Protestsongs im Iran

Müde vom Kuss der Peitsche

Seit der letzten Präsidentschaftswahl haben iranische Musiker aller Stilrichtungen ein vielschichtiges Song-Repertoire kreiert. In ihren Liedern verarbeiten sie die Niederschlagung der Opposition und fordern politische Freiheit. Von Jan Engelhardt

Seit der umstrittenen Präsidentschaftswahl vom Juni haben iranische Musiker aller Stilrichtungen ein vielschichtiges Song-Repertoire kreiert. In ihren Liedern verarbeiten sie die blutige Niederschlagung der Opposition und fordern politische Freiheit im Iran. Von Jan Engelhardt

​​"Du bist das Gesindel/ Du bist Schmutz und Staub/ Du bist der schwarze Heiligenschein, unterdrückst und bist blind/ Ich bin der tapfere Held, und dieses Land ist mein!" – Zeilen der iranischen Protesthymne "Khas o khashak" ("Schmutz und Staub").

Mit genau diesen Worten hatte Mahmud Ahmadinedschad im vergangenen Juni Demonstranten diffamiert, die gegen seine umstrittene Wiederwahl auf die Straße gegangen waren. Mittlerweile schallt ihm die Bezeichnung in einer Flut aus Protestsongs entgegen, die sich gegen ihn und das iranische Regime wenden.

Weit gefächerter musikalischer Protest

Vom Underground-Rock, HipHop, von Hardcore, Blues und Reggae über traditionelle Musik bis hin zum Mainstream-Pop – die musikalische Bandbreite der iranischen Protestsongs ist groß. Und Interpreten jeden Stils haben seit der Präsidentschaftswahl im Juni ein vielschichtiges Repertoire an musikalischem Widerstand kreiert.

Rockband O-Hum; Foto: Shahram Ahadi/DW
Da öffentliche Auftritte regimekritischer Bands in der Islamischen Republik verboten sind, nutzen viele Gruppen das Internet, um ihr Publikum zu erreichen - Pioniere auf diesem Gebiet waren die Musiker der Rockband "Ohum"

​​ Gemeinsam ist ihnen die Wut über die Entwicklungen im Iran seit der umstrittenen Wiederwahl Mahmud Ahmadinedschads. Bühne der Protestsongs ist das Internet. Youtube, MySpace, Musikblogs und soziale Netzwerke ersetzen das schwerfällige traditionelle Musikgeschäft und vernetzen Fans und Künstler, die oftmals im Ausland leben.

Bereits in den ersten Junitagen der Proteste erschienen dutzende Lieder, die die Verachtung gegenüber dem Regime ausdrückten und dem Widerstand eine Stimme gaben. Auf virtuellen Versammlungsorten wie Internetforen, Blogs und Kommentarseiten werden die Songs bis heute weiter verbreitet und diskutiert. So wird das Exil vieler Musiker mit nur wenigen Klicks aufgehoben.

Lieder zwischen Wut, Ironie und Versöhnung

Die iranischen Interpreten beschäftigen die blutige Niederschlagung der Demonstrationen, die Unterdrückung der Opposition, die Scheinprozesse, die Folter in ihrem Land. In ihren Liedern verbinden sie die Verarbeitung der Ereignisse mit Forderungen nach politischer Freiheit, mit dem Aufruf zum Widerstand. Neben verbitterten, wütenden und auch ironischen Protestsongs gibt es aber auch solche Lieder, die sogar zur Versöhnung aufrufen.

​​ "Biaa" ("Komm'") heißt ein Song der Gruppe Abjeez, die bereits ihr drittes Album produziert hat. Die Rockband attackiert in "Biaa" die Basiji-Milizen, die die Demonstrationen mit Motorrädern und Schlagstöcken auseinander trieben mit drastischen Worten:

"Du, mit Knieschützern und Gesichtsmaske, Schlagstock und Helm/ Das war's? Bravo Bruder!/ War es das mit deinem Edelmut?/ Schlag' zu, lass' sie sterben, zerstöre, verbrenne und hau' ab/ Gott sieht ja deine Augen hinter der Maske nicht."

Gleichzeitig drücken die in Schweden lebenden Frontfrauen Safoura und Melody den Wunsch zur Einheit aller Iraner aus:

"Hab keine Angst, Du bist auch nur Schmutz und Staub dieses Landes/ Nimm die Maske ab, damit Du das Licht der Wahrheit erblickst/ Mitfühlen ist ein schönerer Genuss/ Die Macht der Liebe ist schöner als die Liebe zur Macht!", singen sie und rufen zum Frieden auf: "Legt Eure Waffen nieder/ Öffnet Eure Herzen/ Hört auf zu kämpfen/ Wir sind eins."

Ob Abjeez mit ihrem Mix aus Reggae, Rock und Flamenco die Herzen der konservativen Basiji erreichen, ist allerdings mehr als fraglich. Doch unter jungen Iranern hat die Band geradezu Kultstatus.

Heuchelei und erzwungene Geständnisse

Bittere Ironie herrscht in dem düsteren Song "Man eteraf mikonam" ("Ich gestehe") der Band Syndrome, der die Massenprozesse gegen die Opposition und deren erzwungene Geständnisse thematisiert:

"Ich gestehe die Revolution/ Moussavis Coup gegen den Revolutionsführer/ Ich gestehe, Khatami ist ein Heuchler/ Und subversiv und pervers/ Ich gestehe, die Erde ist flach/ Die Nacht ist Tag und links ist rechts."

