Riad Seif als Zeuge im "Syrien-Folterprozess" in Koblenz

Auftritt einer Legende

Beim weltweit ersten Prozess gegen das syrische Foltersystem sagte Riad Seif als Zeuge aus. Der führende Oppositionelle hatte dem Angeklagten Anwar R. bei der Einreise nach Deutschland geholfen. Von Matthias von Hein

Nur einen Steinwurf entfernt von der idyllischen Rheinpromenade liegt der schmucklose Saal 128 des Oberlandesgerichts Koblenz. Seit April wird hier über die Gräuel syrischer Folterkeller verhandelt – und über die Rolle des Hauptangeklagten Anwar R. im Unterdrückungssystem Assads. Es geht um Verbrechen gegen die Menschlichkeit, 58-fachen Mord und Folter in mindestens 4.000 Fällen.

Es ist ein Mammutprozess. Viele Zeugen haben bereits ausgesagt: Überlebende haben brutalste Folter und Entmenschlichung bezeugt. Ehemalige syrische Geheimdienstmitarbeiter haben aus Sorge um ihre Sicherheit anonym und maskiert zum Foltergefängnis Al-Khatib in Damaskus ausgesagt. BKA-Ermittler wurden vernommen und Beamte des Außenministeriums. Am 26. Prozesstag schließlich trat diese Woche eine Symbolfigur der syrischen Opposition in den Zeugenstand: Riad Seif.

Vom Unternehmer zur Symbolfigur

Um diesen Zeugen zu sehen und zu hören ist der syrische Filmemacher Feras Fayyad eigens aus Berlin angereist. "Weil Riad Seif eine lange Geschichte mit dem syrischen Regime hat", erläutert Fayyad. Der 35-Jährige hatte selbst Anfang Juni als erstes Opfer zu den Misshandlungen in Al-Khatib ausgesagt. "Was Seif zu erzählen hat ist wichtig, um den Kontext des Konfliktes und des gewaltlosen Kampfes zu verstehen", betont der Mann mit dem früh ergrauten Haar.

Der syrische Filmemacher Feras Fayyad; Foto: DW/M. v. Hein
Zeuge für Riad Seif, Symbolfigur der syrischen Opposition: Der 35-Jährige syrische Filmemacher Feras Fayyad hatte selbst Anfang Juni als erstes Opfer zu den Misshandlungen in Al-Khatib ausgesagt.

Interessant ist der 73-jährige ehemalige syrische Vorzeigeunternehmer und langjährige Dissident nicht allein wegen seiner bewegenden Vita: Riad Seif hat eine wesentliche Rolle dabei gespielt, dass der frühere Geheimdienstoberst und Leiter von Al-Khatib Anwar R. 2014 mit einem Visum der deutschen Botschaft in Amman nach Deutschland einreisen konnte.

Die erstaunliche Wandlung des Anwar R.

Denn Anwar R. hatte eine erstaunliche Wandlung durchlaufen, nachdem er sich 2012 mit seiner Familie nach Jordanien abgesetzt hatte: Im Exil hatte sich der heute 57-Jährige der Opposition angeschlossen, hatte die Nähe zu Ahmad al-Jarba gesucht, dem damaligen Präsidenten der Syrischen Nationalen Koalition, und war 2014 sogar als Teil von Jarbas Delegation zur UN-Friedenskonferenz nach Genf gereist.

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