Politischer Diskurs in der arabischen Welt

Philosophie als Einbahnstraße?

Michael Frey hat ein spannendes Buch über den zeitgenössischen politischen Denker Nassif Nassar geschrieben. Seit 1967 widmete Nassar sein Lebenswerk der Frage nach einer gerechten Ordnung in und außerhalb des Libanons. Frey bietet nun zum ersten Mal eine Einführung in sein Werk in einer europäischen Sprache. Von Sonja Hegasy

Wer außereuropäische Philosophie auftischt, der muss das richtige Besteck mitliefern, sonst fehlt allen außer den - wirklich wenigen - Spezialisten das Werkzeug, um zu verstehen, was hier passiert und wie hier gedacht wird. So wirft Michael Frey in seinem Buch 'Liberalismus mit Gemeinsinn' gleich zu Beginn die allgemeine Frage auf: Wie liest man zeitgenössische arabische Philosophie?

Frey stellt einen hierzulande unbekannten Philosophen vor, obwohl dieser ein umfangreiches Werk vorgelegt hat und breit in der arabischen Welt rezipiert wird: Nassif Nassar, Jahrgang 1940, war bis zu seiner Emeritierung 2005 Professor für Philosophie an der Université Libanaise. Nach einer Promotion in Philosophie an der Sorbonne, kehrt Nassar 1967 in sein Heimatland zurück und publiziert fortan nicht mehr auf Französisch, sondern auf Arabisch.

Die politische Aufbruchsstimmung der sechziger Jahre reizt den jungen Autor mehr als eine Karriere im Westen. In Beirut vertritt er die akademische Lehre des Fachs an der Universität und bildete gleichzeitig Philosophielehrer aus. In den postkolonialen Staaten des Nahen Ostens ist die Debatte um die schulische Befähigung zum selbstständigen Denken eng mit dem Aufbau der universitären Lehre verknüpft. Nassar wird ein engagierter Kritiker jeglicher geschlossener Weltanschauung und ein politischer Philosoph, dessen Werk bis heute in den wichtigsten arabischen Verlagen erscheint.

Philosophie testet rote Linien

Frey zitiert seinen marokkanischen Kollegen, Mohammed Misbahi, der die Philosophie eine "Unruhestifterin" (mushaghiba) nennt, die ständig rote Linien teste – ähnliche wie die Protestierenden in der Region. Michael Frey kann die Lebendigkeit und Unmittelbarkeit philosophischer Debatten mit einer Vielzahl spannender Querverweise zu arabischen digitalen wie analogen Medien belegen. Und er verweist auf verschiedene Stimmen zwischen Beirut und Casablanca, die ihrem eigenen Denken heute mehr Selbstvertrauen und Respekt zuweisen, als es häufig außerhalb der Region geschieht. 2018 wurde Nassif Nassar vom Pariser "Institut du Monde Arabe" zusammen mit der Universität Antonine in Beirut für sein Lebenswerk geehrt.

Frey stellt zunächst zwölf Monographien und sechs Aufsatzsammlungen des Philosophen im Einzelnen vor. Schon dies ist eine beeindruckende Arbeit, für die sich die Lektüre des Buches lohnt. Frey ist in der Lage, große Verständnisschneisen durch das Werk zu schlagen.

Buchcover "Liberalismus mit Gemeinsinn. Die politische Philosophie Nassif Nassars im libanesischen Kontext" von Michael Frey im Verlag Velbrück
"Michael Freys Buch erscheint zu einer Zeit, in der im Libanon erneut für eine gerechte Verteilung der Macht gekämpft und der religiöse Proporz grundsätzlich in Frage gestellt wird. Es ist dies also ein guter Moment, sich mit einem libanesischen Denker vertraut zu machen, der ein ausgereiftes Werk zu Liberalismus, Demokratie und Gerechtigkeit vorgelegt hat, in das nun zum ersten Mal in einer europäischen Sprache eingeführt wird", schreibt Hegasy.

