Shahad al-Rawis Roman "The Baghdad Clock"

Liebe und Sanktionen im Irak der 1990er Jahre

Shahad al-Rawis ungemein erfolgreicher Debütroman "The Baghdad Clock", der nun auch in der englischen Übersetzung erschienen ist, bietet außergewöhnlich direkte Einblicke in das Lebens im Irak der 1990er Jahre. Marcia Lynx Qualey hat das Buch gelesen.

Shahad al-Rawis "The Baghdad Clock" wurde im arabischen Original zum Bestseller, noch bevor das Buch auf der Shortlist für den "International Prize for Arabic Fiction" (IPAF) stand, einen der renommiertesten Literaturpreise der arabischen Welt. Der Roman erschien 2016 und wurde im Irak und in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo Al-Rawi heute lebt, zum Verkaufsschlager.

Die englische Übersetzung von Luke Leafgren kam im Mai dieses Jahres heraus, ungefähr zeitgleich mit der Bekanntgabe des diesjährigen IPAF-Preisträgers. Da hatte Al-Rawis Roman bereits heftige Debatten zwischen Kritikern und Befürwortern ausgelöst, in denen diskutiert wurde, ob der Roman überhaupt für einen Literaturpreis nominiert werden sollte. Viele Kritiker fanden ihn zu leichtgewichtig und verworren, Bewunderer dagegen begeisterten sich für seine magisch-realistische Erzählweise.

Die Handlung setzt während des Golfkriegs ein und folgt den Lebensläufen der namenlosen Erzählerin und ihrer Freundin Nadia. Beide sind, wie die Autorin, Jahrgang 1986. Sie lernen sich mit etwa fünf Jahren in einem Luftschutzraum kennen.

Durch den ersten Teil, "A Childhood of Obvious Things" (Eine Kindheit offensichtlicher Dinge) zieht sich ein explizit unschuldig-naiver Ton. Die Erzählerin und Nadia versuchen zu verstehen - einander, die Bombenangriffe und die Welt um sie herum. Da gibt es Momente großen Scharfblicks, beispielsweise, wenn die kleine Nadia treffend feststellt: "Der Ma'mun-Turm wird jeden Tag höher". Aber gelegentlich verfällt die Autorin auch in einen nostalgischen Grußkarten-Stil, wenn sie etwa in die Vergangenheit zurückblickt und schreibt: "In deinen Händen, Papa, bin ich klein, selbst wenn ich dreißig Jahre alt bin".

Buchcover Shahad al-Rawi: "The Baghdad Clock" im Verlag OneWorld Publications
Lynx Qualey: "Trotz der mangelnden emotionalen Tiefe und dem fehlenden Verständnis für politische Zusammenhänge besticht 'The Baghdad Clock' durch seinen grandiosen Charme, der an die Bestseller von Ahlem Mostaghanemi erinnert. Zudem hat das groß angelegte Motiv der Wunscherfüllung eine traurige, aber auch gewinnende Komponente: Wir erleben, wie eine Autorin in die Vergangenheit zurückreist, um ihrem jüngeren Ich von den Tragödien zu berichten, die dem Irak zustoßen werden."

Die Erzählerin und Nadia wachsen heran, und wir hören von ihren ersten Erfahrungen mit der Liebe. Aber auch Begriffe wie Schicksal und Bestimmung oder die Rolle der Amerikaner spielen in die Geschichte hinein.

Es wird zwar im Buch nie ganz klar, was die USA im Irak zu suchen haben, doch die führenden Politiker des Landes sind stets omnipräsent: "George Bush und sein Sohn, George W. Bush, feuerten Raketen und Waffen auf unsere Kindheit ab, mal der eine, mal der andere, während noch Bill Clinton und diese alte Frau, Madeleine Albright, sich damit begnügten, uns aushungern zu lassen".

Der erste Wahrsager

Im zweiten Teil, "Letters from the Unknown" (Briefe aus dem Unbekannten), wird ein Wahrsager eingeführt. Er wird beschrieben als "hochgewachsener, dünner Mann mit einem kurzen, gepflegten Vollbart" und erscheint wie ein Besucher aus der Zukunft, der in allen Einzelheiten weiß, was einmal geschehen wird.

Er beschönigt nichts: "Keine von euch hat an diesem Ort eine Zukunft". Später fügt er hinzu: "Ihr werdet als Exilanten leben und auf ewig Tränen vergießen".

Die 1990er Jahre sind noch nicht vorüber, als der Wahrsager den Menschen rät, sie sollten "so schnell wie möglich fliehen, denn ein Sturm zieht herauf mit der Geschwindigkeit eines Rasenden". Zuerst sind sich die Bewohner des Viertels nicht recht einig, ob man seinen Voraussagen trauen darf.

Einige von ihnen halten ihn für einen ausländischen Spion. In einem der wenigen satirischen Momente des Buches behauptet der Geschichtslehrer feierlich: "Er sah aus wie Lincoln".

Es sind die Jahre der Sanktionen, in denen die Bürger allmählich ihre Würde verlieren. So schrecklich allerdings die Bombenangriffe waren, die Sanktionen schienen sich noch schlimmer auszuwirken: Sie "stahlen uns den Geist der Hoffnung, und wenn die Hoffnung schwindet, wird das Leben zur Routine und man schleppt sich von einem elenden Tag zum nächsten".

