Theaterszene in Pakistan
Ich will doch nur tanzen

Junge Künstler in Lahore sind Teil einer neuen Generation, die die konservative pakistanische Gesellschaft verändern will. Dabei legen sie sich mit Mullahs, mit der Zensur und manchmal auch mit der eigenen Familie an. Von Karin A. Wenger (Text) und Philipp Breu (Fotos)

Die Tänzerin Fatima, 25, hat dem Türsteher Fotos ihrer Eltern in die Hand gedrückt und sagt zu ihm: "Lass sie auf keinen Fall herein." An diesem Samstag ist ihr großer Abend, sie tanzt die Hauptrolle in "Mirza Sahiban", einer tragischen Liebesgeschichte. Sie hat das Stück selbst choreographiert und führt Regie – das hat sie auch ihren Eltern erzählt. Doch dass sie selbst tanzt, davon dürfen sie niemals erfahren.

Fatima ist eine von dreißig jungen Pakistanerinnen und Pakistanern, die an diesem Abend auf der Bühne stehen im Kunstzentrum "The Colony" in Lahore, der zweitgrößten Stadt des Landes. Das Zentrum ist ein Mikrokosmos für junge Menschen; es bietet Kreativen einen Raum, der bislang so in Pakistan nicht existierte. Saad Sheikh, 27, gründete die "Colony" im Sommer 2019, musste später fast ein Jahr wegen Covid-19 schließen. Erst seit vergangenem Dezember finden im Zentrum wieder Theater, Tanz, Gesang und Ausstellungen statt.

Die Auftritte im Kulturzentrum sind nicht für die Augen einer breiten Öffentlichkeit gedacht. Im "Colony", einem Gebäude im Industriestil, verlieren die vielen ungeschriebenen Regeln der pakistanischen Gesellschaft ihre Kraft. Drinnen gilt: Sprich aus, was du denkst; zieh an, wonach dir ist; bewege dich, wie du möchtest. Was Fatima und ihre Gruppe auf der Bühne aufführen, würden die meisten Menschen in Pakistan höflich als "unmoralisch" beschreiben, und dabei denken: Huren. Fatima weiß das ganz genau, ihre Tänzerinnen und Tänzer auch, die 150 jungen Menschen im Publikum ebenso. Sie alle sind Teil einer neuen Generation, die in den Großstädten heranwächst, und die Aufbruch will statt Konservatismus.

Fatima trägt bereits das Kostüm, langer Rock, darunter schwarze Leggings, ein Oberteil liegt eng an ihrem zierlichen Körper und außer dem Ausschnitt, der knapp unter dem Schlüsselbein endet, ist keine nackte Haut zu sehen. Trotzdem wirkt sie sinnlich, ihre dunklen Locken fallen über die Schultern, schwarzer Lidstrich, die Nägel rot lackiert. Später, im schummrigen Licht auf der Bühne, wird sie dem männlichen Haupttänzer in den Armen liegen und ihre roten Lippen werden den seinen so nahe sein, dass das Publikum den Unterschied zum Kuss kaum sehen kann.

Probe im Kulturzentrum "The Colony", Lahore, Pakistan; Foto: Philip Breu
Probenpause im Kulturzentrum "The Colony“: Das Zentrum ist ein Mikrokosmos für junge Menschen; es bietet Kreativen einen Raum, der so bislang in Pakistan nicht existierte. Saad Sheikh, 27, gründete das "Colony" im Sommer 2019, musste später fast ein Jahr wegen Covid-19 schließen. Erst seit vergangenem Dezember finden im Zentrum wieder Theater, Tanz, Gesang und Ausstellungen statt. Die Auftritte im Kunstzentrum sind nicht für die Augen einer breiten Öffentlichkeit gedacht. Denn hier verlieren die vielen ungeschriebenen Regeln der Gesellschaft ihre Kraft. Im Kulturzentrum gilt: Sprich aus, was du denkst; zieh an, wonach dir ist; bewege dich, wie du möchtest. Die meisten Menschen in Pakistan würden das höflich als "unmoralisch" beschreiben.

