Syrienkonflikt

Der Krieg in Syrien ist nicht vorbei

In Politik und Medien werden Stimmen laut, die das Ende des Krieges in Syrien verkünden und meinen, jetzt könnten die Geflüchteten wieder zurückkehren. Der syrische Autor Tarek Aziza ist jedoch davon überzeugt: Solange das Assad-Regime das Land kontrolliert, kann von Frieden in Syrien keine Rede sein.

In der internationalen Staatengemeinschaft nimmt derweil die Diskussion über die Notwendigkeit, Stabilität in Syrien herzustellen, bereits seit längerem einen prominenten Platz ein. Politische Entscheidungsträger wiederholen diesen Slogan gebetsmühlenartig - ganz gleich, ob sie Verbündete Assads sind, oder vermeintlich an der Seite des syrischen Volkes und dessen Revolution stehen.

Das ist nicht verwunderlich, denn Stabilität war schon immer ein Zauberwort im strategischen Arsenal von Regierungen und insbesondere der autoritären Regime. Das Argument, Stabilität zu erreichen, aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen dient immer wieder als Vorwand, um Gewalt und Massaker zu rechtfertigen und nationale und internationale Interessen durchzusetzen.

Mit dem Argument, für Stabilität sorgen zu wollen, werden schmutzige Geschäfte getätigt und Allianzen mit den größten Tyrannen und Verbrechern geschlossen. Je nach Lage ändert sich die Haltung und die Karten werden neu gemischt. Die eigenen Prinzipien scheinen keine Rolle mehr zu spielen, wenn es akzeptabel geworden ist, den Feind zum Freund zu machen und den Henker als "Garant für Sicherheit und Frieden" zu propagieren. Natürlich alles nur um der sogenannten Stabilität willen!

Die Beispiele sind zahlreich. Jeden Tag betonen die offiziellen Entscheidungsträger aufs Neue, wie wichtig es ist, dass in immer weitere Landstriche Syriens wieder Stabilität einkehrt. Dadurch würde der "politische Prozess" vorangetrieben, die Geflüchteten zur Rückkehr in ihre Heimat ermuntert und der Wiederaufbau des Landes erleichtert.

Abmachungen auf Kosten der Zivilbevölkerung

Währenddessen werden im Hintergrund auf Kosten des Landes und seiner Bevölkerung offizielle und inoffizielle Abmachungen zwischen den involvierten Staaten getroffen. Und Assad, der Grund für all ihr Leid, kann sich mit seinen Siegen brüsten.

Ob politische Rechtfertigungsstrategie oder mediale Worthülsen, die Versuche, die eigene Haltung in ein gutes Licht zu stellen, laufen implizit immer auf das Eingeständnis hinaus, dass der "Schlächter von Damaskus" den Krieg gegen sein eigenes Volk gewonnen hat, oder erkennen seinen Sieg gar an.

Syrisches Militär vor Putin- und Assad-Porträts in Ost-Ghouta bei Damaskus; Foto: Reuters/Omar Sanadiki
Mit eisernen Faust und im Schulterschluss mit Putin und Khamenei: Assads "Krieg gegen den Terror" hat es dem syrischen Diktator erleichtert, die Opposition zu besiegen und der internationalen Gemeinschaft seinen Kampf als Plan zur Wiederherstellung der Stabilität zu verkaufen.

Denn sie häufen sich immer dann, wenn die Truppen Assads mit Hilfe Russlands und des Irans die Kontrolle über seit Jahren verlorene Gebiete wiedererlangen. Genau das verstehen sie unter Stabilität und propagieren es als Lösung für das Chaos, das aufgrund der langen Kämpfe in den meisten dieser Gebiete herrschte.

Hinzu kommt der Deckmantel des "Krieges gegen den Terror", der es Assad erleichtert hat, die Opposition zu besiegen und der internationalen Gemeinschaft seinen Kampf als Plan zur Wiederherstellung der Stabilität zu verkaufen.

Dschihadisten gegen syrische Revolutionäre

Wir sollten darüber hinaus die verschiedenen dschihadistischen Gruppierungen nicht vergessen, die noch mehr als das Regime Assads selbst gegen die syrischen Revolutionäre gekämpft haben. Zu großen Teilen waren sie es, die eine solche "Stabilität" wünschenswert erschienen lassen:

Die Art und Weise ihres Vorgehens, wie sie kämpften und was sie propagierten, zeichneten ein Schreckensszenario voller Chaos und Gefahren, dem viele die "Stabilität" in der Hölle des Regimes vorzogen.

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Leserkommentare zum Artikel: Der Krieg in Syrien ist nicht vorbei

Ja natürlich ist der Kernsatz richtig: "Das Argument, Stabilität zu erreichen, aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen dient immer wieder als Vorwand, um Gewalt und Massaker zu rechtfertigen und nationale und internationale Interessen durchzusetzen." Auf der anderen Seite stellt sich uns, wenn wir auf die vergangenen acht Jahre zurückblicken, immer wieder die Frage: Was ist schlimmer? Ein blutrünstiger Diktator oder das Chaos eines jahrelangen Bürgerkriegs? Beispielhaft ist für mich Ägypten. Wäre es wirklich besser, wenn al-Sisi mit seinem Putsch keinen Erfolg gehabt hätte und Ägypten statt dessen in einen Bürgerkrieg nach dem Muster Syrien, Libyen oder Jemen abgeglitten wäre? Es ist eine Frage, die schwer zu beantworten ist. Letztlich meine ich persönlich: Ein Diktator wie al-Sisi oder al-Asad vergeht nach noch nicht einmal allzu langer Zeit. Die Wunden, die der Krieg reisst, das Beispiel Bosnien haben wir vor der Tür, verheilen möglicherweise auch in Hundert Jahren nicht.

Achim Schlott30.06.2019 | 15:50 Uhr

Sehr geehrter Herr Schlott! Sie haben absolut Recht! Gut mal einen Kommentar zu lesen, der realitätsnah ist und dessen Schreiber diese Realitäten auch differenziert zu betrachten in der Lage ist. Besser als all die "In Bausch und Bogen-Verdammer", die keine Ahnung von eben diesen Realitäten haben.

Ingrid Wecker03.07.2019 | 14:33 Uhr