Politischer Islam in Indonesien

Geschult für das "Haus des Islam"

Noor Huda Ismail berichtet, wie er mit zwölf Jahren eine Islamschule besuchte, bevor er sich dazu entschloss, als weltlicher Muslim einen anderen, friedlicheren Weg zu gehen, als den seiner Klassenkameraden

Der Journalist Noor Huda Ismail berichtet, wie er mit zwölf Jahren eine streng religiöse Islamschule besuchte, bevor er sich dazu entschloss, als weltlicher Muslim einen anderen, friedlicheren Weg zu gehen, als den seiner Klassenkameraden.

Muslimische Schüler einer Koranschule, Foto: Markus Kirchgessner
Außerhalb des Unterrichts in der Islamschule stärkte alles in der Umgebung die Ausprägung einer islamischen Identität, die sich allen anderen Kulturen überlegen fühlte, berichtet Noor Huda Ismail aus seiner persönlichen Erfahrung

​​Das Wort, mit dem das Ziel des Islam beschrieben wird - ein Haus für den Islam zu bauen - bezeichnet auch eine indonesische Organisation, deren Ziel darin besteht, aus ihrem Land ein Haus für den Islam zu machen, sprich: eines, in dem die Gesetze Allahs gelten, die Scharia.

Als Student einer der renommiertesten Islamschulen Indonesiens kam ich in engen Kontakt mit der Gruppe "Darul Islam" und ihrer Philosophie. Seitdem habe ich mich für das Leben eines weltlichen Muslims entschieden.

Wegbereiter des radikalen Islam

"Darul Islam" hat für mich selbst an Bedeutung verloren. Dennoch glaube ich, dass eine willkürliche Verfolgung dieser Splittergruppe dieser nur zusätzlichen Auftrieb verschaffen würde und zu ernsthaften Problemen in Indonesien und in der gesamten Region führen könnte.

Meine Islamstudien begannen 1985, als ich zwölf war. Mein Vater brachte mich zur "Al-Mukmin Ngruki"-Schule, eines von tausenden Islam-Internaten, die es im ganzen Land gibt.

Nach sechs Jahren entschied ich mich für eine andere Ausbildung und eine Karriere im Journalismus. Einige meiner Schulkameraden jedoch fassten einen anderen Entschluss - einen, der meine ehemalige Schule berühmt machen sollte: Dutzende von ihnen sind angeklagt, in den letzten Jahren an Terroranschlägen gegen westliche Ausländer beteiligt gewesen zu sein.

Wenn ich an meine Zeit in Ngruki zurückdenke, wird mir klar, dass es eigentlich viel überraschender ist, dass nicht noch mehr von uns zum Extremismus gefunden haben. Die Schule verbreitete eine einzige Botschaft: die der islamischen Identität auf Kosten aller anderen Identitäten. Sich der geheimen Organisation "Darul Islam" anzuschließen war für einige von uns die natürliche Konsequenz.

Selbst außerhalb des Unterrichts stärkte alles in der Umgebung die Ausprägung einer islamischen Identität, die sich allen anderen Kulturen überlegen fühlte. Niemals sangen wir in der Schule die indonesische Nationalhymne.

"Lebe als edler Mann oder stirb als Märtyrer!"

Die einzige Musik, die wir hörten, war "nasyid", arabische religiöse Lieder, die aus Lautsprechern in den Ecken der Schulgebäude dröhnte. An den Wänden unseres spartanisch eingerichteten Schlafsaales hingen arabische Kalligraphien, die forderten: "Lebe als ein edler Mann oder stirb als Märtyrer!"

Im Unterricht war die Botschaft noch viel unmissverständlicher. Ein häufiges Thema unseres Rhetorikunterrichts, den wir jeden Donnerstagabend hatten, war: "Der Islam wird bedroht". Wir hörten den Koranvers, der sagt, dass die Ungläubigen und Juden niemals aufhören werden, uns zu bekämpfen, bis wir uns schließlich ihrer Religion anschließen.

