Proteste gegen Bauprojekte in der Türkei

"Reclaim Istanbul!" – Strategien gegen Architekturen

In der Türkei boom die Bauindustrie. Als wichtiger Bestandteil der Wirtschaft soll sie, so das ambitionierte Ziel von Staatspräsident Erdoğan, die Türkei bis 2023 unter die zehn stärksten Wirtschaftsnationen katapultieren. Doch gegen das "urbane Transformationsprojekt" der AKP regt sich Widerstand. Von Ceyda Nurtsch

Istanbul ist eine riesige Baustelle. An allen Ecken und Enden der Stadt laufen riesige Bauprojekte. Die Kapazitäten der stetig wachsenden Millionenmetropole sind erschöpft, sie muss expandieren. So soll ein dritter Flughafen gebaut werden, eine weitere, dritte Brücke über den Bosporus, ein Kanal quer durch die Stadt. Gleichzeitig soll Istanbul schicker und moderner werden. Ganze Viertel werden abgerissen oder saniert.

2004 begann die AKP mit ihrem gigantischen Abriss- und Erneuerungsprojekt, das in Kooperation zwischen öffentlicher Hand und Privatinvestoren stattfindet. Doch zunehmend wächst die Kritik an dem sogenannten "urbanen Transformationsprojekt". So war es im Sommer 2013 zu den Gezi-Protesten gekommen, die als Protest gegen ein am zentralen Taksim Platz geplantes Einkaufszentrum begannen.

Stadtpolitik von oben diktiert

Unter den Demonstranten 2013 waren auch Yelta Köm und Hasan Cenk Dereli. Die beiden Architekten sind die Gründer der Non-Profit Organisation "Herkes İçin Mimarlık" – Architektur für alle. Ihr Hauptkritikpunkt an der Stadtpolitik ist, dass sie nicht transparent ist, sondern "von oben diktiert wird", sagen sie. Doch noch wichtiger ist für sie die Frage: Was geschieht an Orten die, anders als der Taksim Platz, nicht im Rampenlicht stehen – etwa in den abgelegenen Provinzen des Landes?

Gemeinsam mit ein paar Kommilitonen gründeten sie 2011 die Organisation, deren Ziel es ist, architektonische Lösungen für soziale Probleme zu finden. Heute arbeiten Hunderte von Freiwilligen bei den verschiedenen Projekten mit. Diese reichen von Lehrveranstaltungen über die Errichtung von Parks und Spielplätzen bis hin zur Umgestaltung von leerstehenden Gebäuden in behindertengerechte Schulen – alles auf ehrenamtlicher Basis und finanziert durch Spenden. Architektur, so denken die beiden 30-jährigen Männer, sollte partizipatorisch sein und sich nach den jeweiligen Bedürfnissen der Menschen richten.

Die "Eroberung des öffentlichen Raums" habe nicht erst mit der AKP begonnen hat, betonen die beiden Architekten. Mit ihrem Engagement sehen sie sich als Teil des urbanen Widerstands. Seit den 1970ern habe es Architekten, Ingenieure und Aktivisten gegeben, die gegen den Abriss der von der Politik unterstützten Slum-Viertel, der sogenannten Gecekondu, protestiert haben, erklärt Dereli. Seit den Gezi-Protesten sei zu spüren, dass immer mehr Menschen eine Mitbestimmung bei der Gestaltung ihrer direkten Umgebung einfordern, so die beiden Architekten.

Gezi-Park-Demonstranten am 16. Juni 2013, Foto: ADEM ALTAN/AFP/Getty Images
Pioniere der Protestbewegung gegen die "urbane Transformation Istanbuls": Während der Gezi-Park-Unruhen vom Sommer 2013 wehrten sich Istanbuler Bürger gegen ein Bauprojekt der Regierung im kleinen Istanbuler Gezi-Park, dem die meisten Bäume in dem Park zum Opfer gefallen wären. Das Projekt ist von der Justiz bis auf weiteres gestoppt worden.

Ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Bewohner

Der Wissenschaftler Yaşar Adanalı promoviert derzeit im Bereich internationale Urbanistik. Und auch er beobachtet die Stadtpolitik der AKP kritisch. Der Begriff "urbane Transformation" sei in der Theorie bewusst weit gefasst, erklärt er. Darunter fallen Restauration, die Schaffung neuer Arbeitsplätze, die Verbesserung der Wohnsituation oder Maßnahmen gegen das Erdbebenrisiko. "In der Praxis aber ist es so, dass es um das wirtschaftliche Potenzial des jeweiligen Ortes geht", so Adanalı. "Die Umbaumaßnahmen werden durchgeführt ohne die historischen Besonderheiten der Gebäude oder die Bedürfnisse der dort lebenden Menschen zu berücksichtigen."

So sind besonders schwächere und marginalisierte Bevölkerungsgruppen von der urbanen Transformation betroffen, so etwa die Kurden im Istanbuler Viertel Ayazma, die Roma in Sulukule oder die Zugewanderten in Tarlabaşı. Früher oder später mussten sie alle ihre Viertel verlassen. Entweder weil sie zwangsumgesiedelt wurden oder weil sie die Mieten nicht mehr bezahlen konnten.

