Politische und humanitäre Lage in Gaza

"Krieg ist hier immer möglich"

Gefährdet die Ankündigung von Präsident Trump, die US-Botschaft nach Jerusalem verlegen zu wollen, den vorsichtigen Versöhnungsprozess zwischen der Hamas und der Fatah? Darüber sprach Elisa Rheinheimer-Chabbi mit Matthias Schmale, Chef des UN-Flüchtlingshilfswerks für Palästinenser in Gaza.

Herr Schmale, am 10. Dezember sollten die Regierungsgeschäfte im Gazastreifen von der Hamas an die Fatah übergehen. Hat Donald Trump mit seiner Ankündigung, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, diesen Prozess nun auf einen Schlag beendet?

Matthias Schmale: Es besteht die Chance, dass der Prozess auf politischer Ebene zunächst weitergeht - nicht zuletzt aufgrund der aktiven Beteiligung von Ägypten. Die Menschen in Gaza warten aber immer noch auf konkrete Veränderungen im täglichen Leben. Da hat sich seit Beginn der Verhandlungen Mitte Oktober nichts getan. Strom gibt es nach wie vor nur vier Stunden am Tag. Auch die große Hoffnung der Menschen, sich freier bewegen zu dürfen, wurde enttäuscht. Deshalb ist der anfängliche, vorsichtige Optimismus umgeschlagen in Pessimismus - schon vor der Trump-Entscheidung.

Durch den Syrien-Krieg ist die Situation im Gazastreifen etwas in Vergessenheit geraten. Sie betreiben dort eines der umfangreichsten UN-Hilfsprogramme für Flüchtlinge. Wie kommt das?

Matthias Schmale; Foto: UNRWA
Matthias Schmale leitet in Gaza das UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA). Zuvor war er für die Vereinten Nationen im Libanon und in New York tätig.

Schmale: Die anhaltende Blockade Gazas führt zu der humanitäre Notlage. Wir haben es mit einer Art öffentlichem Gefängnis für zwei Millionen Menschen zu tun. Sie leben auf engstem Raum zusammen; Gaza ist etwa so groß wie Bremen. Siebzig Prozent der Bevölkerung sind Flüchtlinge, also rund 1,3 Millionen Menschen. Der letzte Krieg 2014 hat die Situation noch verschlechtert. Wir versorgen inzwischen fast die Hälfte der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln. Hinzu kommt, dass die Arbeitslosigkeit enorm hoch ist: Rund 65 Prozent der jungen Leute haben keinen Job. Das ist fatal, denn es bedeutet eine totale Perspektivlosigkeit. Und selbst wer Arbeit hat, muss mit Schwierigkeiten rechnen. Es dauert wochenlang, manchmal sogar Monate, bis man zum Beispiel Baumaterial importieren darf.

Was bedeutet die Blockade für die Kinder?

Schmale: Die Situation an den Schulen ist besonders prekär. Wegen des fehlenden Platzes haben wir Schichtbetrieb eingeführt: Manche Kinder werden vormittags unterrichtet, andere nachmittags – an einigen Schulen haben wir sogar drei Schichten. Über neunzig Prozent der Unter-25-Jährigen haben den Gazastreifen noch nie verlassen.

Wenn man sich in Gaza-Stadt umschaut, scheint wenigstens der Wiederaufbau seit dem Krieg 2014 gut voranzukommen.

Schmale: Ja, der Wiederaufbau dessen, was sich die Vereinten Nationen vorgenommen hatten, ist zu 75 Prozent fertiggestellt. Dazu hat auch Deutschland beigetragen, das seit dem Krieg 57 Millionen Euro in Reparationen investiert hat. Aber das ist nur die materielle Seite. Die psychischen Folgen sind fatal. Vor wenigen Tagen hat sich ein junger Familienvater angezündet. Viele Menschen sind traumatisiert und völlig ohne Zukunftsaussichten, die Selbstmordrate steigt.

Andererseits scheint es auch junge Leute zu geben, die hochmotiviert sind.

Schmale: Es gibt hier in der Tat eine phänomenale Energie unter jungen Leuten, das ist die andere Seite. Ich bewundere die Männer und Frauen, die sich trotz allem nicht unterkriegen lassen. Sie engagieren sich ehrenamtlich für die Gesellschaft oder gründen eigene Unternehmen. In sie setze ich große Hoffnung. Aber es wäre ein Fehler anzunehmen, dass es die nächsten zehn Jahre so weitergeht. - Hören Sie die Drohnen da draußen? Die sind unheimlich laut. Teilweise hören sie sich an wie Jets, und in den letzten Tagen fliegen sie verstärkt. Da fragen sich viele bang: "Geht's jetzt wieder los?"

Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA); Foto: dpa
Das UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) ist der größte Anbieter staatlicher Dienstleistungen in Gaza. Von den zwei Millionen Einwohnern sind 1,3 Millionen Flüchtlinge. Für sie betreibt UNRWA 267 Schulen und 21 Gesundheitszentren, darüber hinaus Einrichtungen für Frauen, sowie Nahrungsmittelhilfen. 13.000 Menschen arbeiten im Gazastreifen festangestellt für die UN, die meisten davon sind selbst Flüchtlinge.

