Palästinensisches Leben vor der Nakba

Die Al-Dajani Familie vor ihrem Jerusalemer Haus, 1945
Die Al-Dajani Familie vor ihrem Jerusalemer Haus, 1945 (Quelle: Against Erasure: A Photographic Memory of Palestine before the Nakba, herausgegeben von Teresa Aranguren and Sandra Barrilaro, Haymarket Books 2024).

Der Fotoband "Against Erasure" dokumentiert die Vielfalt palästinensischer Lebenswelten vor der israelischen Staatsgründung 1948. Damit bildet er eine gute Grundlage für einen fundierteren Diskurs über den Nahost-Konflikt.

Von Jan Altaner

Festlich gekleidet blicken die rund 50 Mitglieder der kinderreichen al-Dajani-Familie auf den Stufen ihres Hauses in die Kamera. Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt Männer in westlicher Mode, mit Fliege oder Krawatte; die Frauen dieser Familie der oberen Mittelschicht schmücken sich mit üppigen Ketten und Ringen. 

Der typische Sandstein des Hauses, die charakteristischen Fensterläden und ein orientalischer Teppich lassen erkennen, dass die Fotografie in Jerusalem aufgenommen wurde, anlässlich einer Verlobungsfeier im Jahr 1945. 

1948, nur drei Jahre später, wird das Leben der al-Dajanis und tausender weiterer, arabisch-palästinensischer Familien jäh durch die Zweiteilung des vormals britischen Mandatsgebiets Palästina und die Schaffung eines unabhängigen israelischen Staates unterbrochen. 

Denn das nationale Vorhaben eines Staates mit jüdischer Mehrheit wurde auf Kosten der lokalen palästinensischen Bevölkerung umgesetzt und bedeutete für diese eine Katastrophe (arabisch: Nakba).   

Kultivierung von Olivenbäumen
Die Kultivierung von Olivenbäumen, einem Symbol palästinensischer Verwurzelung, das Beschneiden der Bäume, das Pflücken und Pressen der Oliven war eine traditionsreiche Kulturpraxis und über Generationen hinweg ein wichtiger sozialer Aspekt des Lebens in Palästina. (Quelle: Against Erasure)

Die Bedeutung der Nakba

Der Begriff Nakba bezeichnet die Vertreibung und Flucht von rund 750.000 Palästinenserinnen und Palästinensern vor und nach der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 – rund die Hälfte der palästinensischen Bevölkerung. Der Begriff Nakba umfasst ebenso ihre Enteignung und Entrechtung, die Verhinderung einer Rückkehr sowie die Entvölkerung vieler Städte, Massaker und die Zerstörung von über 400 Dörfern durch zionistische Milizen und die israelische Armee.  

Damit stellt die Nakba eine traumatische Erfahrung für die arabische Bevölkerungsmehrheit dar: Dieser Zusammenbruch des bisherigen politischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Lebens wird in der anglophonen Wissenschaft zunehmend als “ethnische Säuberung” beschrieben. 

Israels Militäreinsatz in Gaza nach dem brutalen Angriff der Hamas am 7. Oktober erscheint vielen Palästinenserinnen und Palästinensern als Wiederholung oder Fortführung der Nakba, angesichts von über 34.000 Toten und der Zerstörung sowohl des Gazastreifens als auch den Strukturen seiner Gesellschaft, angesichts der drohenden Vertreibung und des Aushungerns der Bevölkerung. 

Ein Nachempfinden dieser Perspektive und der historischen wie gegenwärtigen Bedeutung der Nakba ermöglicht der bei Haymarket Books neu aufgelegte Fotoband Against Erasure. A Photographic Memory of Palestine before the Nakba. Die spanischen Herausgeber lassen die palästinensische Erinnerung für sich sprechen, ohne ihnen andere Perspektiven gegenüberzustellen. 

Ein Mitglied der Nuseiba-Familie beim Abschließen der Jerusalemer Grabeskirche
Interkonfessionelles Zusammenleben in Palästina vor der Nakba: Im innerchristlichen Zwist um Vorrechte an Jerusalems wichtigster Kirche beschlossen Orthodoxe, Katholiken, Kopten und Armenier, dass eine muslimische Familie die Schlüssel zur Kirche bewahren solle. (Quelle: Against Erasure)

Teresa Aranguren und Sandra Barrilaro bieten anhand von 232 Schwarz-Weiß-Fotografien einen guten Überblick über die kulturelle, soziale und politische Vielfalt palästinensischer Lebensrealität in den Jahrzehnten vor der Nakba. Der 2016 erstmals veröffentlichte Bildband ist lose thematisch strukturiert. Englische und arabische Einführungs- und Begleittexte, Gedichte zentraler palästinensischer Dichter wie Mahmoud Darwish oder Fadia Tuqan, Auszüge aus Quellentexten, Zahlen und Fakten ergänzen die Bilder. 

