Denkanstöße für die Stadt der Zukunft

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein gibt mit seiner Ausstellung "Hot Cities“ wertvolle Denkanstöße für den architektonischen Umgang mit dem Klimawandel. Beispiele aus arabischen Ländern veranschaulichen, wie dort seit Jahrtausenden der Hitze getrotzt wird. Von Joseph Croitoru. 

Von Joseph Croitoru

Die kleine Gallery des Vitra Design Museums füllt eine arkadenähnliche Konstruktion, die an einen Innenhof denken lässt. Zugleich soll das mit sandfarbenen Stoffbahnen umhüllte Gerüst vor dem Hintergrund eines wandfüllenden Panoramafotos mit einer bergigen Wüstenlandschaft auch ein Zelt suggerieren.



Für jeweils ein arabisches Land stehen 18 Nischen, in denen auf kleinen Tafeln die landesspezifischen Bauweisen zusammengefasst sind. Sie geben einen Eindruck davon, wie die Menschen in Arabien seit Jahrtausenden der oft extremen Hitze trotzen.



In die Stoffbahnen der Nischen sind Taschen eingenäht, die Kassetten mit Texten und Fotos enthalten. Die Besucherinnen und Besucher können sich an kleine Tische setzen und einen Einblick in die baulichen Strategien zur Hitzebewältigung im Orient gewinnen.  

Wiederkehrende Elemente sind dicke Mauern und Wände aus dem besonders atmungsaktiven traditionellen Baumaterial Lehm, hohe Decken und Kuppeln sowie schattige Innenhöfe, die für Kühlung sorgen.

Traditionelle Lehmbauten heute wieder interessant

Solche Konstruktionen wurden schon in altägyptischen Bauten, etwa in der Oase Siwa, verwendet, und in ähnlicher Form werden weiterhin traditionelle Lehmziegelbauten in den nubischen Dörfern entlang des Nils errichtet.

Plakat der Ausstellung »Hot Cities«; Copyright: Rashid & Ahmed Bin Shabib
Der Klimawandel ist zunehmend spürbar und stellt Städte weltweit vor große Herausforderungen. Die Ausstellung »Hot Cities« zeigt Beispiele von Architektur aus der arabischen Welt, die seit Jahrtausenden an Hitze angepasst ist und fragt, was wir von diesen Lösungen in Architektur und Städtebau lernen können, um unsere gebaute Umwelt klimaresistenter zu machen.





Eine lange Kontinuität solcher Bauweisen begegnet auch in den als "Riad“ bezeichneten marokkanischen Hofhäusern.



Während sie – wie auch sonst häufig in der traditionellen arabischen Architektur – als Schutz vor der Hitze in den Außenmauern nur kleine Fensteröffnungen haben, sind die zum Innenhof hin gerichteten Fenster großzügig gestaltet.



Die großen Öffnungen bewirken eine erhöhte Luftzirkulation und sorgen so für Kühlung. 

Neben den für den arabischen Raum ebenfalls typischen, nach außen abgeschirmten Qasbahs in den Städten und festungsartigen Burgen in den bergigen ländlichen Regionen finden sich noch weitere Baumerkmale, die dem Hitzeschutz dienen.



Besonders in Tunesien und den Golfländern sind sogenannte Windtürme verbreitet, die auf den Dächern installiert sind. Sie leiten Windströme in die Häuser hinein und durch den Einsatz feuchter Tücher wird die Kühlung noch verstärkt.    

Die Kuratoren, die Zwillingsbrüder Rashid und Ahmed bin Shabib, Ende 30, kommen selbst aus einem der heißesten Länder der Region. In ihrer Heimatstadt Dubai sind sommerliche Temperaturen von fast 50 Grad die Norm.



Die beiden Brüder haben in Oxford nachhaltige Stadtentwicklung studiert und sich vor allem mit der reich bebilderten Kulturzeitschrift "Brownbook“, die sie seit 16 Jahren herausgeben, einen Namen gemacht.



Ein Schwerpunkt der Publikation sind Städteporträts, die sich explizit auch mit den Eigenheiten der arabischen und nordafrikanischen Architektur befassen.  

Natur, Klima und Architektur sind verwoben

Den Kuratoren geht es darum zu zeigen, wie Natur, Klima und Architektur miteinander verwoben sind und in welchem Verhältnis Architektur und Ökologie zueinanderstehen.



