Selbstmord-Serie in der Türkei

Suizid als letzter Ausweg

Eine Selbstmord-Serie hält die Türkei in Atem. Drei Familien nahmen sich mit Gift das Leben - der Grund: wirtschaftliche Probleme. Die anhaltende ökonomische Krise in der Türkei treibe die Menschen in den Tod, meint die Opposition. Von Daniel Derya Bellut

Polizeieinsatz im Istanbuler Stadtteil Bakirköy, in den frühen Morgenstunden: Am vorletzten Freitag öffnete die Polizei die Tür einer Wohnung. Nachbarn hatten sich zuvor über einen chemischen Geruch beschwert, der aus der Wohnung käme; man solle dem einmal nachgehen. In der Wohnung fand die Polizei drei leblose Körper vor. Ein 38-jähriger Juwelier hatte sich, seine Frau und seinen sechsjährigen Sohn mit Blausäure vergiftet, einer Cyanidlösung, die häufig im Bergbau verwendet wird. Der Mann, der seine Familie mit in den Tod nahm, soll vor seinem Selbstmord finanzielle Probleme gehabt haben.

Der Vorfall schockierte die türkische Öffentlichkeit, denn es gibt Parallelen zu zwei weiteren Fällen, bei denen ebenfalls Familien durch Blausäure aus dem Leben geschieden waren: Im Istanbuler Stadtteil Fatih wurden Mitte November Anwohner durch ein Schild an einer Wohnungstür auf eine ähnliche Tragödie aufmerksam: "Achtung. Die Wohnung ist mit Cyanid verseucht. Rufen Sie die Polizei. Treten Sie nicht ein", so die Aufschrift. Die Polizei öffnete die Wohnung und fand vier Leichen im Alter von 48 bis 60 Jahren vor - zwei Männer und zwei Frauen, Geschwister.

"Ich kann nichts mehr tun"

Ein paar Tage später in der Mittelmeerstadt Antalya: In einer Wohnung entdeckte die Polizei die Leichen einer vierköpfigen Familie - darunter ein neunjähriges Mädchen und ein fünfjähriger Junge, auch sie vergiftet mit Blausäure. Türkische Medien berichteten, dass der Familienvater, der vor seinem Tod arbeitslos war, einen Abschiedsbrief hinterlassen hatte: "Ich bitte um Vergebung, aber ich kann nichts mehr tun."

Nicht nur den Tod durch Vergiftung haben alle drei Fälle gemeinsam. Vorangegangen waren in jedem der Fälle Probleme wie Armut, Verschuldung oder Arbeitslosigkeit. So heißt es in türkischen Medienberichten, dass in Fatih umgehend der Strom abgestellt worden sei, nachdem die Leichen aus der Wohnung entfernt wurden; monatelang hätten die vier Geschwister ihre Stromrechnung nicht bezahlt.

In türkischen Medien und den sozialen Netzen wird die Selbstmord-Serie ausführlich diskutiert - auch Verschwörungstheorien machen die Runde. Umstritten ist, inwiefern es einen Zusammenhang zwischen der Wirtschaftskrise in der Türkei und den Selbstmorden gibt. Arbeitslosigkeit und Wertverfall der türkischen Lira hätten zu einem Klima der Verzweiflung beigetragen, lautet der Vorwurf der Opposition.

Der Vorsitzende der größten Oppositionspartei CHP Kemal Kiliçdaroğlu; Foto: picture-alliance/dpa
Der Vorsitzende der größten Oppositionspartei CHP Kemal Kiliçdaroğlu ging in einer Rede auf die Vorfälle ein: "Warum ist das wohl passiert? Man sieht heute Frauen, die in Müll-Containern nach Essen suchen. Wir brauchen mehr Sozialstaat. Wir brauchen mehr Nachhaltigkeit", forderte er.

Der Vorsitzende der größten Oppositionspartei CHP Kemal Kiliçdaroğlu ging in einer Rede auf die Vorfälle ein: "Warum ist das wohl passiert? Man sieht heute Frauen, die in Müll-Containern nach Essen suchen. Wir brauchen mehr Sozialstaat. Wir brauchen mehr Nachhaltigkeit", forderte er.

Einige türkische Experten heben hervor, dass es sich bei der Selbstmord-Serie nicht um Einzelfälle gehandelt habe. "Es ist falsch, einen Selbstmord als eine individuelle, rein psychologische Angelegenheit zu betrachten", meint Armutsforscherin Hacer Foggo vom Verein Cimen Ev. Einem Selbstmord gehen meistens gesellschaftliche Ursachen voraus, betont sie. "Solche Menschen werden in der Gesellschaft nicht wahrgenommen. Sie fühlen sich einsam und hilflos. Wenn dann auch noch wirtschaftliche Sorgen hinzukommen und essenzielle Bedürfnisse wie Essen, Wasser und Strom unbefriedigt bleiben, verschlimmern sich diese Probleme."

Konstant hohe Suizidrate

Die türkische Regierung bestreitet einen Zusammenhang zwischen der Wirtschaftskrise und den Selbsttötungen. Für sie sind die Selbstmorde eher ein Indiz dafür, dass es in der Türkei zu wenig Hürden für den Erwerb giftiger Cyanide gebe; Verbote und Regulierungen müssten in Kraft treten. Bereits im Juni sprach sich die ultranationalistische MHP, die an dem Regierungsbündnis beteiligt ist, für ein Verbot von Blausäure aus; bisher ist aber nichts geschehen. Jetzt hat das türkische Familienministerium eine Kommission berufen, um die Vorfälle zu überprüfen. Der Bericht soll der Öffentlichkeit vorgelegt werden.

Die Arbeitslosigkeit in der Türkei liegt derzeit bei 14 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit sogar bei 27 Prozent. Die Inflation führte bislang zu Preissprüngen bei wichtigen Verbrauchsgütern wie Grundnahrungsmitteln, Medikamenten oder Benzin.

Dass die Wirtschaftskrise der ausschlaggebende Faktor für die Selbstmorde von Antalya, Fatih und Bakirköy sind, lässt sich jedoch nicht aus den Statistiken herauslesen. Nach Angaben des türkischen Instituts für Statistik (TÜIK) lag die Zahl der Selbstmorde im Jahr 2018 bei 3.161 Fällen.

Eine Zunahme seit dem Beginn der Wirtschaftskrise im Sommer 2018 lässt sich nicht feststellen. Hingegen ist ein deutlicher Anstieg von 27 Prozent seit dem ersten Regierungsjahr der islamisch-konservativen AKP im Jahr 2002 zu verzeichnen. Besonders in den letzten sieben Jahren befand sich die Zahl der Selbstmorde konstant auf einem hohen Niveau.

Daniel Derya Bellut

© Deutsche Welle 2019

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