Ursachen für die arabischen Aufstände von 2011

Die wirtschaftliche Dimension der Arabellion

Der Arabische Frühling resultierte vor allem aus der sozialen Schieflage und der Misere großer Bevölkerungsteile innerhalb der arabischen Welt, argumentiert der syrische Historiker Nasser Rabbat. Und solange diese wirtschaftliche Ungleichheit anhält, wird das Gefüge dieser Staaten weiter wackeln.

Es besteht kein Zweifel daran, dass die Revolutionen des Arabischen Frühlings mittlerweile eine teils extreme konfessionelle Dimension angenommen haben. Das sollte uns jedoch nicht vergessen lassen, dass ihre Ursachen und Motive hauptsächlich sozioökonomischer Natur sind. Diese Erkenntnis ist nicht nur notwendiger Bestandteil der Analyse der Auslöser der Revolutionen des Arabischen Frühlings. Sie ist auch, und das ist noch wichtiger, Voraussetzung für mögliche Lösungen, um die Probleme wirklich umfassend in den Griff zu bekommen.

In den Analysen der verschiedenen Aufstände und Kriege in der arabischen Welt, vom Irak und Syrien über den Libanon und Bahrain bis hin zum Jemen und dem Sudan, haben derzeit Politikansätze Konjunktur, die die konfessionellen Hintergründe der Konflikte übermäßig betonen. Gepaart mit Verschwörungstheorien, die allein in den Interventionen ausländischer Akteure und ihrer Unterstützung bestimmter Konfliktparteien den Hauptgrund  für den Niedergang bestimmter arabischer Staaten sehen, ist diese Deutungsweise mittlerweile zum dominanten Erklärungsmuster geworden.

Im Schatten des Kriegs der Konfessionen

Dass sich in diesen Konflikten eine konfessionelle Dimension herauskristallisiert hat, ist unbestritten. Klar ist auch, dass sich Finanziers aus dem In- und Ausland entlang konfessioneller Bruchlinien - und in geringerem Ausmaß auch entlang ethnischer Zugehörigkeiten - in diese Konflikte einmischen und lokale Bündnispartner aussuchen. Die zunehmende Bedeutung der konfessionellen Dimension, die in manchen Fällen andere Konfliktursachen überlagert, sollte jedoch nicht dazu führen, dass wir wichtige Faktoren ausblenden, die die Konflikte weiterhin maßgeblich befeuern und immer wieder neu entfachen. An erster Stelle steht hierbei die ökonomische Dimension der Konflikte.

Der wirtschaftliche Aspekt ist deshalb so wichtig, um die Hintergründe der derzeitigen Kriege in der arabischen Welt zu verstehen. Dazu gehören auch die Entwicklungen der jüngeren Geschichte, also die inneren Konflikte, der Ressourcenraub und ein generelles Gefühl der Übervorteilung in weiten Teilen der arabischen Gesellschaften, die zu diesen Kriegen geführt haben. In manchen Ländern besteht aus historischen Gründen eine enge Verbindung zwischen diesem Gefühl und bestimmten Konfessionszugehörigkeiten.

Proteste gegen die Erhöhung der Lebensmittelpreise in Jordanien am 1. Februar 2018; Foto: picture-alliance
Dynamik und Tragweite sozioökonomischer Aufstände: Soziale Proteste in Jordanien führten jüngst zum Sturz der Regierung. Im Januar 2018 waren in Amman Demonstranten massenhaft auf die Straße gegangen, als die Preise für Brot und Benzin sowie die Steuern auf Zigaretten und Internetanschlüsse erhöht wurden. Der Benzinpreis wurde zuletzt zum fünften Mal in diesem Jahr heraufgesetzt, Stromrechnungen stiegen seit Februar um 55 Prozent. Ministerpräsident Hani Mulki musste schließlich zurückgetreten.

So waren die Alawiten in Syrien, die Kurden im Norden Syriens und des Iraks, die Schiiten im Libanon und Bahrain, die Zaiditen im Jemen und die Christen im Sudan bis vor nicht allzu langer Zeit arme, vom Zentralstaat vernachlässigte Bevölkerungsgruppen, die durch andere Konfessionen an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Diese waren in der Regel wirtschaftlich bessergestellt und verfügten - unrechtmäßig und gewaltförmig angeeignet - über einen größeren Anteil an den Ressourcen des Staates, als ihnen verhältnismäßig zugestanden hätte.

Soziale Misere als Katalysator der Aufstände

Zwar sind die Umstände von Land zu Land verschieden, insbesondere da die vom Krieg heimgesuchten Länder genauso wie andere heutige arabische Staaten das entstellte Produkt einer im Zuge der Gründung der modernen Nationalstaaten veränderten Bevölkerungszusammensetzung darstellen. Das sozioökonomische Ungleichgewicht zwischen den gesellschaftlichen Schichten zersetzt jedoch das Gefüge aller dieser Staaten seit ihrer Entstehung gleichermaßen. Das Ergebnis dieses Ungleichgewichts waren immer wieder Volksaufstände, Militärputsche und bewaffnete Konflikte, die manchmal erfolgreich waren, zumeist aber - wie zuletzt etwa der Arabische Frühling - scheiterten.

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