Sie meinen: Geht der Krieg wieder los?

Schmale: Ja. Wobei die Hauptbefürchtung der Menschen in Gaza derzeit nicht ein neuer Krieg mit Israel ist. Die größte Sorge ist, dass junge Menschen sich in ihrer Hoffnungslosigkeit radikalisieren. Es gibt in Gaza längst extremere Gruppen als die Hamas. Wenn die Perspektivlosigkeit weiter andauert, weiß man nicht, was passiert. Die Furcht vor IS-nahen Kämpfern, die in Gaza einsickern, ist begründet. Das ist auch den Israelis klar. Es klingt absurd, aber die Hamas bedeutet für Israel eine gewisse Sicherheit im Vergleich zu gewalttätig-salafistischen Gruppen. Auch deshalb sehen wir wahrscheinlich derzeit die vielen Drohnen am Himmel: Die Israelis versuchen womöglich herauszufinden, ob es radikalen Gruppen in der momentanen Übergangsphase gelingt, das Machtvakuum zu besetzen.

Eine Vorbedingung für den Versöhnungsprozesses ist die Entwaffnung der Hamas. Kann das gelingen?

Schmale: Ich halte es für eine Illusion, davon auszugehen, dass die Hamas sich in nächster Zeit entwaffnen ließe – übrigens nicht erst seit der Trump-Entscheidung. Wenn das tatsächlich die Vorbedingung ist, wird es nichts mit der Annäherung der beiden Parteien und einer Verbesserung der Lebensumstände für die Menschen. Aber vielleicht geht es auch anders.

Wie meinen Sie das?

Schmale: Vielleicht muss die Entwaffnung nicht an erster Stelle stehen. Einige Beobachter ziehen bei aller Andersartigkeit Vergleiche zum Nordirland-Konflikt. Die IRA ist auch nicht sofort zu Beginn des Versöhnungsprozesses entwaffnet worden.

Palästinensische Demonstranten protestieren in Gaza gegen die Entscheidung von US-Präsident Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen; Foto: Wissam Nassar/dpa
Der Nahe Osten vor einer dritten Intifada? Nach der Ankündigung von Präsident Trump, die US-Botschaft nach Jerusalem verlegen zu wollen, hatte die Hamas zu einem neuen Aufstand der Palästinenser gegen Israel aufgerufen. Die neue Intifada sollte ins Herz des "zionistischen Feindes" getragen werden, sagt der Anführer der radikal-islamische Palästinenserorganisation, Ismail Hanijeh, in einer Rede im Gaza-Streifen. Die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch US-Präsident Donald Trump komme einer "Kriegserklärung gegen die Palästinenser" gleich.

Glauben Sie trotz der Entscheidung Trumps daran, dass aus dem Aussöhnungsprozess etwas wird?

Schmale: Wissen Sie, ich bin in Südafrika zu Zeiten der Apartheid aufgewachsen. Da saß ein Mann im Gefängnis, den die ganze Welt als Terroristen bezeichnete. Dass dieser Mann einmal von allen umschwärmt werden würde, hätte ich mir nie im Leben ausgemalt. Heute gilt Nelson Mandela als Star. Ähnlich ging es mir beim Fall der Berliner Mauer, auch das hätte ich nicht für möglich gehalten.

Momentan kann ich mir nicht vorstellen, dass die Todfeinde hier im Nahen Osten irgendwie zusammenfinden. Aber die Geschichte hat gezeigt, dass manchmal eben auch das schier Unmögliche geschieht. Eine Entmilitarisierung in Gaza, offene Grenzen, das wird nicht morgen klappen, nicht übermorgen, und auch nicht am 10. Dezember. Aber ich hoffe, dass es auf lange Sicht klappt. Ein erneuter Krieg in Gaza würde für die Menschen die Hölle bedeuten.

Rechnen Sie angesichts der jüngsten Entwicklungen mit einer dritten Intifada?

Schmale: Aufgrund der lang andauernden Spannungen unter der Oberfläche ist Krieg hier immer möglich. Allerdings bleibt für mich die wahrscheinlichste Ursache für einen erneuten Krieg die mit der Blockade zusammenhängende, dramatische sozio-ökonomische Situation im Gazastreifen. Die daraus entstehende, massive Perspektivlosigkeit und mögliche Ausschreitungen sowie eine weitere Radikalisierung in Richtung Extremismus sollte die Weltgemeinschaft nicht unterschätzen.

Das Interview führte Elisa Rheinheimer-Chabbi.

© Qantara.de 2017

Elisa Rheinheimer-Chabbi ist Redakteurin bei "Publik-Forum". Das Interview entstand während einer Recherchereise nach Gaza und ins Westjordanland mit der "Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen".

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.