Wie Rashid bin Shabib im Gespräch erklärt, resultiert ihr Interesse auch aus der eigenen Biografie: "Wir sind ja in einem heißen Klima aufgewachsen und leben inmitten unserer Familien mit den traditionellen Festen wie Ramadan, wo sich das Leben drinnen und draußen abspielt. Das ist Teil unserer Identität, und damit aufgewachsen zu sein, hat uns inspiriert.“ 

Aus der umfangreichen Dokumentation ihrer Zeitschrift "Brownbook“ schöpfte schon 2017 die Ausstellung "Mudun مدن Urban Cultures in Transition“ im Vitra Design Museum, die sich mit dem Wandel arabischer Städte befasste. 2021 erregten die Shabib-Brüder mit ihrem Beitrag zu dem mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate auf der Biennale in Venedig international Aufmerksamkeit.



Der Pavillon machte auf die ökologischen Vorteile des Salzbetons aufmerksam und Ahmed und Rashid bin Shabib hatten dazu eine aufwendige Buchdokumentation beigesteuert. Sie klärt über das komplexe Umweltphänomen der "Sabkhas“ (Salzseen) am Golf auf, aus denen Salzsole gewonnen wird.  

Ahmed & Rashid bin Shabib; Foto: Alex Wolfe für Kinfolk
Denkanstöße für eine Welt im Klimawandel: Die beiden Kuratoren der Ausstellung Rashid und Ahmed bin Shabib aus Dubai sind Experten in nachhaltiger Stadtentwicklung. 2021 erregten sie mit ihrem Beitrag zu dem mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate auf der Biennale in Venedig international Aufmerksamkeit. Der Pavillon machte auf die ökologischen Vorteile des Salzbetons aufmerksam und Ahmed und Rashid bin Shabib hatten dazu eine aufwendige Buchdokumentation beigesteuert.

Ihre jetzige Ausstellung in Weil am Rhein verstehen die beiden Stadtforscher als ein mobiles Archiv, das sie auch in England und in den arabischen Ländern zu zeigen hoffen.



Eine leise Anregung für die hiesige Baukultur liefern sie etwa mit einem kleinen Modell aus Lehm.

Das Dach des von dem Stararchitekten Frank Gehry gestalteten Ausstellungsraums der Vitra Design Museum Gallery ist hier mit zwei Windtürmen versehen, wie sie in der Architektur am Golf traditionell zur Kühlung eingesetzt werden. 



Ziel der Ausstellung, wie Rashid bin Shabib betont, "ist es aber nicht, Handlungsanweisungen zu geben oder Lösungen vorzuschreiben."

Und weiter: "Wir wollen den Menschen die Möglichkeit geben, diese verschiedenen Themen auf vielfältige Weise zu erleben, so dass sie sich damit auseinandersetzen und davon lernen können.“ 

Museumsdirektor Mateo Kries sieht durchaus potenzielle Lerneffekte, und das nicht nur beim Thema Innenhöfe und dem Baumaterial Lehm, die neuerdings ohnehin auch in den kühleren Regionen Europas an Popularität gewinnen.



In Deutschland werden heute sogar so viele Lehmbaustoffe wie in keinem anderen Land Europas eingesetzt, und in Berlin kämpfen Umweltaktivisten immer energischer gegen die Versiegelung der vielen Innenhöfe in der Stadt und für ihre Erhaltung.

Mit dem Ausstellungsprojekt hofft Mateo Kries auch eine kritische Reflexion über das hierzulande verbreitete "Gefühl der Überlegenheit“ anzustoßen, mit dem auf den Globalen Süden und seine Architekturen geschaut werde.



Die Ausstellung, so Kries, präsentiere eine Bauweise, die der unseren etwas voraushabe: "Wir haben gebaut mit Beton, mit Hi-Tech. Das sind anfällige Lösungen, das sind oft auch Lösungen, die klimatisch wirklich bedenklich sind. Und hier haben wir eine Architektur, die uns zeigt, wie wir zu einem natürlichen Umgang mit klimatischen Veränderungen zurückkommen können.“  

 Joseph Croitoru 

© Qantara.de 2023

Die Ausstellung "Hot Cities: Lessons from Arab Architecture“ geht noch bis zum 5. November. Ein umfangreicher Katalog ist in Vorbereitung.