Es sind Szenen wie diese, die Fatimas Vater vergangene Nacht dazu brachten zu schreien: "Zieh aus meinem Haus aus!" Fatima sieht nichts Unmoralisches in ihrem Tanzstück, deshalb lud sie ihre Eltern zur Première ein, bei der extra eine andere Tänzerin die Hauptrolle übernahm. Fatima wollte den Eltern zeigen, was sie als Regisseurin kreiert hat. Zuhause stritt sie mit ihrem Vater, den sie als nicht speziell religiös, aber konservativ beschreibt. Er verbot ihr, am nächsten Tag zurückzukehren. Fatima flehte ihn an: "Ich mache alles, was du willst, suche mir einen Mann und ich heirate ihn, aber bitte lass mich morgen raus!" Schließlich habe er gesagt: "Ich erlaube es nicht, aber wenn du willst, dann geh."

Tod wegen eines Tanzvideos
 

Egal wie liberal ein pakistanischer Vater ist, die eigene Tochter tanzend auf der Bühne, das würde kaum einer erlauben. Nähe zu einem fremden Mann würde das Ansehen der ganzen Familie verletzen. Der weibliche Körper bewegt sich in Pakistan immer zwischen Ehre und Sünde, ihm obliegt das oberste Gebot der Gesellschaft: Log kya kahain gay? (Urdu für: Was werden die Leute sagen?).

Das Stück "Mirza Sahiban", das Fatima an diesem Abend tanzen wird, hatte ein Poet aus der Mogulzeit im 17. Jahrhundert geschrieben, doch der Inhalt bleibt aktuell: Die junge Frau Sahiban verliebt sich in Mirza, was ihre Brüder nicht tolerieren, und deshalb das Paar töten. Bis heute werden in Pakistan Frauen von ihren Familien oder Verwandten umgebracht, weil sie sich verlieben oder zum Beispiel tanzend in einem Video zu sehen sind. Human Rights Watch schätzt, dass etwa tausend Pakistanerinnen pro Jahr Opfer von sog. Ehrenmorden werden. Oft geschehen solche Taten auf dem Land, doch auch in den Städten sterben Frauen. Drei Tage vor der Show im "Colony" titelte eine Tageszeitung: Mutter zweier kleiner Töchter in Lahore von Verwandten ermordet, weil sie keinen Jungen gebar.

Im Probensaal übt Fatima gerade mit der Gruppe Teile der Choreographie, als die Tür mit einem Ruck auffliegt. Fatimas jüngerer Bruder platzt mit aufgerissenen Augen herein: "Fatima!", ruft er und streckt ihr ein Telefon hin. Sie tauschen hektisch einige Worte aus, Fatima rennt aus dem Raum, ihr Bruder hinterher. Er ist in der Familie ihr Verbündeter, begleitet sie überall hin, denn Eltern in Pakistan mögen es nicht, wenn Töchter alleine unterwegs sind.

Kurz vor dem Auftritt versammelt sich die Gruppe zum Gebet; Foto: Philip Breu
Ein Gebet vor dem Auftritt soll die Angst nehmen, denn die Künstler müssen mit Anfeindungen rechnen, auch aus ihren Familien. Über 95 Prozent der pakistanischen Bevölkerung sind Muslime, mehrheitlich Sunniten, die Religiosität ist im Vergleich zu anderen islamischen Ländern hoch. Die konservativen Mullahs gehören zu den Gegnern der jungen Kreativen im "Colony", doch dadurch lassen sie sich nicht von ihrem Glauben entfremden. "Colony"-Gründer Saad Sheikh, tätowierte Ringe am Oberarm, Smartwatch, dunkelroter Schal um die Schultern drapiert, sagt: "Mein Allah ist zu offen und zu groß dafür, dass mein Islam klein und verschlossen ist."

