Ruud Koopmans: "Das verfallene Haus des Islam"

Was nicht passt, wird passend gemacht

Warum hinken muslimisch geprägte Länder bei Demokratie und Menschenrechten hinterher? Der Soziologe Ruud Koopmans versucht, mit vielen Zahlen nachzuweisen, dass es an der Religion liegt. Dabei geht er etwas grobschlächtig vor. Von Daniel Bax

Als "Haus des Islam" bezeichneten islamische Gelehrte früher einmal jene Gebiete, die unter islamischer Herrschaft standen. Unter westlichen Publizisten erfreut sich diese blumige Redewendung ungebrochener Beliebtheit.

Auch der deutsch-niederländische Soziologe Ruud Koopmans benutzt im Titel seines Buchs "Das verfallene Haus des Islam" diese Metapher, um die Gemeinsamkeiten muslimisch geprägter Länder zu unterstreichen. Mit seiner Verfallsdiagnose gesellt er sich zu so unterschiedlichen Autoren wie Bassam Tibi, Bernard Lewis, Dan Diner, Samuel Huntington, Hamed Abdel-Samad oder zuletzt Thilo Sarrazin. Die kamen in ihren Büchern zu ähnlichen Befunden: der Grund für den Niedergang der "islamischen Welt" sei vor allem in deren Religion, also im Islam, zu suchen.

Wissenschaftlich höchst umstritten

All diese Bücher waren aufgrund ihrer holzschnittartigen, aber griffigen Thesen in Fachkreisen meist höchst umstritten. Aber sie erzielten stets große mediale Aufmerksamkeit, viele wurden zu Bestellern. Die These ist im Westen sehr populär, auch, weil sie diesen von jeder Mitverantwortung für die Misere entlastet.

Aber passt das Bild vom "verfallenen Haus" überhaupt? In Saudi-Arabien und am Persischen Golf schießen die Wolkenkratzer schließlich in den Himmel. Mit ihren Ölmilliarden kaufen sich arabische Scheichs inzwischen westliche Fußballclubs, sie sanieren damit alte Moscheen auf dem Balkan oder bauen moderne Giga-Moscheen weltweit.

Auch in der Türkei, Indonesien oder Malaysia kann zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht von Verfall keine Rede sein. In einem schlechten Zustand befinden sich dagegen vor allem einstmals säkulare arabische Republiken wie Ägypten, der Irak, Libyen, Syrien und der Jemen, die von Militärputschen und Kriegen gebeutelt wurden.

Buchcover Ruud Koopmans: "Das verfallene Haus des Islam" im Verlag C.H. Beck
Kulturalistisches Narrativ: "Erstaunlich für einen Soziologen ist, wie wenig Schicht und Klasse bei Ruud Koopmans eine Rolle spielen, und wie sehr er alles über schwammigen Begriff der "Kultur" zu erklären versucht", moniert Bax.

Zweifellos hat Koopmans recht, dass viele muslimisch geprägte Staaten in einem beklagenswerten Zustand sind, was Demokratie und Menschenrechte angeht. Und zweifellos richtig ist sein Befund, dass der Aufstieg eines fundamentalistischen Islam in den vergangenen Jahrzehnten nicht dazu beigetragen hat, die Dinge zu verbessern. Die fehlende Trennung von Staat und Religion und die Instrumentalisierung des Islam zu politischen Zwecken haben die Lage insbesondere für Frauen, religiöse Minderheiten und Homosexuelle verschlechtert und deren Freiheiten eingeschränkt.

Dass die Ölmilliarden vom Golf zur Verbreitung eines fundamentalistischen Islam beigetragen haben, schreibt auch Koopmans. Es wäre interessant gewesen, hätte er untersucht, welche weiteren Faktoren den Aufstieg eines islamischen Fundamentalismus begünstigen, und welche ihn eindämmen.

Holzschnittartige Analyse

Doch Koopmans tut so, als sei diese Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte ein Phänomen, das sich isoliert vom übrigen Weltgeschehen und der Weltpolitik betrachten und rein intrensisch, also aus der Religion selbst heraus, erklären ließe. Der islamische Fundamentalismus hat demnach Auftrieb erhalten, weil der Islam eben fundamentalistisch ist. Das wirkt selbsterklärend, ist aber für einen Soziologen doch etwas schlicht.

In seiner Einleitung schreibt Koopmans zwar, er wisse sehr wohl zwischen traditionellem Islam und modernem Fundamentalismus zu unterscheiden. Im Laufe seines Buchs geht er aber mit zunehmend grobem Pinsel vor. Staaten wie Senegal und Tunesien mit säkularen Verfassungen nennt er "islamische Demokratien".

Er schreibt pauschal von einem "islamischen Demokratiedefizit" und von "islamischem Antisemitismus", ohne die Rolle der Religion dabei näher zu beleuchten. Und wenn er vom militanten Islamisten spricht, nennt er sie "islamische Aufständische" oder "islamische Gruppen". Das ist in seiner Undifferenziertheit etwas verstörend.

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