Symposiumsreihe "Das geistige Erbe des Islam"

Koranwissenschaftliche Ansätze auf dem Prüfstand

Auf dem internationalen Symposium "Das geistige Erbe des Islam: Koranwissenschaften heute" der Frankfurter Goethe-Universität wurden zeitgemäße Methoden der Koranauslegung kritisch hinterfragt. Erhard Brunn informiert.

Auf dem internationalen Symposium "Das geistige Erbe des Islam: Koranwissenschaften heute" der Frankfurter Goethe-Universität, an dem 30 renommierte Wissenschaftler teilnahmen, wurden zeitgemäße Methoden der Koranauslegung kritisch hinterfragt. Erhard Brunn informiert.

Koran; &copy British Library/DW
"Das geistige Erbe des Koran: Genese, Exegese, Hermeneutik" - so das Thema der dreitägigen Symposienreihe der Frankfurter Goethe-Universität

​​Veranstaltet wurde das dreitägige Symposium von der Stiftungsprofessur Islamische Religion und der "Gesellschaft zur Förderung der Islamstudien e.V." (GEFIS). Und die Resonanz war beachtlich: Vor allem zahlreiche junge, kreative Forscher im Bereich der Koranexegese kamen.

Bereits zu Beginn kritisierte der muslimische Gelehrte der Universität Leiden, Professor Nasr Hamid Abu Zaid, dass den Muslimen schon vor langer Zeit das Bewusstsein darüber abhanden gekommen sei, dass die Botschaft – und nicht der Text entscheidend sei.

Der Botschaft gehe man in Kommunikation mit Gott nach, während die Muslime sich mehrheitlich aus diesem lebendigen Gespräch verabschiedet hätten und sich ganz auf den Text konzentrierten.

Historisierung des Korans

Auch der renommierte Vertreter der so genanten "Ankaraner Schule" und gegenwärtige Stiftungsprofessor an der Frankfurter Goethe-Universität, Ömer Özsoy, wies darauf hin, dass das Bedürfnis nach Auslegung des Korans erst nach dem Tod des Propheten, das heißt in der zweiten Generation.

​​Mohammed habe es wohl nicht als seine Aufgabe betrachtet, den Koran schriftlich zu fassen, so Professor Özsoy: "Es stellt sich überhaupt die Frage, wollte Gott eigentlich etwas Schriftliches oder eben nicht, um die flexible Kommunikation aufrechtzuerhalten?"

Auch wann die Systematisierung der verschiedenen Textsammlungen zu einer geschah, ist heute zwischen muslimischen Forschern und westlichen Islamwissenschaftlern umstritten. Verschiedene westliche Forscher datieren sie wesentlich später, als es die gängige muslimische Sicht widerspiegelt.

Koran-Hermeneutik bereits im frühen Stadium

Obgleich den Zeitzeugen der Zusammenhang von Offenbarungen und Offenbarungsanlässen, die diese Antworten erforderten, noch bewusst war, ging dieses Bewusstsein den Gläubigen allerdings schon bald verloren.

Abu Zaid; Foto: Erhard Brunn
Abu Zaid wies in seinem Vortrag darauf hin, dass die Muslime auch von christlichen Islamforschern profitierten, die bereits in einem frühen Stadium Koranstudien durchgeführt hätten.

​​Andererseits waren viele Diskussionsteilnehmer der Meinung, Textkritik sei - historisch wie linguistisch - sehr geläufig unter muslimischen Theologen. Mehrfach darauf verwiesen, dass die Muslime bereits in einem frühen Stadium hermeneutisch mit dem Koran umgegangen seien.

Auch auf aktuelle Kontroversen, wie die syro-aramäische Lesart des Korans wurde auf dem dreitägigen Symposium eingegangen. Daniel Birnstiel von der Cambridge-University versuchte nachzuweisen, dass die Übersetzungen Luxenbergs willkürlich seien und auf viel zu wenig Kenntnis darüber basierten, wann syrisch-aramäische Begriffe in den arabischen Sprachraum Aufnahme fanden.

Kritik an "Ankaraner Schule"

Besonders überraschte der Jesuit und Theologieprofessor Felix Körner mit seiner kritischen Bewertung der so genannten "Ankara-Schule", einer der vorherrschenden reformtheologischen Strömungen aus der Türkei, für deren Bekanntheit er in Deutschland viel getan hat und die vor allem mit Professor Ömer Özsoy verbunden wird.

Körners Kritik war unmissverständlich: Die Koranhistorisierung Özsoys sei nicht mehr Selbstauslegung einer Schriftreligion, sondern "geschichtlich verbrämter Konsens-Ethos". Und weiter: Alle Reformansätze nähmen dem Koran seine reformatorische Potenz.

In einer von Überraschungen reichen Tagung, war dies sicher die am wenigsten zu erwartende und verwirrendste. Die Fülle der vorgestellten neuen Forschungsansätze in der Koranforschung und unterschiedlichen Beurteilungen ließ ohnehin viele Islamwissenschaftsstudenten recht ratlos zurück.

Und bei manchem kam der Eindruck auf, dass sich vieles "in Beliebigkeit" auflöse. Hätte man sich auf deutlich weniger Aspekte in dem breiten Themenspektrum konzentriert, hätte man der Debatte über zeitgemäße Koraninterpretationen gewiss mehr abgewinnen können.

Erhard Brunn

© Qantara.de 2008

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