Frauenrechte im Spiegel der zeitgenössischen Kunst

Artwork of faceless women in short black dresses with short dark hair with the Turkish word "Cumhuriyet" in white
Bild aus der Ausstellung "Cumhuriyet Kizlari" – "Republikmädchen" von Gamze Taşdan anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der Türkischen Republik (Foto: Gamze Taşdan)

Die moderne, gut ausgebildete, fortschrittliche Frau war ein entscheidender Grundpfeiler des Gesellschaftsprojekts der Türkischen Republik bei ihrer Gründung vor hundert Jahren. Wie setzen sich bildende Künstlerinnen mit diesem Ideal und seiner Realität auseinander?

Von Ceyda Nurtsch

Modern, westlich, säkular – so sollte die Türkische Republik sein, die 1923 aus den Trümmern des Osmanischen Reichs erstand. Während die kemalistischen Eliten ihren progressiven Staat und seine Institutionen aufbauten, trieben sie ein Gesellschaftsprojekt voran, das radikal mit der Vergangenheit brach und Frauen zu einem seiner Grundpfeiler machte.

Die Geschlechtergleichheit im öffentlichen Raum wurde in Mustafa Kemal Atatürks männlich dominiertem Staat zur nationalen Politik. Das Ideal der "republikanischen Frau“ – unverschleiert, gut ausgebildet, sozial fortschrittlich – wurde propagiert und gefördert.  

Die Realität jedoch hinkte dieser Vision hinterher. Zwar gab die Republik mit dem von der Schweiz übernommenen Zivilrecht Frauen im Jahr 1926 das Wahlrecht. Doch jenseits der städtischen Eliten griffen die Reformen nur langsam. 

Und während sich der Staat auf die Ausweitung der Rolle der Frau im öffentlichen Raum konzentrierte, ignorierte er weitgehend alles, was hinter verschlossenen Türen geschah. 

“Republikmädchen” – Symbole der Modernisierung

Mit der Darstellung dieses Ideals hat sich anlässlich des hundertjährigen Bestehens der Türkischen Republik die Künstlerin Gamze Taşdan in ihrer Ausstellung "Cumhuriyet Kızları“, "Republikmädchen“ auseinandergesetzt.

"Diese Mädchen mit ihren kurzen schwarzen Haaren, ihrer unschuldigen und romantischen Körpersprache wurden zum stereotypen Symbol der Modernisierung gemacht. Die Mädchen besuchten Dorfinstitute, Nähkurse, Mädchenschulen, Pfadfinder-Camps, Strände und feine Restaurants mit Livemusik und traten damit im öffentlichen Raum in Erscheinung“, so Taşdan. 

Ihre Arbeit basiert auf Fotos aus den Anfangsjahren der Republik. Für sie strahlen die Mädchen Freude und zugleich Verwunderung aus über die Rechte, die ihnen mit der Republik zugekommen sind.  

An artwork from Gamze Tasdan's "Cumhuriyet Kizlari" – 'Republic Girls', showing a group of faceless individuals, mostly women and girls
"Cumhuriyet fazilettir" – "Republik ist eine Tugend": "Heute, hundert Jahre danach, sehen wir, dass viele von den realisierten und nicht realisierten Träumen der Republik zunehmend verschwinden. Das ist sehr traurig. So wie damals diese Mädchen bewusst zum Symbol der Modernisierung gemacht wurden, versucht man heute bewusst, einige der republikanischen Werte zu vernichten“, denkt Taşdan. (Foto: Gamze Taşdan)

"Es scheint, als seien sie glücklich über ihre Rechte und Freiheiten und gleichzeitig gefangen zwischen ihren eigenen Sehnsüchten und Gefühlen auf der einen und der gesellschaftlichen Ideologie auf der anderen Seite“, so Taşdan. In ihrer Darstellung haben die Mädchen keine Gesichter. Und doch scheint es, als schauten sie den Betrachter direkt an. Der Grund dafür sei, wie die Künstlerin erklärt, dass sie nicht die Identitäten dieser Mädchen darstellen wollte, sondern das, was sie symbolisieren. 

Und wie würden ihre “Republikmädchen” heute aussehen? "Heute, hundert Jahre danach, sehen wir, dass viele von den realisierten und nicht realisierten Träumen der Republik zunehmend verschwinden. Das ist sehr traurig. So wie damals diese Mädchen bewusst zum Symbol der Modernisierung gemacht wurden, versucht man heute bewusst einige der republikanischen Werte zu vernichten“, denkt Taşdan. Gemeinsam mit anderen Künstlerinnen will sie "das Wunder von damals“ am Leben halten. 

Feministische Kunst ab den 1980er Jahren

Nach dem brutalen Militärputsch 1980 erlebte das Land eine kollektive Schockstarre. Erst als sich in den Folgejahren die politische Atmosphäre etwas entspannte, entstand ein gesellschaftlicher Raum, in dem sich allmählich ein Bewusstsein für Geschlechterrollen und Frauenrechte entwickeln konnte.

