Umstrittene Studie über muslimische Kindergärten in Wien

Auf dem Prüfstand

Nach einem Bericht der österreichischen Wochenzeitung "Falter" soll Professor Ednan Aslan zugelassen haben, dass seine Expertise zu politischen Zwecken von Mitarbeitern des Außen- und Integrationsministers Sebastian Kurz umgeschrieben wurde. Der weist die Vorwürfe von sich. Jetzt soll die Studie überprüft werden. Von Canan Topçu

Als Professor Ednan Aslan am vergangenen Donnerstag an der Goethe-Uni in Frankfurt einen Vortrag hielt, wirkte er gelassen. Auch in der anschließenden Diskussion über das Thema "Islam europäischer Prägung" zeigte sich der unter Beschuss geratene Wissenschaftler souverän. Professorin Susanne Schröter, Leiterin des Frankfurter "Forschungszentrums Globaler Islam", hatte den Religionspädagogen aus Wien weit im Voraus eingeladen – also bevor die Debatte um Aslans sogenannte Kindergarten-Studie entfacht war.

Bei manch einem der mehr als 60 Zuhörer mag das Interesse am Vortrag von Aslan durch die "Enthüllung" der Wiener Wochenzeitung "Falter" geweckt worden zu sein. Es kamen jedenfalls mehr Teilnehmer als erwartet. Bemerkenswert war allerdings, dass der Vorwurf, die Kindergarten-Studie sei von der Politik manipuliert worden, vom Publikum nicht angesprochen wurde, obwohl Professor Aslan gleich zu Beginn angeregt hatte, im Laufe des Abends auch darüber zu diskutieren.

Nach dem Ende des offiziellen Teils des Abends äußerte sich Aslan auf Nachfrage zu der Studie, die laut "Falter" von Beamten des Integrationsministeriums mit dem Wissen des Religionspädagogen "frisiert" worden sein soll. Diesem Bericht nach sind der Redaktion aus "Wissenschaftskreisen" entsprechende Word-Dokumente zugespielt worden. Aus dem Korrekturmodus der Dateien gehe hervor, wie sehr Ministeriumsmitarbeiter die Studie "inhaltlich und nicht nur formal verändert" hätten, damit sie "politisch besser zu einem der dominierenden Wahlkampfthemen von Minister Kurz passt".

Der Vorwurf an Professor Aslan, der das "Institut für islamische Studien" der Uni Wien leitet: Beamte des Integrationsministeriums hätten mit seinem Wissen den Inhalt der Kindergarten-Studie im Sinne von Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz verändert.

Aslan kritisiert Falter-Chefredakteur

Wie auch schon via Twitter unmittelbar nach der Falter-Veröffentlichung erklärte der Wissenschaftler auch am Donnerstag, dass er den Text der Studie in vollem Umgang vertrete: "Die Studie über die muslimischen Kindergärten ist meine Studie."

Aslan kritisiert die Vorgehensweise des Falter-Chefredakteurs Florian Klenk. Dieser habe ihn aufgesucht, ihm ein paar Seiten vorgelegt und wissen wollen, was es mit den Änderungen im Dokument auf sich habe; warum und von wem Passagen verändert worden seien.

Ednan Aslan (r.) mit Österreichs Außenminister Sebastian Kurz bei einer Pressekonferenz; Foto: Bild: Österreichisches Außenministerium/Dragan Tatic
Gefälligkeitsdienst für Sebastian Kurz? Der Vorwurf an Professor Aslan, der das Institut für islamische Studien der Uni Wien leitet: Beamte des Integrationsministeriums hätten mit seinem Wissen den Inhalt der Kindergarten-Studie im Sinne von Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz verändert.

Er habe Klenk nicht so gleich antworten können, berichtet Aslan und erklärt das so: "Die Studie ist vor eineinhalb Jahren veröffentlicht worden; ich habe nicht mehr jedes einzelne Detail im Kopf." Dass der "Falter" eine Manipulation der Studie durch die Politik unterstelle, habe weniger mit ihm als mit den bevorstehenden Wahlen in Österreich zu tun: "Da wollen Leute Sebastian Kurz absägen", so Aslan. Der Außen- und Integrationsminister habe nämlich den Prognosen nach gute Chancen, Bundeskanzler zu werden.

Kritik an der Studie des Religionspädagogen gibt es aber nicht erst seit dem Falter-Bericht von vergangener Woche. Bereits im Dezember 2015 hatte Minister Kurz - ohne Rücksprache mit dem Wissenschaftler - einen Zwischenbericht an Boulevardmedien weitergereicht und insbesondere bei muslimischen Gemeinden für Verstimmung gesorgt.

Die "Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich" (IGGÖ) kritisierte, dass islamische Kindergärten gesondert untersucht wurden. Der Präsident der IGGÖ, Fuat Sanac, erklärte: "Es ist undemokratisch und auch gefährlich, in einem demokratischen Land die Bürger nach Glauben zu qualifizieren. Mit dem Finger auf eine Gruppe zu zeigen, ist unmenschlich."

