Syrische Literatur in Zeiten des Krieges

Schreiben ist eine Flucht

Die Arabellion und der Krieg in Syrien haben die Selbstwahrnehmung der Autoren verändert. Für einige sind diese Veränderungen so gravierend, dass sie sich nicht länger in der Lage sehen zu schreiben. So auch Dima Wannous gemacht, eine der herausragenden Schriftstellerinnen der jüngeren Generation Syriens.

Schreiben bedeutet für mich nichts anderes als die Suche nach einem Freiraum, einem Ort zum Leben. Im Zuge des Schreibens wird dieser Freiraum zur Projektionsfläche für die eigene Wunschrealität. Die Wirklichkeit erscheint demgegenüber als Trugbild, als Alptraum, aus dem es erst mithilfe des Schreibens ein Erwachen gibt. Schreiben ist eine Flucht. Indem wir Figuren erschaffen, werden diese Teil unseres Lebens. Wie uns ja andererseits das Leben mit Menschen zusammenführt, die wie geschaffen dafür sind, literarischen Figuren als Vorlage zu dienen.

In Syrien hat sich die Literatur nie an die breite Öffentlichkeit gewandt, sondern immer nur an eine Elite. Deshalb tut sie sich schwer damit, eine konkrete Funktion zu erfüllen, die über die des Privatvergnügens hinausgeht, oder die mehr ist als ein verzweifeltes Bemühen um Existenz an einem Ort, an dem für den Bürger, den Menschen gar keine Existenz vorgesehen ist, an dem ihm keine Zugehörigkeit Schutz bietet und er kein Gefühl dafür entwickeln kann, was es heißt zu leben. Das Schreiben ruft uns das Ich, die Existenz, das Sein ins Gedächtnis, gestattet es uns, eine Identität zu erschaffen an einem Ort, an dem für eigenständige Identitäten eigentlich kein Platz ist.

Auflehnung gegen den Ort, die Zeit, die Umgebung

Ich habe nie für ein bestimmtes Publikum geschrieben, für Freunde oder sonstige Leser. Vor der Revolution habe ich für mich selbst geschrieben, um in jenem Freiraum der Phantasie etwas zu finden, was den Horizont meiner Existenz erweitert. Eine selbstbezogene, egoistische Handlung war das, mag sein. Doch auch eine, die sich auflehnte gegen den Ort, die Zeit, die Umgebung; gegen das Land, in dem ich geboren wurde und das ich nur selten verlassen hatte.

Wenn ich mir gelegentlich Personen ausmalte, für die ich schrieb, dann waren es immer nur solche, die dem syrischen Regime treu ergeben waren, oder die mit verbissener Hingabe in einer regierungsnahen Institution ihren Dienst taten. Sie wurden vor meinem inneren Auge zu austauschbaren Kopien ihrer selbst, zu einer homogenen Masse mit den immer gleichen Eigenschaften, den immer gleichen Verhaltensmustern und dem immer gleichen eingeschränkten Repertoire an Gestik und Mimik.

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