Nach und nach gründeten sich Nichtregierungsorganisationen, darunter solche, die die Rechte von Frauen einfordern und verteidigen.  

Zeitgleich besetzten immer mehr Künstlerinnen den öffentlichen Raum und begannen Themen wie Ungleichheit, Objektivierung von Frauen und ihren Kampf in der Gesellschaft zu verhandeln, darunter Pionierinnen der feministischen Kunst wie Nil Yalter, Nur Kocak, Gülsün Karamustafa und Füsun Onur, die 2022 die Türkei bei der Biennale in Venedig repräsentierte.   

Aus dem öffentlichen Raum gedrängt

Heute wird die Frauenbewegung, wie sie sich jedes Jahr am Weltfrauentag am 8. Mai etwa auf den Straßen von Istanbul zeigt, von Jahr zu Jahr lauter, furchtloser, kreativer. Und die zeitgenössische Kunst wird immer mehr zu einer Plattform für die Rechte von Frauen und LGBTQ+.  

Zahlreiche Künstlerinnen setzten sich mit einem der größten gesellschaftlichen Probleme des Landes auseinander: Der – nicht selten im Mord endenden – Gewalt von Männern gegen Frauen. Die multidisziplinäre Künstlerin und Aktivistin CANAN etwa erklärt das Persönliche und Private zum Politikum und hinterfragt in ihrer Arbeit die Macht und den Einfluss von Religion, Regierung und Gesellschaft auf persönliche Entscheidungen. 

Auch die Performance-Künstlerin Işıl Eğrikavuk setzt sich kritisch mit konservativen Gender-Normen auseinander. Seit 2017 lebt sie in Berlin, wo sie an der Universität der Künste lehrt. An der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft beschäftigt sie sich in ihrer Arbeit mit den Themen Protest, Feminismus, Identitätspolitik, Natur und Vernetzung.  

Portrait of a woman in blue against a leafy background and a stone wall
Kritik an konservativen Rollenbildern: "Die Atmosphäre in der Türkei ist an sich schon sehr düster, gerade, wenn es um Gewalt geht, um Ungerechtigkeit und die tägliche Gewalt, die Frauen erleben. Da denke ich, dass humorvolle und fantasievolle Kunst manchmal effektiver sein und andere Blickwinkel hervorbringen kann“, sagt Performance-Künstlerin Işıl Eğrikavuk. (Foto: Işıl Eğrikavuk)

“Eva, mein Mädchen, iss deinen Apfel auf!”

Seit rund zehn Jahren erlebten Frauen in der Türkei, wie man versuche, sie immer weiter aus dem öffentlichen Raum zu drängen, hat Eğrikavuk beobachtet. Das zeige sich an den Einschränkungen bei der öffentlichen Meinungsäußerung und beim Recht auf Protest und Demonstrationen. Das spürten auch Künstlerinnen und Akademikerinnen.  

In Eğrikavuks Arbeit spielen Humor und Satire eine große Rolle. "Die Atmosphäre in der Türkei ist an sich schon sehr düster, gerade, wenn es um Gewalt geht, um Ungerechtigkeit und die tägliche Gewalt, die Frauen erleben. Da denke ich, dass humorvolle und fantasievolle Kunst manchmal effektiver sein und andere Blickwinkel hervorbringen kann“, sagt sie. 

In ihrer Installation "Eva, mein Mädchen, iss deinen Apfel auf!” etwa verhandelt sie das Narrativ der verführerischen Eva, durch die Adam zum Sünder wird. "Ein ähnliches Narrativ sehen wir bei den Argumenten, die vorgebracht werden, wenn es um den Mord an Frauen geht: Die Frau habe den Mann verführt, habe eine Beziehung mit einem anderen gehabt, sei zu freizügig angezogen gewesen, habe zu laut gelacht", sagt Eğrikavuk.

"Ich habe mich gefragt, was wäre, wenn wir Eva sagen, wie es vielleicht eine Mutter tun würde: 'Eva, iss deinen Apfel auf, behalte deine Kraft für dich'“, meint sie. Ihre Installation, die auf einem Hoteldach angebracht war, wurde ohne Erklärung von einem Tag auf den anderen abgebaut. 

Heute gibt es in der Türkei zahlreiche feministische Kuratoren und Künstlerinnen, die, trotz Repression und Zensur, gestärkt durch eine große Solidarität untereinander und durch die sozialen Medien dazu beitragen, dass die Frauenbewegung zu einer der wichtigsten gesellschaftlichen Bewegungen des Landes geworden ist. Gleichzeitig entwickelt sich in der Diaspora, etwa in Berlin, wo derzeit viele Kulturschaffende aus der Türkei leben, eine feministische Kunstszene, die sich auch mit den neuen Realitäten von Frauen auseinandersetzt: mit Zugehörigkeit, Zuhausesein und Entwurzelung. 

Ceyda Nurtsch 

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