Mit seinem Team hat es sich Adanalı zur Aufgabe gemacht, die nicht sichtbaren Seiten der Transformation sichtbar zu machen, um nach Alternativen zu suchen. So erarbeiten sie Karten wie die sogenannte "Karte der Zwangsräumung". Mit seinem Team "Beyond Istanbul" organisiert er zudem thematische Stadtführungen. Dabei gehen die Initiatoren unter anderem den ökologischen Auswirkungen der Megaprojekte auf die Spur.

Grundsätzlich ist Adanalı für eine Besserung und Veränderung, doch nicht auf die Weise wie sie zurzeit von öffentlichen und privaten Akteuren durchgeführt wird. Sich alleine an der Erwirtschaftung von Kapital zu orientieren, hält er für nicht nachhaltig.

Vetternwirtschaft auf Türkisch

Noch einen Schritt weiter in ihrer Kritik geht die Journalistin Miyase İlknur. Bei der AKP gehe es eindeutig um den Transfer von Kapital, da die Baumaßnehman in den lukrativsten Gegenden der Stadt stattfinden und die Aufträge für Projekte immer an dieselben Unternehmen vergeben werden, die der Regierung nahe stehen. Ein Beispiel ist das Sanierungsgebiet Tarlabaşı unterhalb des Taksim Platzes. Modernisiert werden soll es durch die Firma Çalık, Vorstandsvorsitzender ist der Schwiegersohn von Staatspräsident Tayyip Erdoğan."

Blick auf eine Großbaustelle und den Bosporus in Istanbul; Foto: picture alliance/dpa/Friso Gentsch
Bauboom auf Kosten der Bevölkerung: Istanbul, die 15 Millionen Metropole, gilt als wachstumsstärkste Stadt Europas. In letzter Zeit fielen jahrhundertealte Stadtviertel der Abrissbirne zum Opfer. Vor allem Großinvestoren sichern sich die lukrativen Grundstücke.

Wenn es wirklich darum geht, Häuser vor Erdbeben sicher zu machen, warum beginnt man dann nicht in Gegenden entlang der Verwerfungslinie – wie zum Beispiel in Avcılar und Pendik?", fragt die Journalistin. Ihr Fazit: Diese Art der Transformation zerstört die Natur, verstößt gegen die Menschenrechte und vernichtet das gewachsene bunte Mosaik der Bewohner sowie die historische Bausubstanz der Häuser.

Der Transformation der Viertel folgen unmittelbar Spekulationswellen, die Preise steigen in die Höhe, die alten Mieter sind nicht mehr in der Lage, ihre alten Häuser zu bezahlen und müssen wegziehen. Oder werden direkt zwangsumgesiedelt. Wie in dem Viertel Sulukule im Stadtteil Fatih, der ältesten Roma-Niederlassung der Welt. Als 2005 dort die ersten Bulldozer in Polizeibegleitung einfuhren, um die Häuser abzureißen, löste dies eine Welle des Protests aus.

Mit dabei war damals auch die Betriebswirtin und Stadtaktivistin Funda Oral. Gemeinsam mit anderen Aktivisten gründete sie die "Plattform Sulukule" und versuchte, den Abriss des Viertels zu verhindern. Vergeblich. Dennoch ist sie davon überzeugt, dass ihre Arbeit nicht umsonst war.

Neues Selbstbewusstsein

"Die Menschen sind auf die Situation der Roma aufmerksam geworden. Sie haben gesehen, dass sie ihre eigene Kultur haben. Und inzwischen haben wir sogar den ersten Roma-Abgeordneten." Aber auch die Roma hätten mehr Selbstbewusstsein entwickelt: "Sie stehen jetzt mehr zu ihrer Identität. Gleichzeitig erkennen sie die Probleme, die sie innerhalb ihrer Gemeinschaft haben – etwa, dass die meisten von ihnen bildungsfern sind", so die Aktivistin. Ironischerweise erklärte das Verfassungsgericht den Abriss des Viertels im Nachhinein für illegal.

Heute, davon ist Funda Oral überzeugt, wird niemand mehr ein Stadtviertel wie dieses einfach abreißen können. Wenn sie die Gesamtsituation in Istanbul betrachtet, ist sie sich sicher: Dieses Stadtmodell wird früher oder später scheitern. Aus einem Viertel die kleinen Händler und Einheimischen zu vertreiben, um dann Hotels und Cafés zu errichten, die die reicheren Leute von außerhalb mit Leben füllen, ist ihrer Meinung nach keine nachhaltiges Konzept.

Aber wie viele Wälder bis dahin noch abgeholzt werden, wie viel historische Bausubstanz zerstört wird und wie viele Einwohner aus ihren Häusern vertrieben werden, bleibt offen. Einen Lichtblick gibt es zumindest: Derzeit prüft das Verwaltungsgericht einen Antrag der Architektenkammer. Sie hat befunden, dass die Art der Sanierung des Viertels Tarlabaşı mit seinen unter Denkmalschutz stehenden Gebäuden nicht rechtmäßig ist.

Ceyda Nurtsch

© Qantara.de 2015

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