vermischt mit stumpfen Witzen und Spott über alle etablierten Religionen und einer Ader für vollendete Frömmigkeit; es ist wie ein wildes, wohl klimatisiertes Land, das mit reichen Blumen übersät ist und mit dem Geruch von Tieren. Ich kenne keinen anderen Schriftsteller, mit dem sich Maulavi [Rumi] vergleichen ließe, außer Chaucer und Shakespeare.”  

Um den Vergleich mit Chaucer und Shakespeare lässt sich streiten, aber für einen Engländer des viktorianischen Zeitalters muss deren Werk wohl das höchste der Gefühle gewesen sein. 

Ein weiterer Brite machte sich mehr als hundert Jahre später in der Rumi-Forschung verdient: Der Orientalist Reynold Alleyne Nicholson (1868-1945) gilt als Wegbereiter von Rumis Werk in Europa. Obwohl Nicholson nie den Mittleren Osten bereiste und keine der orientalischen Sprachen sprechen konnte, studierte er literarisches Arabisch und Persisch auf einem Niveau, das die wenigsten Muttersprachler beherrschten. 

Im Alter von dreißig Jahren veröffentlichte Nicholson seine erste Übertragung von Ghaselen (Gedichten) aus dem Diwan-e Schams, gefolgt von einer Sammlung mit Auszügen aus Rumis Prosawerk Fihi Ma Fih. 

Als Nicholsons Meisterleistung jedoch gilt seine Gesamtübersetzung des Masnawi, auf das sich bis heute Rumi-Übersetzer bei der Übertragung des Werks in diverse Sprachen stützen. Nicholson brauchte fünfzehn Jahre für seine Übersetzung, die er mithilfe von osmanischen Kommentaren, insbesondere jenem des Mevlevi-Sheikhs Ismail Ankaravi aus dem 17. Jahrhundert, erstellte. 

Letztlich litt sogar Nicholsons Augenlicht unter diesem Projekt — sein Schüler Arthur John Arberry (1905-1969), der als Übersetzer von Rumi-Gedichten aus dem Diwan bekannt wurde, sagte über seinen Mentor, dieser sei “der perfekte Gelehrte, der seinen Büchern so sehr zugetan war, dass er sich durch das Lesen erblinden ließ, so bescheiden und demütig, dass er sich seiner Größe gar nicht bewusst war.” Arberry vervollständigte Nicholsons Übersetzung des Fihi Ma Fih, die er unter dem Titel Discourses of Rumi herausgab.  

Meilensteine der Forschung

Ein wichtiges Werk der Rumi-Forschung in der neueren Zeit ist William Chitticks The Sufi Path of Love. The Spiritual Teachings of Rumi (1983), in dem der renommierte US-Professor für persisch-mystische Literatur und Erforscher von Ibn Arabis Werk Zitate aus Rumis Dichtung thematisch anordnete und in den Gesamtkontext seiner Lehre stellte. Mit Franklin Lewis (1961-2022) wiederum verstarb vor zwei Jahren einer der wichtigsten zeitgenössischen Rumi-Experten. 

Der amerikanische Literaturwissenschaftler machte in den siebziger Jahren in Kalifornien Bekanntschaft mit Rumis Dichtung und beschloss daraufhin, Farsi zu erlernen. An der Universität Chicago unterrichtete Lewis neben persischer Sprache und Literatur auch islamische Philosophie und iranisches Kino. Lewis Buch Rumi: Past and Present, East and West (2000) gilt bis heute als Meilenstein in der akademischen Beschäftigung mit Rumi.  

Das 700 Seiten umfassende Werk enthält neben einer akribisch recherchierten Rumi-Biographie auch die detaillierte Lebensgeschichte von Rumis Vater, dessen Nachfolger und Mentor Rumis sowie von dessen Weggefährten Schams-e Tabrizi. 

Zudem liefert das Buch einen Überblick über die Entstehung des Mevlevi-Ordens sowie die Rumi-Rezeption in westlichen und islamischen Kulturräumen. “Das Buch, welches ins Persische, Arabische, Türkische und Dänische übersetzt wurde, wird als Prüfstein für alle künftigen Forschungen über Rumi dienen”, schrieb Paul Losensky, Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Indiana University, in einem Nachruf auf Lewis

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“Ein ständiges Umkreisen des Geheimnisses von Gott”

Die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel (1922-2003) wurde im Alter von 17 Jahren während ihres Berliner Studiums — den Doktortitel erhielt sie nur zwei Jahre später mit 19 — von ihrem Lehrer, dem Iranisten Hans Heinrich Schaeder, auf Rumi aufmerksam gemacht. Schaeder schlug ihr vor, doch einmal den Diwan-e Schams zu lesen. Damals begann für die junge Orientalistin eine lebenslange Leidenschaft. So intensiv wie wohl keine andere Deutsche studierte Schimmel Rumis Lebenswerk, das zu einem Dreh- und Angelpunkt ihrer ertragreichen akademischen Karriere wurde.  