Im Nebenzimmer reden mehrere Personen auf Fatima ein, sie umklammert ihren Körper, der sonst so gerade, grazile Rücken nach vorne gekrümmt. Ihre Mutter hat angerufen und gesagt, sie habe erfahren, dass sie tanze, jemand im Publikum werde ihr ein Video schicken. Der Bruder sagt zu ihr, wenn es die Eltern wirklich wüssten, spiele es nun keine Rolle mehr, ob Fatima auftrete oder nicht. Sie starrt ins Leere, bleibt einen Moment still, dann sagt sie bestimmt: "Ich werde auftreten. The show must go on."

Als sie die Tür zum Probensaal öffnet, jubelt ihre Gruppe. "Betet für mich!", sagt sie zu ihnen. Sofort bilden alle einen Kreis, halten die Handflächen nach oben. "Bismillah", im Namen Gottes, fangen sie an, dann rufen sie gute Wünsche, immer lauter schreien sie sich die Angst aus dem Leib.

In Pakistan gibt es unzählige verschiedene Meinungen darüber, welche Art des Islam die richtige sei, oft sind sich nicht einmal alle Familienmitglieder einig. Über 95 Prozent der pakistanischen Bevölkerung sind Muslime, mehrheitlich Sunniten, die Religiosität ist im Vergleich zu anderen islamischen Ländern hoch. Die konservativ-religiösen Mullahs gehören zu den Gegnern der jungen Kreativen im "Colony", doch dadurch lassen sie sich nicht von ihrem Glauben entfremden. Saad Sheikh, tätowierte Ringe am Oberarm, Smartwatch, dunkelroter Schal um die Schultern drapiert, sagt: "Mein Allah ist zu offen und zu groß dafür, dass mein Islam klein und verschlossen ist."

Die Oase der Freiheit schätzen und schützen
 

20 Uhr, kurz vor Showbeginn. Junge Menschen sitzen dicht gedrängt auf Kissen im Saal, alle tragen eine Maske. Viel mehr Angst als vor dem Coronavirus haben Fatima sowie auch die meisten Tänzerinnen und Tänzer vor etwas anderem: vor Fotos oder Videos, die auf Social Media landen. Deshalb gilt eine weitere Regel: Handys ausschalten. Das Risiko bleibt, das weiß die Tanzgruppe, doch sie vertraut darauf, dass alle im Raum an diesem Abend Komplizinnen und Komplizen sind, die diese Oase der Freiheit schätzen und schützen.

Als Fatima die Bühne zu rhythmischer Musik der Band betritt, schaut sie ganz kurz verunsichert ins Publikum, doch nach einige Sekunden entspannen sich ihre Gesichtszüge. Die männliche Hauptrolle tanzt Ibrahim Rana, 27, dessen Eltern ihn im Gegensatz zu den meisten anderen unterstützten, da er aus einer Künstlerfamilie stammt. Viele Eltern seiner Kollegen sind weniger verständnisvoll, auch für pakistanische Männer gilt tanzen als unmoralisch.

Zwei Tänzerinnen bei der Probe; Foto: Philip Breu
Zwei Tänzerinnen bei der Probe im Kulturzentrum "Colony“. "Der Subkontinent hat eine lange Tradition des Tanzens, einst wurden Frauen als respektierte Künstlerinnen angesehen, wenn sie an den königlichen Höfen auftraten,“ schreibt Karin A. Wenger. "Als der Militärdiktator Zia-ul-Haq (1977-1988) gegen Ende der 1970er Jahre Pakistan islamisierte, verbannte er viele Formen der Kunst und Unterhaltung aus der Öffentlichkeit, Tänzerinnen mussten in den Untergrund gehen. Bis heute bilden fundamentalistisch geprägte Gruppen eine starke Kraft im Land, die mit Massenprotesten ganze Stadtteile lahmlegen können, und die eine Liberalisierung von Gesellschaft und Kultur bekämpfen“.