Wissenschaftler zweifeln Qualität der Studie an

Seit dem Falter-Bericht wird die Debatte um Professor Aslan und seine Studie in den Medien auf unterschiedliche Weise geführt. So gibt es Beiträge, die seine wissenschaftliche Vorgehensweise in Frage stellen. In einem Interview erklärte Andrea Schaffar, Kommunikations- und Sozialwissenschaftlerin und Lektorin an der Uni Wien, dass Aslans Studie mit Forschung "nichts zu tun" habe und "vor allem methodisch große Mängel" aufweise. "Sie ist intransparent, es wird nicht dargelegt, von welchen Quellen ausgegangen wird, welche Kindergärten ausgewählt wurden", so Schaffer in der österreichischen Tageszeitung "Der Standard“.

Als "bedauerlich" bewertet wiederum der Wiener Soziologe Kenan Dogan Günger die Diskussion um die Frage, "wie schludrig bzw. tendenziös die 'Kindergartenstudie' erstellt worden ist". Die Studie habe der notwendigen - aber auf einer seriöseren und fundierteren Basis - zu führenden Diskussion um die Missstände in bestimmten islamischen Kreisen und Kindergärten massiv geschadet. "Ich wünschte, dass bei aller berechtigen Kritik an der Studie, die KritikerInnen mit der gleichen kritischen Haltung die problematischen Fehlentwicklungen in Teilen der muslimischen Commnity sehen und anprangern würden", schreibt Güngor, der das Forschungsbüro "Think Difference" führt, auf seiner Facebook-Seite.

of. Dr. Ednan Aslan, M.A. Professor für islamische Religionspädagogik an der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaften de Uni Wien; Foto: picture-alliance/dpa
In Erklärungsnot: Neben den Vorwürfen zur Kindergarten-Studie stellen nach Informationen des österreichischen "Standard" Plagiatsforscher die Behauptung auf, in drei von fünf Kapiteln der im Jahr 1997 an der Uni Klagenfurt eingereichten Dissertation von Aslan fänden sich Plagiatsfragmente. Die Doktorarbeit sei daher unsauber.

Auch in den Sozialen Netzwerken und Blogs wird die Causa Ednan Aslan diskutiert – in manchen muslimischen Gruppen nicht ohne Schadenfreude. Es ist kein Geheimnis, dass Aslan vielen muslimischen Gruppen ein Dorn im Auge ist. Er selbst erklärt das damit, dass er unbequeme Themen anspreche und Missstände in den Gemeinden offenlege. Auch dass innerislamische Debatten über die Frage anregen wolle, ob der Extremismus nicht doch etwas mit der Islamischen Theologie zu tun habe, mache ihn unbeliebt.

Kommission prüft Manipulation an Studie

Um Klarheit über die in den Medien erhobenen Vorwürfe gegen Professor Aslan und seiner so genannten Kindergarten-Studie zu schaffen, hat die Universität Wien eine Kommission eingerichtet. Diese Ombudsstelle zur Sicherung der guten wissenschaftlichen Praxis prüft, wie die Universität auf ihrer Homepage mitteilt, derzeit die Hinweise und Vorwürfe wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Auf Grundlage aller Fakten werde festgestellt, "inwieweit die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis eingehalten wurden". Der Bericht der Kommission an den Rektor werde "zeitnah" erfolgen, erklärt die Uni Wien.

Zu den Vorwürfen gegen Aslan und seine Studie hat sich auch Professor Mouhanad Khorchide zu Wort gemeldet. Bevor der Religionspädagoge Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Uni Münster wurde, war er Mitarbeiter an dem Wiener Institut. Es sei zweifelsohne in der Wissenschaft "unredlich", wenn Forscher eine Studie "egal in welcher Weise und aus welchem Motiv" manipulierten.

Teilinformationen und widersprüchliche Aussagen

"Im vorliegenden Fall rund um die Kindergartenstudie liegen uns nur Teilinformationen aus der Presse und widersprüchliche Aussagen vor", so Khorchide. Es sei nicht zielführend, vor den Ergebnissen der Kommission in die eine oder andere Richtung zu spekulieren. "Grundsätzlich gilt aber vor allem die Unschuldsvermutung, was auch ein islamisches Gebot ist." Unabhängig von den erhobenen Vorwürfen sei die Qualität der islamischen Kindergärten in Wien durchaus ein Thema und diesbezüglich sei auch "dringend" ein Kriterienkatalog für die Sicherung der Qualität erforderlich.

Aslan selbst empfindet die Vorgehensweise seiner Universität keineswegs als ein Affront. Im Gegenteil, es sei sehr in seinem Interesse, dass die Kommission die Vorwürfe prüfe. Er habe der Ombudsstelle alle Dokumente und Dateien übergeben, die er zu der Studie habe. So könne der Veränderungsverlauf von Textpassagen rekonstruiert werden. Aslan selbst geht davon aus, dass die Ergebnisse in der kommenden Woche bekannt gemacht werden.

Canan Topçu

© Qantara.de 2017

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