Gesellschaftliche Vielfalt

Das Buch offenbart eine immense Vielfalt: Es zeigt beispielsweise die Kultivierung von Olivenbäumen, einem Symbol palästinensischer Verwurzelung, und das Beschneiden der Bäume, das Pflücken und Pressen der Oliven als eine traditionsreiche Kulturpraxis, die über Generationen hinweg ein wichtiger sozialer Aspekt des Lebens in Palästina war. 

Bilder von Jaffas ertragreichen Orangenplantagen verweisen auf die Einbindung lokaler Geschäftsmänner in globale Handelsströme.  

Die Fotografie eines Mitglieds der muslimischen Nuseiba-Familie beim Aufschließen der Grabeskirche verdeutlicht das interkonfessionelle Zusammenleben in Palästina vor der Nakba. 

Im innerchristlichen Zwist um Vorrechte an Jerusalems wichtigster Kirche beschlossen Orthodoxe, Katholiken, Kopten und Armenier, dass eine muslimische Familie die Schlüssel zur Kirche bewahren soll. 

Szenen bäuerlichen Lebens wie die Portraitaufnahmen junger Frauen in traditionellen tatreez-Stickereien erscheinen seltener als Bilder vom Leben der wachsenden Mittelklasse. Während letztere die Kontrolle über ihre Fotografien selbst innehatte, erscheint die ländliche Bevölkerung meist nur als verklärtes Motiv durch den kolonial-ethnografischen Blick europäischer Reisender.  

Eine junge Frau in einem mit traditionellen tatreez-Stickereien gearbeiteten Kleid
Szenen bäuerlichen Lebens: Die Portraitaufnahme einer jungen Frau in ihrem Kleid mit den typisch palästinensischen tatreez-Stickereien gibt einen seltenen, unverfälschten Einblick in das ländliche Leben Palästinas vor der Nakba. (Quelle: Against Erasure)

Neue Formen politischer Willensbildung

Bilder von Kino- und Radiovorführungen als neuer Freizeitgestaltung oder von Eisenbahnen und Flughäfen als Symbolen für die regionale Vernetzung illustrieren die Modernisierung und Wandlung aller Lebensbereiche, die jedoch ungleich entlang Klassenlinien verlief. 

Against Erasure enthält auch Zeugnisse von neuen Formen der politischen Willensbildung in den Jahrzehnten vor der Nakba. Diese entstanden nach 1920, als Großbritannien entgegen arabischen Forderungen nach Selbstbestimmung als Mandatsmacht die Kontrolle über Palästina ergriff. Seit der Balfour-Erklärung von 1917 unterstützte das Empire hingegen das zionistische Streben nach politischer Selbstbestimmung.  

Die Vernachlässigung politischer Bestrebungen der arabischen Bevölkerungsmehrheit nährte den palästinensischen Widerstand, wie Bilder von Generalstreiks, Guerilla-Aktionen gegen die Briten und arabischen Frauenkongressen zeigen.

In einem Auszug aus einem Brief von 1921 warnt eine arabische Delegation die Briten, dass ihre Politik darauf abziele, die lokale arabische Bevölkerung "aus ihrem Land zu vertreiben, um es zu einem Nationalstaat für eingewanderte Juden zu machen".

Jaffas streikende Hafenarbeiter, 1936-1937
Streikende Hafenarbeiter in Jaffa, 1936-1937: Es ist wenig bekannt, dass es vielfältige Formen der politischen Organisation im britischen Mandatsgebiet Palästina vor der Staatsgründung Israels gab. (Quelle: Against Erasure)

Den Atem der Nakba im Nacken

Ohne Vorwarnung bricht die Katastrophe (Nakba) auf den letzten Seiten des Fotobands herein. Neben Familienportraits tauchen Fotografien von verlassenen Straßen in Haifa und zerstörten arabischen Vierteln auf. 

Es folgt ein Dutzend Bilder von Palästinenserinnen und Palästinensern aus UNRWA-Archiven, welche die Vertreibung, Flucht und das Leben als Geflüchtete in der Diaspora zeigen: barfüßige Kinder, die aus Jaffa fliehen, Flüchtende in Konvois auf der Straße von Gaza nach Hebron oder beim Besteigen von Booten nach Ägypten und in den Libanon, von wo sie entgegen mehreren UN-Beschlüssen nicht mehr zurückkehren konnten, da Israel ihnen die Rückkehr verwehrte. 

In den Begleittexten reflektieren palästinensische Intellektuelle über die gegenwärtige Bedeutung der Nakba in für deutsche Diskurse drastischen Begrifflichkeiten, darunter Mohammed El-Kurd, ein provokanter und kompromissloser Poet und Aktivist. 

