Zum Tod von Haidar Abd al-Shafi

Der große alte Mann von Gaza

Lebensgeschichtlich verkörperte er die palästinensische Geschichte des vergangenen Jahrhunderts: der Arzt und Politiker Haidar Abd al-Shafi. Am 25. September erlag er seinem Krebsleiden. Ein Nachruf von Alexandra Senfft

Seine Freunde und Anhänger nannten ihn hochachtungsvoll "Doktor Haidar". Wie kein anderer gab Haidar Abd al-Shafi dem isolierten Gazastreifen ein Gesicht und den Palästinensern eine wichtige Stimme.

Der Arzt und Politiker Abd al-Shafi kam 1919 in Gaza als eines von sechs Kindern in einer alteingesessenen Familie zur Welt. Sein Vater war ein angesehener Vertreter des Waqf, des Hohen Islamischen Rats.

Als junger Mann verließ Abd al-Shafi seine Heimat für einige Jahre, um im Libanon und in den USA Medizin zu studieren. Spätestens seit dem ersten arabisch-israelischen Krieg war er politisch aktiv und engagierte sich für die gesundheitlichen und sozialen Belange der Palästinenser.

1947 gehörte er dennoch zu den wenigen, die dem Teilungsplan der Vereinten Nationen zustimmten. Er hatte begriffen, dass die Juden im Land bleiben würden, und er akzeptierte dies als Tatsache. Öffentlich setzte er sich für die Koexistenz ein - lange, bevor seine und die israelische Gesellschaft über einen solchen Schritt überhaupt nachdachten.

Gegen Selbstmordattentate

Andererseits vertrat Abd al-Shafi die Ansicht, dass die Palästinenser für ihre Rechte kämpfen müssten - Selbstmordattentate verurteilte er jedoch.

Als einer der Gründer der PLO zählte man ihn am Anfang zu dessen linken Flügel. Schon in den 60er Jahren nahm er kein Blatt vor den Mund und wurde wegen seines Widerstands gegen die israelische Besatzung zweimal des Landes verwiesen.

1972 gründete er den Palästinensischen Roten Halbmond - das arabische Gegenstück zum Roten Kreuz - dessen Direktor er bis kurz vor seinem Tod blieb. Von der PLO hatte er sich distanziert, er bewahrte lieber seine eigenen, unabhängigen Standpunkte.

Die Suche nach Frieden

Haidar Abd al-Shafi imponierte mit seiner konsequenten Haltung, seiner unpolemischen Art, seiner Offenheit und Toleranz. Es mangelte ihm aber auch keineswegs an Humor.

1988 trat er mit Hanan Ashrawi und Sa'eb Erekat beim TV-Sender ABC vor die Kamera, um die israelische und die westliche Öffentlichkeit anzusprechen und ihr die palästinensischen Belange verständlich zu machen.

1991 war ein bewegender Moment, als er die palästinensische Delegation bei der Eröffnung der Friedensgespräche leitete.

"In Madrid beginnen wir die Suche nach Frieden", sagte er in seiner legendären Rede, die um die ganze Welt ging. "Wir adressieren die Israelis, mit denen wir schon so lange schmerzhafte Erfahrungen austauschen: Lasst uns stattdessen hoffen. Wir sind bereit, Seite an Seite mit euch auf dem Land zu leben ... Teilen bedarf allerdings zweier Seiten, die bereit sind, sich als Partner auf gleicher Augenhöhe zu begegnen."

Unausgewogenes Kräfteverhältnis

Bis 1993 leitete Abd al-Shafi die palästinensische Delegation durch die Verhandlungen in Washington. Dann legte er diese Verantwortung nieder: Seiner Ansicht nach war das Kräfteverhältnis zwischen Israelis und Palästinensern zu unausgewogen und wurde durch die amerikanischen Vermittler eher noch weiter zugunsten der israelischen Seite verschoben.

Vor allem aber kritisierte er den unverminderten, ja geradezu forcierten Bau jüdischer Siedlungen auf palästinensischem Boden – sie seien ein Verstoß gegen die Verhandlungsvereinbarungen und nicht dazu geeignet, Vertrauen oder gar Frieden zu schaffen.

Drei Jahre später trat Abd al-Shafi dem Palästinensischen Legislativrat bei und erhielt mehr Stimmen als jeder andere Kandidat.

Vermittler zwischen Palästinensern

Mit Palästinenserpräsident Jassir Arafat geriet er aneinander wegen dessen undemokratischen Führungsstils, der Korruption in der Autonomiebehörde und des vermeintlichen Ausverkaufs der palästinensischen Rechte.

Im Gegensatz zu anderen Kritikern wagte Arafat es nie, Abd al-Shafi zu sanktionieren, oder gar verhören oder verhaften zu lassen. Dafür war er zu populär. Viele meinten gar, mit seinem Urteilsvermögen und seiner Erfahrung hätte er für das Präsidentenamt kandidieren können.

Nachdem er 1998 sein Amt niedergelegt hatte, vermittelte er zwischen den verfeindeten palästinensischen Strömungen, um eine nationale Einheit herzustellen. Obwohl er nicht religiös war, respektierten ihn sogar die Anhänger der islamistischen Fraktionen.

In der Nacht zum 25. September ist "Der große alte Mann von Gaza" nach einem schweren Krebsleiden im engen Kreis seiner Familie gestorben.

Alexandra Senfft

© Qantara.de 2007

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