Unsere Lehrer erkannten den säkularen Staat Indonesien nicht an. Sie sagten, dass es deshalb für uns auch keine Verpflichtung gäbe, sich seinen Gesetzen unterzuordnen. Wieder zitierten sie den Koran: "Wer immer Gottes Gesetz nicht folgt, ist ein Ungläubiger."

In meinem letzten Jahr lernte ich die Bedeutung der Solidarität zwischen Muslimen kennen und auch eine treibende Kraft hinter den Bestrebungen zu einer islamischen Staatenbildung. Einer unserer Lehrer, ein Experte für chinesische Kampfkunst namens Abdurrohim (alias Abu Husna), sagte uns: "Ein echter Muslim muss Mitglied in der Gruppe "Darul Islam" werden."

Einige der Abiturienten, darunter auch ich, legten einen Mitgliedseid ab und gehörten fortan einer illegal arbeitenden Gruppe an, die sich die Errichtung eines islamischen Staates zum Ziel gesetzt hat.

Der Name der Gruppe leitet sich vom arabischen Begriff "Dar Al Islam" ab, was sich am ehesten mit "Wohnsitz des Islam" oder "Haus des Islam" wiedergeben lässt. Damit wird Bezug genommen auf die Gemeinschaft, die vom Propheten Mohammed in Medina gegründet wurde.

Netzwerke der "Darul Islam"

Über mehr als fünf Jahrzehnte gingen aus "Darul Islam" zahlreiche Abspaltungen und kleinere Abweichlergruppen hervor, die Gewalttaten im Namen des Jihad verübten. Ohne eine genaue Betrachtung der dynamischen und komplizierten Entwicklung von "Darul Islam" ist es deshalb unmöglich, die vielen jihadistischen Bewegungen in ihrer ganzen Breite zu verstehen.

Nicht wenige dieser, aus "Darul Islam" hervorgegangenen Gruppen sind schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts an Aufständen beteiligt gewesen. Am 7. August 1949, gerade als Indonesien aus der niederländischen Kolonialherrschaft entlassen wurde, initiierte Sekarmadji Maridjan Kartosuwirjo eine islamische Rebellion.

Enttäuscht von der neu gegründeten Indonesischen Republik unter Sukarno, proklamierte Kartosuwirjo seinen eigenen Indonesischen Islamischen Staat (NII), der sich der Zentralregierung widersetzte. Gebiete im Westen Javas, die unter der Kontrolle der NII standen, wurden als "Darul Islam" bezeichnet.

Geschätzte 15.000 bis 20.000 Menschen starben in diesem, 13 Jahre dauernden Aufstand, bis er 1962 endgültig niedergeschlagen wurde. Kartosuwirjo wurde gefangen genommen und von einem Hinrichtungskommando erschossen. Doch bedeutete dies noch lange nicht das Ende von "Darul Islam".

Nach dem Sturz Sukarnos wendete sich das Schicksal für "Darul Islam". Als erbitterte Gegner der "gottlosen Kommunisten" spielten Veteranen von "Darul Islam" eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Kommunisten - und das von Mitte der 1960er bis in die 1980er Jahre hinein.

Unterstützung für die CIA und Suharto

Der von der CIA angeleitete Putsch (1965/66), der den Diktator Suharto zur Macht verhalf, wurde von allen islamischen Organisationen (also auch von "Darul Islam") enthusiastisch unterstützt. Das Ergebnis war ein Massaker an rund 500.000 Mitgliedern und Anhängern der Kommunistischen Partei, aber auch an einfachen Arbeitern.

Die sowjetische Invasion in Afghanistan vom Dezember 1979 schweißte die Muslime auf der ganzen Welt zusammen, was auch für Indonesien galt. Tausende Indonesier kämpften im darauf folgenden Krieg. "Darul Islam" schickte 360 Kämpfer.

