Porträt Yasar Nuri Öztürk

Verbindung von Religion und Politik

Wenn die türkischen Fernsehstationen Streitgespräche über Islam und Politik senden, darf eine Person nicht fehlen: Yasar Nuri Öztürk. Ein Porträt des populären Politikers und Theologen von Ömer Erzeren

Yasar Nuri Öztürk mit Kemal Atatürk im Hintergrund; Foto: www.hyp.org.tr
Den Aufstieg der Islamisten in der Türkei verfolgte Yasar Öztürk mit Besorgnis. Die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung war ihm nie geheuer, schreibt Ömer Erzeren

​​Öztürk ist schon seit Jahren ein Medienstar. Egal, ob es darum geht, ob der Koran Sex während des Fastenmonats Ramadan gestattet oder um das Verhältnis zwischen der EU und der Türkei – der Theologieprofessor ist nie um eine Antwort verlegen. Stundenlang kann er in Vorträgen dozieren, welchen Weg ein gläubiger Muslim mit der Lehre Mohammeds beschreiten soll.

Es ist schon außergewöhnlich, wenn der 61-Jährige vehement für Demokratie und Frauenrechte eintritt und die Legitimation hierfür aus dem Koran ableitet. Dutzende Bücher rund um theologische Fragen hat er verfasst. Sie erreichen Millionenauflagen.

Immer wieder hat er für die großen Tageszeitungen Kolumnen geschrieben. Und keine Woche vergeht, in der er nicht im Fernsehen in die Öffentlichkeit tritt.

Öztürk verfügt über eine juristische Ausbildung, arbeitete als Rechtsanwalt und promovierte später in islamischer Philosophie. Er wurde Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Istanbul.

Einstieg in die Politik

Den Aufstieg der Islamisten in der Türkei verfolgte er mit Besorgnis. Die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung, die heute unter Ministerpräsident Tayyip Erdogan die Regierung stellt, war ihm nie geheuer. Missbrauch der Religion zu politischen Zwecken werde betrieben, konstatierte Öztürk.

Der Aufstieg der Islamisten war auch einer der Beweggründe für den Theologie-Professor, in die Politik zu gehen. Im Jahr 2002 wurde er auf der Liste der Republikanischen Volkspartei, die einen streng kemalistischen Laizismus vertritt, ins Parlament gewählt.

Drei Jahre später überwarf er sich mit den Parteioberen und gründete eine eigene Partei, deren Vorsitzender er ist: Die Partei für den Aufstieg des Volkes.

Die Popularität Öztürks beruht darauf, dass er vielen gläubigen Angehörigen der Mittelschichten einen Weg ebnete, ihre modernen Lebensformen mit dem islamischen Glauben zu vereinbaren.

Der Koran nämlich schreibe Frauen keineswegs vor, sich mit einem Kopftuch zu bedecken. Auch das fünfmalige Gebet sei revisionsbedürftig; davon sei im Koran gleichfalls keine Rede.

Zurück zur reinen Lehre des Korans

Von vielen wird Öztürk als Reformtheologe gefeiert. Dies widerspricht jedoch ganz und gar seinem Selbstverständnis. Eigentlich ist er ein Orthodoxer. Einer, der aus der reinen Lehre des Korans schöpfen will.

Denn all das Böse, das heute im Namen des Korans Verbreitung finde, seien falsch verstandene Sitten und Gebräuche, die nichts mit der Lehre Mohammeds zu tun hätten. So wettert er gegen das saudische Königshaus und die Taliban, gegen Al Kaida und politische Sektenführer.

Wenn Öztürks Partei Plakate oder Flugblätter verteilt, fehlen nie die türkische Flagge und der Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk. "Wir versuchen, Mustafa Kemal und Mohammed zu vereinbaren" sagt Öztürk. "Dies weist den Weg zur Befreiung der Türkischen Republik und der islamischen Geographie."

Als wichtigste Errungenschaft des Republikgründers Atatürk bezeichnet er den Laizismus, die Trennung von Staat und Religion: "Laizismus heißt, die Legitimation der Regierenden nicht auf Gott oder göttliches Recht zu gründen, sondern auf den Willen des Volkes. Ich halte es nicht für möglich, dass die islamischen Gesellschaften sich demokratisieren können, ohne sich eine wirklich laizistische Verfassung zu geben."

Kandidatur für Präsidentschaft?

Die Türkei Atatürks könne Modellcharakter für die islamische Welt haben. Gerade deshalb sei sie den falschen Propheten ein Dorn im Auge. So ist es kein Wunder, dass Öztürk vom kemalistischen Establishment willkommen geheißen wird.

Jüngst schrieb ein Kolumnist des Massenblattes "Sabah", Öztürk sei der am meisten geeignete Kandidat für das Amt des Staatspräsidenten. Schließlich zweifle niemand daran, dass er sowohl dem Laizismus als auch dem islamischen Glauben verbunden sei.

Im Frühjahr nächsten Jahres wird der Staatspräsident durch das Parlament gewählt werden. Einflussreiche Militärs und die kemalistische Bürokratie fürchten, dass Ministerpräsident Erdogan selbst dieses Amt anstrebe oder einen islamistischen Gefolgsmann als Kandidat benennen werde.

Für bedingungslose Souveränität

Öztürk ist heute nicht nur als Theologe, sondern auch als Politiker gefordert. So hat er viele Elemente des türkischen Nationalismus in die Programmatik aufgenommen.

Es seien christliche Imperialisten gewesen, die künstliche Grenzen im Nahen Osten zogen. Nur Atatürk habe nach dem Nationalkampf einen unabhängigen, nationalen Staat errichten können.

Auch heute pocht er auf Souveränität. Die Türkei solle die Zollunion mit der EU aufkündigen. Die Zollunion, die seit 1995 in Kraft ist, diene der Ausbeutung der Türkei. "Sie hat unsere Industrie, unsere Landwirtschaft und Viehwirtschaft vernichtet. Wir sind um 184 Milliarden US-Dollar betrogen worden."

Eigenwilliger Kemalismus

Öztürks Interpretation des Kemalismus ist höchst eigenwillig. Denn Atatürk war ebenso wenig wie die meisten Republikgründer ein frommer Muslim. Viele Maßnahmen in den Gründerjahren der Republik könnten sogar als religionsfeindlich eingestuft werden.

Bis heute ist es ein großes Problem des Islam in der Türkei, dass die Religion in den Alltag der politischen Elite und der Militärführung nicht vorgedrungen ist. Ein Offiziersanwärter, der betet, wird nicht nur schief angesehen, sondern womöglich vom Armeedienst entlassen.

Ob die politische Verbindung von Nationalismus und Laizismus bei Aufrechterhaltung des religiösen Glaubens eine erfolgreiche Strategie darstellt, um Wählerstimmen zu gewinnen, ist zweifelhaft. Die Popularität, die Öztürk als Streiter um theologische Fragen genießt, fehlt ihm als Parteipolitiker.

Ömer Erzeren

© Qantara.de 2006

Qantara.de

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