Im Gesamtwerk macht er zwei Kernpunkte aus: die Überwindung des ideologischen Denkens, das die Gesellschaften immer wieder an den politischen Abgrund führt, und die Frage nach einer gerechten Ordnung. Letzteres insbesondere seit Erscheinen von Nassars Buch 'Die Logik der Herrschaft. Einführung in die Philosophie des Befehls' im Jahr 1995.

Konfessionalistische Desintegration von Gesellschaften im Fokus

Frey zeigt auf, wo Nassars Denken an die Philosophie der Moderne anschließt und wie es gleichzeitig existenzielle Fragen aufwirft, die alle angehen. "Nassar wie auch Hobbes nahmen sich die konfessionalistische Desintegration ihrer Gesellschaft und die darin gemachten Unrechtserfahrungen zum Anlass, das Politische von Grund auf neu zu denken." Er vergleicht Nassars Ausgangspunkt mit Helmuth Plessners Inwertsetzung der Gesellschaft gegen eine konfessionelle 'Gemeinschaftsgesinnung' (Plessner).

Es ist Freys Buch zu wünschen, dass es auch von deutschen Philosophen und Soziologen gelesen wird. Oder ist das Buch zu speziell? Was hat ein arabischer Autor zur anglo-europäischen Debatte beizutragen?

Für Michael Frey ist diese Interaktion nicht nur ein wissenschaftliches Desiderat, sondern notwendig, um sich in Zeiten fortschreitender Globalisierung über die "transkulturelle Verbindlichkeit von Begriffen wie Gerechtigkeit, Toleranz, Freiheit und von bestimmten Rechten" zu verständigen.

Wie steht es beispielsweise mit den gesellschaftlichen Voraussetzungen von Liberalismus und Gemeinsinn in Europa heute? Könnte hier eine gemeinsame Reflexion von Interesse sein? Was bietet das liberale Gesellschaftmodell im Zeitalter des Populismus und vor allem wem? Was wird sein, wenn eine Mehrheit in Europa oder den USA die Demokratie nicht mehr will?

All diese Fragen bedürfen einer dringenden Behandlung über die bekannten Grenzen hinaus.

Philosophie als gelebte Solidarität aus dem Geiste der Vernunft

Die diskursive Öffnung dem Anderen gegenüber wird bislang zumindest nur in eine Richtung geführt. Diese Fragen sollten verdeutlichen, dass Philosophie als gelebte Solidarität aus dem Geiste der Vernunft, so muss man sich den Kern von Nassars Werk vorstellen, in dem er jede Form von Demokratierelativismus, der sich im 21. Jahrhundert mehr und mehr breit macht, eine Absage erteilt.

Freys Buch erscheint zu einer Zeit, in der im Libanon erneut für eine gerechte Verteilung der Macht gekämpft und der religiöse Proporz grundsätzlich in Frage gestellt wird. Just in diesen Wochen wollen sich viele Bürger einer absurden Quoten-Demokratie entledigen, die man auch dem Irak 2003 aufoktroyiert hat.

Es ist dies also ein guter Moment, sich mit einem libanesischen Denker vertraut zu machen, der ein ausgereiftes Werk zu Liberalismus, Demokratie und Gerechtigkeit vorgelegt hat, in das nun zum ersten Mal in einer europäischen Sprache eingeführt wird. Und, es sei darauf hingewiesen: Frey wagt zum Ende seiner Studie eine optimistische Prognose für die Region der arabischen Welt! Die sich immer wieder organisierenden Proteste zeigten, dass die emanzipatorischen und kritischen Ideen nicht aus der Welt zu schaffen sind und "vermehrt auch in alltäglichen Vorstellungswelten wirksam werden."

Die Nicht-Rezeption von Denkern wie Nassif Nassar (und anderen außereuropäischen Denkern) führt nur allzu häufig zu dem Trugschluss, es gebe weder kritische noch selbstkritische Denker noch öffentliche Diskussionen über sie.

Sonja Hegasy

© Qantara.de 2020

Michael Frey: "Liberalismus mit Gemeinsinn. Die politische Philosophie Nassif Nassars im libanesischen Kontext", Verlag Velbrück Wissenschaft 2019, 404 Seiten, ISBN: 9783958322011

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