Abu Bakar Ba'asyir, Foto: AP
Der radikal-islamische Kleriker Abu Bakar Ba'asyir wird am 3. März 2005 vorzeitig aus der Haft entlassen

​​Einige dieser Leute sollten später den Kern einer Gruppe ausmachen, die sich "Jamaah Islamiyah" nannte, die bis heute für zahlreiche Terrorakte verantwortlich zeichnet, darunter die Anschläge von Bali im Jahr 2002, bei denen 202 Menschen ums Leben kamen, der Großteil von ihnen ausländische Touristen. Die Haftstrafe von Abu Bakar Ba'asyir, den man als Kopf der Bombenleger vermutet, wurde unlängst verkürzt.

Parallelen zur Ideologie Bin Ladens

Ähnlich wie im Fall Osama Bin Ladens, dessen anti-sowjetischer Jihad in Afghanistan von der CIA unterstützt wurde, profitierten auch die Islamisten Indonesiens von diesem seltsamen Bündnis mit den USA, um sich später zu den erbittertsten Feinden ihres einstigen westlichen Verbündeten und der säkularen Regierung in Jakarta zu wandeln.

Das ursprüngliche Ziel von "Darul Islam" aber ist bis heute das gleiche geblieben: die Errichtung eines islamischen Staates auf dem Boden Indonesiens. Dennoch behaupten sie, dass sie dafür niemals Gewalt einsetzen wollten.

Auch seien Nicht-Muslime nicht ihre Feinde, sondern nur die Staatsideologie "Pancasila" — also eine rein weltliche und von Menschen geschaffene Ordnung. Die Führer von "Darul Islam" erklären, dass ihr Ziel der Aufbau eines Staates sei, in dem die Scharia gilt und sie dies einzig mit friedlichen Mitteln erreichen wollen.

Nach meinem Abschluss in Ngruki, sprachen mich einige "Darul-Islam" Mitglieder an und empfahlen mir, weitere religiöse Studien zu betreiben und forderten mich auf, 2,5 Prozent meines Einkommens an die Organisation abzugeben.

Aber mein Weg war ein anderer: Wie die meisten meiner ehemaligen Mitschüler entschied ich mich für eine erfolgreiche Karriere in der säkularen Welt. Im Alltag haben wir dabei mit einem Pluralismus umzugehen, der sich nur schwer mit einer engen Auslegung des Islam vereinbaren lässt. Tatsächlich trifft dies auf 88 Prozent aller indonesischen Muslime zu.

Trotz meines familiären Hintergrunds bleibe ich ein Muslim, der fünf Mal am Tag betet, den Koran liest und hofft, eines Tages Mekka zu besuchen. Gleichzeitig aber arbeite ich für amerikanische Medien, habe jüdische Freunde bei mir zu Besuch und gehe freitagabends gern in eine Bar, um etwas zu trinken.

Auch wenn "Darul Islam" als Organisation heute keine große Gefahr mehr bilden sollte - so zersplittert und desorganisiert sie sich darstellt - so findet sie nach wie vor ihre Anhänger bei den ungebildeten und an den Rand gedrängten Menschen in den Armenvierteln.

Und so kann "Darul Islam" weiterhin ein fruchtbarer Boden für Terroristen sein, die sich in den verschiedenen Splittergruppen Nachwuchs für den bewaffneten Jihad suchen. Und wie die jüngsten Ereignisse zeigen, kann auch eine kleine Gruppe von Menschen enormen Schaden anrichten.

Die Tatsache, dass "Darul Islam" im Grunde dieselbe Ideologie vertritt wie Osama Bin Laden und europäische Terrorzellen, macht daraus eine globale Herausforderung. Und doch: Mitglieder von "Darul Islam" ohne handfeste Beweise zu inhaftieren, kann sie schnell zu Märtyrern innerhalb der muslimischen Gemeinschaft machen.

Noor Huda Ismail

© 2005 Yale Center for the Study of Globalization

Noor Huda Ismail ist wissenschaftlicher Mitarbeite am "International Center for Political Violence and Terrorism Research" sowie am "Institute of Defence and Strategic Studies, Nanyang Technological University" in Singapur.

Qantara.de

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