 

Der Subkontinent hat eine lange Tradition des Tanzens, einst wurden Frauen als respektierte Künstlerinnen angesehen, wenn sie an den königlichen Höfen auftraten. Als der Militärdiktator Zia-ul-Haq (1977-1988) gegen Ende der 1970er Jahre Pakistan islamisierte, verbannte er viele Formen der Kunst und Unterhaltung aus der Öffentlichkeit, Tänzerinnen mussten in den Untergrund gehen. Bis heute bilden fundamentalistisch geprägte Gruppen eine starke soziale Kraft im Land, die mit Massenprotesten ganze Stadtteile lahmlegen können, und die eine Liberalisierung von Gesellschaft und Kultur bekämpfen.

Fatima wirft Rana verführerische Blicke zu, mal streicht sie sich sanft über die Schulter, mal wirbelt sie herum, immer schneller, ihr Rock und die Haare fliegen durch die Luft, sie strahlt. "Ich bin am allermeisten ich selbst, wenn ich auf der Bühne tanze. Es ist, als ob in diesem Moment niemand in dieser Welt Kontrolle über mich hat", sagt sie.

"Draußen kann jedes Wort gegen dich verwendet werden, deshalb nutzen wir diese Bühne und drücken alles aus, was wir und die Leute im Publikum nicht aussprechen können", sagt Ibrahim Rana. Wenn er und Fatima sich beinahe küssen, geht ein Raunen durch das Publikum, manche klatschen oder jubeln. Rana probt parallel für ein Theaterstück über Lust und Verführung. "Sex ist die normalste Sache der Welt, also sollten wir sie auch thematisieren", sagt er.

Kunst als Widerstand gegen eine konservative Gesellschaft
 

Tabuthemen gäbe es auf der Bühne im "Colony" kaum, sagt Gründer Saad Sheikh, sie seien einzig vorsichtig, weder die Religion noch das Militär offensichtlich anzugreifen. Was sie aufführten, fänden viele moralisch verwerflich, doch rechtlich gesehen sei alles legal. Vor einigen Jahren organisierte er einen Flashmob in der Altstadt von Lahore, Frauen tanzten zu Beyoncés Zeilen "Who runs the world? Girls!". Das Video davon ging viral, danach drohte ihm jemand am Telefon, seinen Kopf abzuschneiden. "Ich glaube daran, in einer Demokratie zu leben, und das bedeutet, dass nicht alle miteinander übereinstimmen müssen, aber wir sollten nebeneinander existieren dürfen", sagt er.

Viele junge Pakistanerinnen und Pakistaner haben genug, sie wollen das Land verlassen. Auch Fatima hat schon darüber nachgedacht, doch sie will bleiben. "Wenn alle Künstler und Denker gehen, wer bleibt dann, um das Land zu retten?", fragt sie. "Tanzen ist für mich auch eine Form von Widerstand." Saad sagt, er bleibe, weil er für die Jungen Möglichkeiten schaffen möchte, die er selbst nicht hatte.

Die Show ist zu Ende, im Raum hinter der Bühne jubeln die Tänzerinnen und Tänzer, fallen sich erleichtert in die Arme. Fatima weiß: Ihre Eltern würden sie nicht umbringen, wie das andere, konservativere und vielleicht weniger gut gebildete Eltern täten, selbst wenn sie ein Tanzvideo von ihr sähen. Die Strafen wären hart, sagt sie, sie dürfte wahrscheinlich das Haus für lange Zeit nicht mehr verlassen, Handy weg, keinen Kontakt zur Außenwelt. Doch Angst um ihr Leben hätte sie nicht. "Ich glaube, meine Mutter wollte mir nur Angst machen, ich werde einfach alles abstreiten", sagt Fatima. Und sie wird Recht behalten. So tanzt sie auch am nächsten Abend wieder auf der Bühne.

Karin A. Wenger & Philipp Breu

© Qantara.de 2021

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