"Maulana Dschalal ad-Din Rumis ganzes Werk ist ein ständiges Umkreisen des Geheimnisses von Gott, dem Geliebten und der Liebe, ein Versuch, Unaussprechliches auszudrücken, in Worte zu fassen”, schrieb Schimmel in ihrer Rumi-Biografie Du bist Wind und ich bin Feuer

Schimmel war die erste Europäerin, die in der türkischen Republik mithilfe von Rumi Kulturbeziehungen aufbaute. Bei den Sheb-i-Arus-Feierlichkeiten (Feiern zum Todestag Rumis, Anm. der Red.) in Konya am 17. Dezember 1954 sprach Schimmel, die Mitte der fünfziger Jahre eine Professur für Religionsgeschichte in Ankara innehatte, zu einer Gruppe türkischer Parlamentarier über Rumi. Damals war die Pflege des mystischen Erbes in der Türkei aufgrund von Atatürks Verbot der Sufi-Praktiken noch ein Tabu-Thema.  

Innerhalb des Mevlevi-Ordens existierte eine Jahrhunderte alte Tradition des Masnawi-Studiums, die bis in die heutige Zeit durch die Mevlevi-Lehrerin Hayat Nur Artıran weitergeführt wird. Als renommiertester Rumi-Forscher der modernen Türkei gilt Abdülbaki Gölpınarlı (1900-1982), der neben einem sechsbändigen Masnawi-Kommentar zahlreiche Bücher über Rumis Lehre und die Geschichte der Mevlevis verfasste. 

Im benachbarten Iran wiederum wandeln alle, die sich in Rumis Werk vertiefen — an der literarischen Fakultät der Uni Teheran ist Rumi-Forschung eines der Hauptgebiete — in den Fußstapfen von Badiozzaman Foruzanfar (1900-1970).   

Von der Forschung zur Suche

Als junger Mann traf Foruzanfar auf einen Sufi, der es liebte, Rumis Verse zu rezitieren, und in seiner Liebe für “Mowlana” einen solchen Eindruck auf Foruzanfar machte, dass dieser sein Leben dem Studium des Mystikers widmete. 

Später las Foruzanfar diverse Ausgaben des Diwan und stellte dabei fest, dass diese viele Gedichte enthielten, die nicht authentisch waren und von anderen Dichtern stammten. Schließlich veröffentlichte Foruzanfar zwischen 1957 und 1967 eine eigene Diwan-Ausgabe in zehn Bänden. 

Seinen Masnawi-Kommentar wiederum konnte Foruzanfar nicht mehr fertigstellen, weil er früh verstarb. Franklin Lewis schrieb über den iranischen Gelehrten: “Foruzanfar rezitierte Gedichte in einem ausdrucksstarken und emotionalen Ton und oft trieben Rumis Verse Tränen in seine Augen; eine Feuchtigkeit, die sich bald auch auf die Augen seiner Studenten übertrug bei den Kadenzen und der Intonation seiner Rezitation.” 

So ist die Beschäftigung mit Rumis Lehre für die Erforscher seines Werkes immer auch ein spirituelles Ergründen gewesen, nicht nur ein intellektuelles Unterfangen. 

Viele von ihnen waren selbst Suchende oder wurden durch das Studium von Rumis Versen zu solchen — beseelt vom Geist seiner Dichtung. Als einer seiner Schüler Rumi einmal fragte, wie sie ihn nach seinem Tod erreichen könnten, soll dieser entgegnet haben: “Ich bin nicht die physische Erscheinung, die du beobachtest, sondern die Freude und das Glück, die du in dir spürst, wenn du meinen Namen und meine Worte hörst. Wenn du solche Freude fühlst, dann wisse den Moment zu schätzen und drücke Dankbarkeit aus. Denn das bin ich.” 

Marian Brehmer 

© Qantara.de 2024 

Marian Brehmer hat Iranistik studiert und schreibt als freier Autor mit dem Schwerpunkt islamische Mystik. Er ist Autor des Buches "Der Schatz unter den Ruinen: Meine Reisen mit Rumi zu den Quellen der Weisheit” (Herder, 2022), einem spirituellen Reisebericht, der von Begegnungen mit Sufis, Suchenden und Weisen in Afghanistan, Iran, Syrien und der Türkei erzählt.