Hier, wie durchgängig in diesem Roman, scheint der politische Kampf bedeutungslos. Als die Schule einen offiziellen Protest gegen die Sanktionen organisiert, schleichen sich die Erzählerin und Nadia davon, um sich mit ihren Freunden zu treffen. Die Erzählerin macht sich lustig über die Proteste, aber an einer Alternative ist sie auch nicht interessiert.

Dann erscheint der Wahrsager ein zweites Mal, um die Erzählerin und deren Nachbarn daran zu erinnern, dass sie sich auf ihre Individualität besinnen und das sinkende Schiff verlassen sollten: "Ich sage dies euch zuliebe und euren Kindern zuliebe … Die Sanktionen werden lange bestehen bleiben und so bald nicht enden. Wenn ihr Ende kommt, wird es Krieg geben und alles wird dem Vergessen anheimfallen".

Erinnerungen an die Zukunft

Im dritten Teil nehmen die Erzählerin und Nadia ihr Universitätsstudium auf. In vielen Romanen wäre damit der Zeitpunkt für ein politisches und intellektuelles Erwachen gekommen. In "The Bagdhad Clock" jedoch wehrt die Erzählerin eine derartige Geisteshaltung ab. "Ich verstand nichts von Politik und wollte nichts von Politik verstehen". Sie ist wütend auf Bush Senior und Bush Junior, weil sie den Irak angreifen. Aber eine Erklärung für ihr Interesse am Irak liefert sie nicht – die beiden Politiker erscheinen eher wie ein langsam heranrückender Hurrikan denn wie Repräsentanten einer ausländischen Macht.

In einem der seltsamsten Teile des Buches tritt eine Wahrsagerin auf, die allerdings weniger bedeutend ist als ihr männlicher Gegenpart. Diese Wahrsagerin behauptet merkwürdigerweise, der Irak und seine Bewohner seien von alters her dem Untergang geweiht. Es sei, so behauptet sie, einfach zu heiß in diesem Land, denn "die Sonne trocknet die Gedanken aus, so wie sie die Hemden an der Wäscheleine trocknet".

"Dieses Viertel kann gekauft oder gemietet werden"

Aber inzwischen droht tatsächlich Krieg, und dank des Überangebots an Wahrsagern weiß die Hauptfigur genau, wie sich die Dinge entwickeln werden. Ihr Freund drückt es sehr zutreffend so aus: "Krieg ist kein Kampf zwischen zwei Seiten, mit einem Gewinner und einem Verlierer. Krieg stellt das Leben auf den Kopf und treibt alles auseinander" [.]Noch vor der Invasion von 2003 befestigt Onkel Shawkat, ein Nachbar aus dem Viertel, an einen Gebäude ein Stück Pappe, auf dem geschrieben steht: "Dieses Viertel kann gekauft oder gemietet werden".

Der Krieg beginnt, wie von allen erwartet; die U.S. Marines "gingen auf unsere Zukunft los und warfen ihre Fensterscheiben ein". Bald darauf "hörten wir das Krachen der ersten Sprengkörper, die an amerikanischen Panzerwagen zerschellten". Der Krieg der Sprengsätze hatte begonnen.

Der Ablauf des Krieges wird in nüchternen Worten geschildert; sie klingen so, als berichte die Erzählerin von Ereignissen aus einer fernen Vergangenheit. In diesem Zusammenhang erfahren wir auch, wie der Roman "The Baghdad Clock" zustande kam: Bei Ausbruch des Krieges haben die Erzählerin, Nadia und die dritte Freundin Baydaa die Idee, Geschichten aus der Nachbarschaft zu sammeln. Ihr Fazit lautet: "Es gibt kein Viertel mehr in unserem Viertel. Unser Viertel ist in ein großes blaues Notizbuch eingezogen"[.]

Doch das ist in dem besagten Notizbuch nicht der einzige Verweis auf die Vergangenheit. Wie es scheint, ist alles, was war, schon einmal niedergeschrieben worden. Der letzte Teil des Buches ist mit "The Future" (Die Zukunft) überschrieben; in ihm wird die Erzählerin ihre Kindheitsfreundin Nadia in den sozialen Medien wiederfinden. Darüber hinaus erfahren wir mehr über ihren eigenen Werdegang, ihre Heirat und die Übersiedlung nach Dubai.

Trotz der mangelnden emotionalen Tiefe und dem fehlenden Verständnis für politische Zusammenhänge besticht "The Baghdad Clock" durch seinen grandiosen Charme, der an die Bestseller von Ahlem Mostaghanemi erinnert. Zudem hat das groß angelegte Motiv der Wunscherfüllung eine traurige, aber auch gewinnende Komponente: Wir erleben, wie eine Autorin in die Vergangenheit begibt, um ihrem jüngeren Ich von den Tragödien zu berichten, die dem Irak zustoßen werden.

Marcia Lynx Qualey

© Qantara.de 2018

Übersetzt aus dem Englischen von Maja Ueberle-Pfaff

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