Demonstration in Bamako gegen eine Militärintervention im Norden Malis; Foto: dapd
Interview mit Bakary Sambe

''In der arabischen Welt gelten wir Afrikaner als Muslime zweiter Klasse''

Die Militär-Intervention in Mali hat unter Westafrikas muslimischen Intellektuellen kontroverse Reaktionen ausgelöst. Die Ablehnung des Dschihadismus ist nahezu einhellig, doch die Einschätzungen der politischen Motive Frankreichs gehen auseinander. Darüber sprach Charlotte Wiedemann mit dem senegalesischen Politikwissenschaftler Bakary Sambe.

Dr. Sambe, Sie haben sich von Beginn an für die französische Intervention in Mali ausgesprochen. Der Krieg dauert jetzt schon drei Monate. Lässt sich das Problem des militanten Islamismus in Mali militärisch lösen?

Bakary Sambe: Natürlich lässt sich das Problem nicht allein mit militärischen Mitteln lösen. Aber unser aller Sicherheit in Westafrika war bedroht durch die bewaffneten Dschihadisten in Mali. Darum habe ich die Intervention unterstützt.

Bakary Sambe; Foto: Lea Rösner
Dr. Bakary Sambe lehrt und forscht am Zentrum für religiöse Studien der Université Gaston Berger in Saint- Louis, Senegal. Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind die trans-nationalen Netzwerke des militanten Islamismus und die arabisch-afrikanischen Beziehungen.

​​Es gibt über die Rolle Frankreichs jetzt viele Debatten. Und ich unterstütze gewiss keine neokolonialen Interessen, die Frankreich möglicherweise mit seinem Vorgehen verbindet. Ich bin politisch aufgewachsen mit der Kritik am europäischen Kolonialismus und Imperialismus. Aber man muss heute sehen, dass es auch einen arabischen Imperialismus gibt, gegen den wir genauso kämpfen müssen.

Was genau verstehen Sie unter arabischem Imperialismus?

Sambe: Die Verfechter des internationalen Wahhabismus arbeiten bereits seit geraumer Zeit am Plan einer wahhabitischen Einfluß-Zone, die sich über den ganzen Sahel, über Niger, den Norden Nigerias, Mali bis in den Senegal erstrecken soll. Das ist eine große Gefahr für unseren Islam, der immer in Harmonie mit den örtlichen Kulturen gelebt hat.

Organisationen, die aus arabischen Ländern finanziert werden, aus Kuwait, Qatar und Saudi-Arabien, versuchen eine sogenannte "Islamisierung" unserer Region, sie wollen dem subsaharischen Afrika den "wahren Islam" bringen. Das ist pure Ideologie, und dahinter steht ein arabischer Paternalismus, dem ich vehement widerspreche. Der Versuch, uns zu arabisieren, beruht auf einer völligen Verneinung unserer Kultur als afrikanische Muslime. Die Zerstörung der Mausoleen in Timbuktu war dafür ein extremes Zeichen.

In Mali kamen die Anführer der islamistischen Besetzung des Nordens aus dem Ausland, doch wurden sie auch von einer Minderheit unter den Einheimischen unterstützt. Was ist die Ursache dafür? Armut, wie manche meinen, oder ein verändertes Religionsverständnis?

Sambe: Gewiss spielt Armut eine Rolle. Der afrikanische Staat ist schwach, betreibt keine Sozialpolitik. Aber vor allem hat sich der Staat zu sehr aus Erziehung und Bildung zurückgezogen, überlässt das Feld nicht-staatlichen Organisationen, die aus Kuweit, Qatar und Saudi-Arabien finanziert werden.

Infografik Islamismus in der Sahelzone; Foto: DW
Der militante Islamismus auf dem Vormarsch: "Die Verfechter des internationalen Wahhabismus arbeiten bereits seit geraumer Zeit am Plan einer wahhabitischen Einfluß-Zone, die sich über den ganzen Sahel, über Niger, den Norden Nigerias, Mali bis in den Senegal erstrecken soll", warnt der senegalesische Politikwissenschaftler Bakary Sambe.

​​Das gilt vor allem für Mali, wo das staatliche Bildungswesen verarmt ist und religiösen Akteuren zu viel Raum gelassen wurde. So entsteht ein paralleles Bildungswesen, dessen Ideologie aus dem Ausland kommt und über das der Staat keinerlei Kontrolle hat.

Obwohl Sie den arabischen Einfluss anprangern, wenden Sie sich auch gegen den Begriff vom "Islam noir", einem "schwarzen Islam", den manche Westler gern benutzen.

Sambe: Dieser Begriff ist in der Kolonialzeit eingeführt worden, und er zielte darauf, uns, den afrikanischen Menschen, zu infantilisieren. Angeblich waren wir so gefühlsbetont, weil wir spirituell nicht so reif waren wie die Araber, die darum auch als gefährlicher galten. Frankreich hat immer versucht, eine Barriere zwischen dem Maghreb und dem subsaharischen Raum zu errichten, weil es keinen geistigen Austausch geben sollte.

Sie sprechen von einem Minderwertigkeitskomplex, an dem afrikanische Muslime heute noch leiden würden. Woher kommt er?

Sambe: In der arabischen Welt gelten die Muslime aus Subsahara-Afrika als Muslime zweiter Klasse, als Unter-Muslime. Stellen Sie sich das mal vor: Timbuktu war im 15. Jahrhundert eine bedeutende Gelehrtenstadt, und jetzt, im 21. Jahrhundert, kommen arabische Organisationen, instrumentalisieren unsere Jugendlichen und erzählen ihnen: Ihr habt die Aufgabe, eure Gesellschaften zu islamisieren! Ich sage: Afrika muss aufhören, Ideologien von außen zu importieren und sich als Zone B zu empfinden.

Die arabischen Muslime und die Subsahara-Muslime müssen endlich eine Beziehung gegenseitigen Respekts entwickeln. Bisher ist es immer noch eine Herrschaftsbeziehung. Aber Konversion war niemals eine Einbahnstraße. Jedes Volk, das den Islam angenommen hat, hat dem Islam auch etwas gegeben. Nur so konnte die Universalität des Islam entstehen.

Interview: Charlotte Wiedemann

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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