Völkermord an den Jesiden im Irak und in Syrien

Gerechtigkeit für Überlebende des „Islamischen Staates“

Der Völkermord des IS an den Jesiden war monströs. Deutsche Ermittler helfen bei der Aufklärung der grausamen Verbrechen. Vom Hunger nach Gerechtigkeit und den Mühlen der Justiz. Von Matthias von Hein

"Deutschland darf kein sicherer Hafen für Kriegsverbrecher sein". Kriminalhauptkommissar Klaus Zorn wiederholt diesen Satz mehrfach. Er und seine Leute sammeln Beweise. Sie wollen bereit sein, wenn sich die Chance für einen Zugriff ergibt.

Klaus Zorn sitzt in einem hochgesicherten Betonbau im beschaulichen Meckenheim im Süden des bevölkerungsreichsten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Hier hat das Bundeskriminalamt (BKA) seit Ende der 1970er Jahre eine Außenstelle. Damals war Deutschland noch ein geteiltes Land. Die Bundespolizei jagte vor allem die Linksterroristen der Rote Armee Fraktion (RAF).

Auch Klaus Zorn ermittelt gegen Terroristen. Der sportliche Endfünfziger ist stellvertretender Leiter der "War Crimes Unit" des Bundeskriminalamtes. Im Beamtendeutsch wird sie etwas umständlich "Zentralstelle für die Bekämpfung von Kriegsverbrechen nach dem Völkerstrafrecht" genannt. Derzeit sind Zorn und seine Kollegen damit beschäftigt, Beweise für den jüngsten Genozid der Geschichte zu sammeln: den Völkermord des IS an den Jesiden.

Der Völkermord

Die Verbrechen, um die es geht, geschahen vor fünf Jahren im Norden des Irak, knapp 3.200 Kilometer Luftlinie von Meckenheim entfernt. Dort überfielen IS-Kämpfer Anfang August 2014 die ethnisch-religiöse Minderheit der Jesiden. Vor dem Angriff lebten etwa 500.000 Jesiden rund um ihren heiligen Berg Sindschar, der zwischen der Millionenstadt Mossul und der syrischen Grenze liegt. Der „Islamische Staat“ brandmarkte sie als "Ungläubige" und "Teufelsanbeter". Die Dschihadisten gingen systematisch auf Menschenjagd.

Knapp 10.000 Menschen, vor allem Männer und Jungen über 12 Jahre, wurden ermordet. In der Region sind mehr als 70 Massengräber entdeckt worden. Etwa 7.000 jesidische Frauen und Kinder wurden als Sklaven verschleppt, verkauft, misshandelt, vergewaltigt. Hunderttausende flohen – und wagen bis heute nur vereinzelt die Rückkehr in ihre Heimat. Viele Überlebende sind traumatisiert. Das gilt vor allem für jene rund 3.500 Frauen und Kinder, die der Sklaverei des IS entkommen konnten und heute wichtige Zeugen sind.

Für den renommierten Völkerstrafrechtler Lars Berster von der Universität Köln steht fest: Das Vorgehen des IS erfüllt den Tatbestand des Völkermords. Das Entscheidende sei die Zielsetzung der Täter. "Die Täter müssen darauf abzielen, eine nationale, ethnische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu vernichten. Und diese Vernichtungsabsicht war beim IS sehr sichtbar", betont Berster.

In Deutschland ist im Juni 2002 das Völkerstrafgesetzbuch in Kraft getreten. Hier ist das sogenannte "Weltrechtspflegeprinzip" verankert. Das heißt: Die deutsche Justiz kann Völkerstrafrechtsverbrechen, wie sie der IS begangen hat, immer verfolgen, auch dann wenn sie nicht in Deutschland begangen wurden und weder Täter noch Opfer Deutsche sind.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.