Somalia

Stimmen aus der Diaspora

Die Analphabetenquote liegt in Somalia bei rund 75 Prozent. Dennoch hat das Land einen Autor hervorgebracht, der seit einiger Zeit für den Literaturnobelpreis im Gespräch ist. Ilja Braun stellt den Schriftsteller und seine Werke vor.

Foto: AP
Nuruddin Farah

​​Gestern war Somalia ein kolonialisiertes Land, von Briten, Franzosen, Italienern besetzt und auf dem Reißbrett aufgeteilt. Heute ist es eines der ärmsten Länder der Welt, in dem ein blutiger Bürgerkrieg tobt.

Farah hat noch kein Buch geschrieben, das sich nicht mit der desaströsen Geschichte und Gegenwart seines Landes beschäftigt hätte. "Variations on the Theme of an African Dictatorship" heißt die erste, inzwischen komplett auf Deutsch vorliegende Trilogie, die im englischen Original zwischen 1979 und 1983 erschienen ist: "Bruder Zwilling", "Tochter Frau" und "Vater Mensch", so die jeweiligen Titel.

Anhand von Familiengeschichten untersucht der Autor das Zusammenspiel von Diktatur und traditionellen Werten des islamisch geprägten Somalia. In "Bruder Zwilling" versucht die Militärjunta, den Tod eines rebellischen Bruders propagandistisch umzumünzen. "Tochter Frau" rechnet mit der in Somalia gängigen Praxis der Klitoris-Beschneidung ab.

Nuruddin Farah wurde 1945 in Baidoia/Somalia geboren. Er studierte Philosophie und Literaturwissenschaften in Indien sowie Theaterwissenschaften in London und Essex. 1974 musste er Somalia verlassen, wo er aus politischen Gründen in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde, und lebte viele Jahre im Exil. Erst 1996 konnte er sein Heimatland wieder besuchen. Farahs Bücher wurden in siebzehn Sprachen übersetzt und weltweit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zur Zeit lebt Nuruddin Farah in Kapstadt.

"Vater Mensch" inszeniert einen Vater-Sohn-Konflikt über die Frage der Legitimität von politischer Gewalt. Das Private ist in diesen drei Büchern dem Politischen unterworfen, das Individuelle den traditionellen patriarchalen Strukturen.

Nahrungsmittelhilfe im Tausch gegen Abhängigkeit

Auf die erste Trilogie folgt in den Jahren 1986 bis 1998 eine zweite, die Farah "Blood in the Sun" nennt: "Maps", "Gifts" und "Secrets". "Maps" handelt von den Grenzen, die im 19. Jahrhundert die Kolonialisten durch den somalischen Boden gezogen haben, und von der Schwierigkeit, die die nomadischen Somalis seither damit haben, ohne blutige Territorialkämpfe zu einer eigenen Identität zu finden.

​​"Gifts" ("Dunyas Gaben") fiktionalisiert die Auffassung des Autors, dass jedes Geschenk seinen Preis hat. Wie die Protagonistin das Liebesglück mit ihrem Traumprinzen Bosaaso nur bekommen kann, wenn sie dafür ihre persönliche Unabhängigkeit aufgibt, so bekommt Afrika westliche Nahrungsmittelhilfe nur unter der Voraussetzung, dass es weiter in Abhängigkeit von der Ersten Welt bleibt.

"Secrets" ("Geheimnisse") evoziert eine düstere, mit sexuellen Konnotationen aufgeladene Mystik, die in Gestalt der Schamanin Scholoongo nach und nach die festen Gewissheiten des Protagonisten Kalaman über seine Identität unterwandert. Das Weibliche als das ganz Andere erweist sich, kurz vor Beginn des Bürgerkriegs, als subversive Kraft in der patriarchalen Ordnung.

Mit "Yesterday, Tomorrow" setzt Farah diese Reihe von Büchern über Somalia nun einerseits fort, andererseits ist es das erste Mal, dass er ein Sachbuch geschrieben hat. Genauer gesagt, einen Reportageband: Er enthält "Stimmen aus der somalischen Diaspora", wie der Untertitel formuliert, auf Interviews gestützte Berichte über das Leben von Somalis, die als Flüchtlinge nach England, Italien und in die Schweiz gekommen sind.

Weil keine Einleitung die Voraussetzungen des Bürgerkriegs sowie die Verfassung der somalischen Gesellschaft und Kultur auch nur in Grundzügen erläutert, entgeht dem durchschnittlich wenig informierten Leser zunächst das Interessanteste: wie nämlich das vorherige Leben die Übergangsexistenz als Flüchtling weiterhin prägt.

Im Fokus: Der Somali als Exilant

Nicht irgendein Flüchtling in der Fremde interessiert den Autor, sondern der Somali als Exilant. Schnell mag es bei diesem Buch zu dem Missverständnis kommen, es wolle den schweren Alltag von Flüchtlingen zeigen, den die CNN-Kriegsberichterstattung verschweigt. Tatsächlich ist es dem Autor vielmehr um die Frage nach somalischer Identität gegangen, wie sie sich auch und gerade außerhalb Somalias darstellt.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Bericht einer somalischen Frau namens Caaliya Muxammad, die in Italien Arbeit als Haushälterin gefunden hat. Ihr mageres Gehalt war immerhin hoch genug, um nach und nach sechs Brüder erst aus Somalia nach Italien zu holen und sie dann in die USA bzw. nach Kanada weiterzuschicken.

Ein One-Way-Ticket nach Amerika kostet bei einem professionellen Schleuser 3000 Dollar. Bis Muxammad das nötige Geld zusammen hat, sitzen die Männer in einer kleinen Wohnung auf engstem Raum untätig beieinander.

"Es geht in unserer Familie nicht an, dass ein Mann Küchenarbeit und das Kochen erledigt", sagt einer von ihnen. "Es ist unehrenhaft und unislamisch, wenn ein Mann sich so besudelt."

Doch weil Caaliya Muxammad diejenige ist, die das Geld verdient, kann sie sich persönliche Freiheiten herausnehmen, die ihr in ihrer Heimat verwehrt geblieben wären, sich etwa auffällig kleiden oder sich gegenüber den Männern einen barschen Ton erlauben.

Den Warlords die finanzielle Grundlage nehmen

Das traditionelle Geschlechterverhältnis wird also im Exil zwar grundsätzlich aufrechterhalten, wandelt sich aufgrund der neuen ökonomischen Verhältnisse zugleich aber auch.

Was theoretisch weitreichende Konsequenzen haben könnte: "Der Tag, an dem die somalischen Frauen beschließen, dem Irrsinn dieser Warlords die finanzielle Grundlage zu entziehen, würde den Bürgerkrieg umgehend beenden", meint Muxammad selbst. Jedenfalls aber wird die somalische Diaspora nicht ohne Auswirkungen auf die zukünftigen Selbstbilder der Somalier bleiben.

Dass ausgerechnet ein Land wie Somalia, mit einer Analphabetenquote von über 75%, einen Autor wie Nuruddin Farah hervorgebracht hat, ist merkwürdig genug. Seit mehreren Jahren ist dieser Autor nun auch im Gespräch für den Literaturnobelpreis. Verdient hätte er ihn längst.

Ilja Braun © Qantara.de 2004

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