Mohammad-Ali Abtahi sitzt während seiner Anhörung vor Gericht (erste Reihe, zweite Person von rechts); Foto AP
Schlag für die Reformbewegung: Schauprozesse u.a. gegen Mohammad-Ali Abtahi, den ehemaligen parlamentarischen Stellvertreter von Ex-Präsident Khatami, vor einem Revolutionsgericht in Teheran

​​ Im Video sieht man Schwarz-Weiß-Bilder angeklagter Oppositioneller vor Gericht, vom "bloggenden Mullah" Abtahi und dem Reformpolitiker Hajjarian. Dazwischen Darstellungen von Gefängnissen und Folterwerkzeugen:

"Ich gestehe, es gab keine Flaschen und Kabel/ Es gab keine Ventilatoren oder Schlingen/ Ich gestehe, nur erzählt meiner Tochter nicht/ Was mit mir geschehen ist." Dies spielt auf die Töchter Abtahis an, die über den Zustand ihres inhaftierten Vaters im Unklaren gelassen wurden.

Traditionell eingespielt ist "Khoun Baha" ("Blutzoll"), ein Chorlied begleitet von Klavier und Santur, einem klassischen iranischen Hackbrett. Eindringlich sind die Zeilen, die den getöteten Demonstranten gewidmet sind: "Ich schwöre beim letzten Kuss/ Beim Todesschuss/ Bei des Bruders Faust/ Bei des Freundes Zorn/ Dass der Preis Deines Blutes/ Das Ende dieser Eiszeit ist!"

Das Lied wurde 40 Tage nach dem Tod der ersten Demonstranten ins Internet gestellt, dem schiitischen Trauertag für nahestehende Verstorbene.

Müde vom Kuss der Peitsche

Iranische Popsängerin Googoosh; Foto: DW
"Müde vom Kuss der Peitsche/ Ist von mir nichts geblieben als ein Käfig in Form einer Katze" - Popdiva Googoosh

​​ Sogar Googoosh, die Mutter der persischen Popmusik – und in der Islamischen Republik mit einem Auftrittsverbot belegt –, hat mittlerweile Positionen zu den Protesten im Iran bezogen: In "Man Hamoon Iranam" ("Ich bin dasselbe Iran"), das sie nach den Wahlen veröffentlichte, singt Googoosh aus der Sicht ihrer Heimat:

"Müde vom Kuss der Peitsche/ Ist von mir nichts geblieben als ein Käfig in Form einer Katze." Ihr Land Iran, dessen Umrisse oft als eine auf einem Kissen liegende Katze beschrieben werden, warte auf die Rückkehr von Freiheit und Würde:

"Ihr sagtet: 'Wir kommen zurück'/ Das war meine einzige Freude/ Ihr sagtet: es und ich/ Sitze wartend, die Augen geöffnet/ Meine lieben Kinder/ Was ist aus unserem Wiedersehen geworden?" Im Video betrachtet die Sängerin, die seit 2000 in Los Angeles lebt, Bilder von den Demonstrationen im Iran.

Fast alle Künstler verzichten auf Selbstdarstellung in ihren Videos. Meist sind es Zusammenschnitte von Fotos und wackligen Handy-Videos, die von den Demonstrationen, den Milizen, der Gewalt erzählen.

Songs for Neda

Immer wieder zu sehen: Neda, das Gesicht des Protests. Die junge Frau war im Juni in Teheran erschossen worden, als sie am Rande den Demonstrationen beiwohnte.

Neda Agha Soltan; Foto: DW
Ikone des Widerstandes für zahllose iranische Bands: die ermordete Philosophie-Studentin Neda Agha Soltan

​​ Ihr Tod, von Handykameras gefilmt, wurde zum Inbegriff der Brutalität des Regimes, Neda zum Symbol der jungen Opposition. So sind ihr auch viele der Protestsongs gewidmet, stellen die Bilder ihres Sterbens wieder und wieder den erschütternden Höhepunkt der Videos.

Neben dem hollywoodesken "United for Neda", eingespielt von iranischen Popgrößen im kalifornischen Exil, erheben Musiker aller Couleur die junge Frau zur Ikone des Protests:

"Schlaf, Neda, meine schöne Schwester/ Deine Seele ist meine Stimme nun/ Du bist die Märtyrerin auf dem Weg zur Reinheit/ Soldatin, die für ihre Würde kämpfte" heißt es etwa in dem Klavierstück "Nedaye Sarzamin" ("Neda, Stimme meiner Heimat").

"Märtyrerin", "Soldatin" – Begriffe, die bisher nur dem islamischen Regime vorbehalten waren, werden nun von Oppositionellen aufgegriffen. Dahinter stehen Fragen, um deren Deutungshoheit gekämpft wird: Was ist Iran? Wer sind die wahren Iraner? In "Nedaye Sarzamin" steht die Antwort jedenfalls fest:

"Neda, Stimme meiner Heimat/ Ewige Stimme meines Landes/ Der Aufschrei der Tapferen hat begonnen/ Deine Stimme wird die Stimme Irans sein."

Jan Engelhardt

© Qantara.de 2009

Qantara.de

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