Wiederaufbau im Irak

Mossul feiert kulturelles Comeback

Musik, Bücher und Ausstellungen: Nach der Befreiung vom "Islamischen Staat" kehrt die Kultur in die irakische Stadt Mossul zurück. Wird die neue Freiheit anhalten? Eine Reportage von Judit Neurink

Ein Park in Mossul. Hier bildete der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) einst Kindersoldaten aus. Nun haben sich tausende Menschen versammelt - für ein Bücherfestival mit Musik, Theater und Tischen voller Bücher, die für die Einwohner der Stadt gesammelt wurden.

Die Kultur ist zurück in der zweitgrößten Stadt des Irak. Und das "Ich bin Iraker - ich lese"-Festival ist nur eine von vielen Kulturveranstaltungen. Das Motto des Festivals ist an eine traditionelle arabische Redewendung angelehnt: "Ägypter schreiben, Libanesen publizieren, Iraker lesen."

"Wir wissen Dinge nicht zu schätzen, bis wir sie verlieren", sagt Ali al-Barudi. Er ist Englisch-Dozent an der Universität von Mossul und inoffizieller Chronist der Stadt. Er durchquert die Stadt immer wieder auf seinem Rad und fotografiert die Schäden und den Wiederaufbau. "Die Befreiung von Ost-Mossul von Daesh war ein zweiter Geburtstag für mich."

Kunst und Kultur haben unter dem IS - oder Daesh, so die arabische Abkürzung - stark gelitten. Statuen von Dichtern und Schriftstellern wurden niedergerissen, Kunstwerke und Musikinstrumente zerstört und die Universitätsbibliothek in Brand gesteckt - viele wertvolle Bände sind für immer verloren. Bücher wurden verboten, nicht-religiöse Kunst war tabu, Musiker und andere Künstler kamen ums Leben.

Kunst und Kultur schon lange verbannt

Die Unterdrückung begann schon kurz nach dem Einmarsch der USA im Jahr 2003, als radikale Muslime in der Stadt an Boden gewannen. "Der IS ist wie ein Geist - man sieht ihn nicht, aber er ist da und sammelt für die Zeit, wenn er zurückkehrt, heimlich Informationen über uns", sagt Al-Barudi. "Er hat seit 2005 im Verborgenen regiert, und öffentlich seit 2014. Es ist nicht einfach, ihn auszulöschen. Unter Daesh bin ich tausendmal am Tag gestorben. Jetzt muss Mossul als erstes die Angst loswerden."

Sein Vater warnt ihn, vorsichtiger zu sein, aber für den jungen Fotografen ist es eine Mission, die Entwicklungen in der Stadt zu dokumentieren.

Er vergleicht die Situation mit den ersten Jahren nach 2003, als die Iraker den Wandel und die Freiheit feierten, auf den sie so lange gewartet hatten - bis die radikalen Muslime auf der Bildfläche erschienen, um die Amerikaner zu bekämpfen und dem Wandel ein plötzliches Ende bereiteten. Aber dieses Mal sind viele in Mossul der Meinung, dass der Veränderungsprozess fortgesetzt werden muss.

"Besser als vor dem IS"

Marwan Tariq unterrichtet an der Universität von Mossul. Er findet auch, dass Fortschritte gemacht wurden. "Die Situation nach Daesh ist schon besser als vor ihrer Ankunft." Tariq war einer der ersten, der den stark bombardierten Campus der Universität wieder betrat, nachdem der IS im vergangenen Jahr verjagt worden war. Der Schaden in seinem Institut war gewaltig. "Alles, was eine Verbindung zur Kunst hatte, wurde zerstört: Klaviere, Uds (arabische Lauten), Gitarren, aber auch Gemälde und Skulpturen", berichtet er.

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