El-Kurd kritisiert wütend das Wegschauen und die fehlende Anerkennung der westlichen Öffentlichkeit für die Nakba in Vergangenheit und Gegenwart. Denn die fortschreitende Entrechtung und Vertreibung der Palästinenser durch Maßnahmen wie den Bau illegaler Siedlungen und Landnahme bedeute, dass die Nakba weiter andauere und jede Generation neu betreffe; als Palästinenser spüre er ihren Atem stets in seinem Nacken. 

Der emeritierte Professor Bichara Khader versteht die Nakba als Soziozid, als Zerstörung der palästinensischen Gesellschaft; der Historiker Johnny Mansour unterstreicht die Bedeutung von Erinnerung im Kampf gegen das Vergessen.  

Palästinensische Delegation bei der Abreise zum ersten Kongress Arabischer Frauen in Kairo, 1938,
Palästinensischer Widerstand: Auch auf den ersten Kongressen arabischer Frauen geht es um nationale Selbstbestimmung. Auf dem Bild die palästinensische Delegation bei der Abreise zum ersten Kongress arabischer Frauen in Kairo, 1938. (Quelle: Against Erasure)

Ein Zeugnis von dem, was war

Der Fotoband bezeugt die kulturelle, soziale und wirtschaftliche Diversität und Verwurzelung palästinensischen Lebens im frühen 20. Jahrhundert. 

Die Fotografien entlarven so noch heute populäre historische Mythen wie den zionistischen Slogan "ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land" oder die Behauptung, erst die zionistische Bewegung und Israel hätten "blühende Landschaften aus dem Nichts" geschaffen, oder die für die Kolonialzeit typische Behauptung, die lokale palästinensische Bevölkerung wäre ohne westliche Intervention unveränderlich in der Vormoderne gefangen gewesen. 

Die hoch ausdifferenzierte Kultur hunderter später zerstörter Dörfer, die vielfältige landwirtschaftliche Kultivierung sowie die Teilhabe an globaler Modernisierung sind deutlich auf den Bildern zu sehen. 

Die Neuauflage von Against Erasure ist trotz einiger Mängel wie teilweise ungenaue Bildverweise, unpräzise Übersetzungen und qualitative Unterschiede zwischen den Begleittexten überaus relevant für die deutsche Öffentlichkeit. Denn Deutschland beherbergt europaweit die größte palästinensische Diaspora und ist durch die aus der Shoah resultierende historische Verantwortung eng an die politischen Realitäten in Israel und Palästina gebunden. 

Doch entgegen der von progressiven jüdischen, israelischen und palästinensischen Stimmen vorgebrachten Möglichkeit des Zusammendenkens von Nakba und Shoah, wird das palästinensische Erinnern als eine Gefährdung der hegemonialen Erinnerungskultur und Staatsräson gesehen. Die ohnehin wenig präsente Erinnerung an die Nakba wird dadurch weiter marginalisiert: durch Verbote von Erinnerungs-Demonstrationen oder die Popularisierung verzerrender Publikationen wie "Mythos Nakba" oder "Mythos Israel 1948".

Mädchen auf der Flucht aus Jaffa, 1948
Nakba: Die "Katastrophe" bedeutete Vertreibung und Flucht für rund 750.000 Palästinenser vor und nach der Staatsgründung Israels 1948. Auf dem Bild: Mädchen auf der Flucht aus Jaffa, 1948 (Quelle: Against Erasure)

Während der geplanten Neuauflage von Against Erasure überstiegen die Folgen des aktuellen israelischen Militäreinsatzes in Gaza langsam die Ausmaße der Nakba hinsichtlich der Zerstörung, der zivilen Opferzahlen und der Vertreibung. Die neuen Vorworte zeichnen Parallelen zwischen den Ereignissen in 1948 und heute. In den letzten Monaten wurden kontextualisierende Verweise auf palästinensische Erfahrungen von kontinuierlicher Unterdrückung und Leid in der innerdeutschen Debatte und durch Vertreter der deutschen Außenpolitik als Hamas-Apologetik gebrandmarkt. 

Doch angesichts der mittlerweile nahezu vollständigen Zerstörung des Gazastreifens, über 34.000 Toten, einer drohenden Hungersnot und einer ungewissen Zukunft der Palästinenser müssen sich die deutsche Öffentlichkeit, besonders aber Verantwortliche in Politik und Medien, ausgiebiger mit palästinensischen Unrechtserfahrungen in Vergangenheit und Gegenwart beschäftigen. Dieser Fotoband bietet dafür einen guten Anfang. 

Jan Altaner 

© Qantara.de 2024

Jan Altaner promoviert an der University of Cambridge zur urbanen, sozialen und ökonomischen Geschichte Libanons im 20. Jahrhundert. Zuvor studierte er Nahost-, Geschichts-, und Islamwis- senschaft in Beirut und Freiburg. Journalistische Texte veröffentlichte er u.A. in taz, Zeit Online, dis:orient und Bauwelt.

Against Erasure: A Photographic Memory of Palestine before the Nakba, herausgegeben von Teresa Aranguren and Sandra Barrilaro, Haymarket Books, 2024