Zum Tod von Samuel P. Huntington

Der Ohrwurm

Dieser Erfolg ist spektakulär. Wer erklärt die publizistische Wunderlichkeit, nämlich dass aus der Überschrift eines politikwissenschaftlichen Aufsatzes im Nu die Deutungsformel einer Epoche wurde? Der jetzt verstorbene Samuel Huntington ist ein Rezeptionsphänomen eigener Güte. Von Christian Geyer

Bild Samuel Huntington; Foto: picture_alliance/dpa
Samuel P. Huntington, Erfinder des "clash of civilisations", verstarb am 24. Dezember im Alter von 81 Jahren.

​​Seine These vom "clash of civilisations", vom Kampf der Kulturen, hat eine Karriere gemacht, die ihresgleichen sucht. 1993 erstmals in der Zeitschrift "Foreign Affairs" formuliert und später als Bestseller in Stellung gebracht, gewinnt Huntingtons Kulturkampftheorem nach den Terroranschlägen 2001 eine spenglersche Wucht und wird zum selbstverständlichen Bezugspunkt für jedwede internationale Konflikterklärung.

Ob man im einzelnen für oder gegen Huntingtons Überlegungen Stellung nimmt – an dem Deutungsmuster des Harvard-Manns kommt keiner vorbei.

Als Schrittmacher der Debatte

Heute kann man sagen: Fünfzehn Jahre Huntington-Rezeption haben der Kulturkampfthese gut getan. Sie haben so viel zu ihrer begrifflichen Schärfung beigetragen, dass sie inzwischen mit ihrer eigenen Widerlegung brilliert.

Man muss nicht so weit gehen, von der Selbstabschaffung der These zu sprechen. Aber Huntington hat in seinem Bemühen um Differenzierung und Korrektur maßgeblich dazu beigetragen, dass der angeblich unvermeidbare "clash of civilisations" heute eher als rhetorische denn als analytische Waffe gefürchtet wird.

Was nicht heißt, dass die Kulturkampf-These dadurch weniger politische Sprengkraft hätte. Als Schrittmacher für eine Debatte über Krieg und Frieden zwischen Kulturen tut sie ihre Dienste unabhängig vom empirischen Gehalt im einzelnen.

Die Unschärfe des Kulturellen

Dass kulturelle Faktoren für das Zusammenleben der Menschen eine nicht unerhebliche Rolle spielen, kann ja ernsthaft niemand bestreiten. Aber der Witz liegt eben gerade in der Frage, welche Elemente der betreffenden Kulturen zum Konflikt treiben und warum sie im einzelnen diese Wirkung entfalten.

​​Geht man dieser Frage tatsächlich im Detail nach (was Huntington nicht tat), zerfällt der Kulturbegriff als leitende Konfliktvokabel. Sobald man näher hinschaut, büßen Kulturen jenen Nimbus von grundsätzlich stabilen und daher per se konfliktträchtigen Substanzen ein, den Huntington nährte.

Er selbst war von Anfang an ein entschiedener Gegner des Irakkriegs und sah nach dem 11. September 2001 den dringenden Bedarf, den Ohrwurm vom Kampf der Kulturen aus dem politischen Plattenhandel zu nehmen: "Es ist nämlich das Ziel von Osama bin Laden, aus diesem Krieg einer Terrororganisation gegen die zivilisierte Gesellschaft einen Kampf der Kulturen zwischen dem Islam und dem Westen zu machen. Es wäre ein Desaster, wenn ihm das gelänge."

Spiel mir das Lied vom Kampf der Kulturen? Mit einem Mal wollte Huntington nicht mehr der Vorsänger sein. Er hatte, wie es scheint, einfach mal näher hingeschaut.

Primat des Politischen

Das hatten zuvor schon andere getan. Panajotis Kondylis war einer der ersten, die sich nach der Kulturkampf-These pointiert gegen die kulturalistische Vereinnahmung von Politik wandten.

1996 formulierte er als grundsätzlichen Einwand gegen Huntington in dieser Zeitung: "Wären Kulturen irreduzible Substanzen und Konflikte das notwendige Ergebnis davon, so müssten die Trennungslinien zwischen den Kulturen unverrückbar, also Freundschaften und Feindschaften ewig sein. Auch müsste ihr Selbstverständnis den Wandel von Außen- und Innenwelt überdauern. Die geschichtliche Erfahrung lehrt indes anderes. Die Einstellung einer Kultur zu den anderen und zu sich selbst kann sich langsam oder rasch ändern, durch Stellungswechsel in der Konstellation der geschichtlichen Subjekte."

Kultur ist nichts Starres, Abgeschlossenes. Sie unterläuft sich, um zu überleben, beständig selbst.

Konflikte sind selten genuin ethnischer oder religiöser Natur

Wo wir auch hinschauen: Ins Auge sticht das Primäre der politischen, nicht der kulturellen Logik. Es sind im wesentlichen politische Zweckmäßigkeiten, die kulturelle Deutungsmuster produzieren. Die Verteilungskämpfe mögen sich ethnisch oder religiös präsentieren. Aber das allein ist noch kein Grund, einen rationalen Kern der Islamophobie zu behaupten (der Kampf gegen einen islamischen Fundamentalismus bleibt davon freilich unberührt).

Jedenfalls lässt sich in jedem soziologischen Proseminar, in jedem kommunalen Parlament, in jeder Eckkneipe lernen, dass Konflikte in den seltensten Fällen genuin ethnischer oder religiöser Natur sind, sondern eine soziale Motivation haben.

Der Mensch lebt eben nicht von Werten allein, als hingen sie lose an einem Ideenhimmel. Vielmehr bilden sie ein Amalgan mit der sozialen und politischen Lebenswirklichkeit. Dort werden Konflikte zugleich hochgetrieben und kulturell kaschiert.

Huntington wollte sich nicht als ideologischer Polarisator des Westens gebrauchen lassen. Dass er dieser Rolle dennoch nicht entkam, gehört zum Preis seiner Erfolgsthese vom Kampf der Kulturen.

Christian Geyer

© Frankfurter Allgemeine Zeitung 2008

Qantara.de

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