Philosophie im Iran

Zwischen Popper und östlicher Weisheit

Das philosophische Denken im Iran ist seit langem vom direkten Austausch mit westlichen Kollegen mitgeprägt. Daneben versucht man auch das Erbe der eigenen geistigen Tradition zu pflegen. Von Alessandro Topa

Ibn Sina empfängt auf einer mittelalterlichen Darstellung sein Wissen durch die Muse; Foto: DW
In Europa ein wenig bekannter philosophischer Genius: Der Arzt, Mathematiker, Philosoph und Dichter Ibn Sina. Auf einer mittelalterlichen Darstellung empfängt er sein Wissen durch die Muse.

​​ Von iranischer Philosophie ist – auch im Iran – oft in westlichen Kategorien die Rede. Der Diskurs der Gegenwart etwa wird als ein solcher zwischen antimodernistischen Heideggerianern und säkularen Popperianern konzipiert. Im renommierten Teheraner "Iranian Institute of Philosophy" hält man indessen wenig von Moden und viel von klassischen Modi des Philosophierens.

Corbin ist einer der wenigen westlichen Namen, die sich nach der Islamischen Revolution noch auf einem Teheraner Straßenschild finden. Folgt man der Straße, so gelangt man bald zum Eingang des "Iranian Institute of Philosophy" (IRIP), wo der große französische Philosoph Henry Corbin (1903–1978) lehrte.

Am Pförtnerhäuschen vorbei fällt der Blick auf einen Park mit Birken, Springbrunnen und zwei Villen aus dem 19. Jahrhundert. In diesem Paradies nach altpersischem Geschmack hält es der Geist gewiss gut bei sich selbst aus.

Asymmetrisches Interesse

Während der Präsidentschaft des Reformers Khatami trafen oft philosophische Gesandtschaften in Teheran ein, um über Demokratie und Menschenrechte zu diskutieren.

Dass sich im Rahmen solcher Veranstaltungen auch das fundamentalistische Establishment im sanften Licht kultivierter Weltoffenheit präsentieren konnte, während Zeitungen verboten, Dissidenten inhaftiert und Schriftsteller ermordet wurden, produzierte unüberhörbare Störgeräusche in einem "Dialog der Zivilisationen", der kaum je seine Voraussetzungen reflektierte.

Jürgen Habermas; Foto: AP
Nicht erst seit seinem Besuch in Teheran vor sieben Jahren erfreut sich Jürgen Habermas bei den iranischen Studierenden der Philosophie und Sozialwissenschaften großer Popularität.

​​ Angesichts der Bildung seiner Gesprächspartner musste Jürgen Habermas 2002 immerhin eine "Asymmetrie der Verständigungsverhältnisse" diagnostizieren, insofern als die Iraner den Diskursen westlicher Philosophen wesentlich mehr Interesse entgegenzubringen schienen als diese den iranischen.

Daran hat sich auch sechs Jahre später nichts geändert: Während jede größere Buchhandlung Teherans eine philosophische Abteilung hat, in der Übersetzungen der Klassiker von Aristoteles bis Wittgenstein stehen, würden wohl nicht wenige Europäer Ibn Sina eher für einen Mann von al-Kaida denn für einen philosophischen Genius halten. Zurückgegangen ist dagegen die Reisefreudigkeit der Philosophen.

Das liegt zum einen an Präsident Ahmadinejads unsäglichen Äußerungen über Israel. Zum anderen hat die Inhaftierung des iranischen Philosophen und interkulturellen Brückenbauers Ramin Jahanbegloo im Teheraner Evin-Gefängnis 2006 ihren Zweck erfüllt: Der philosophische Dialog hat nun endgültig für dubiose Holocaust-Konferenzen die Bühne geräumt.

"Eine ungeheuer anregende Meinungsvielfalt"

In den Fluren des IRIP erinnern nur noch Plakate an die Zeiten, zu denen Koryphäen wie Otfried Höffe und Paul Guyer nach Teheran kamen, um sich mit iranischen Kollegen über Kants Transzendentalphilosophie auszutauschen. Der Direktor des Instituts, Dr. Gholam-Reza Aavani, ist allerdings nicht der Auffassung, dass sich Grundlegendes geändert habe.

Dr. Ramin Jahanbegloo; Foto: DW
Verlust einer der bedeutendsten Vertreter des intellektuellen Diskurses und des Dialogs: Der Modernist und Philosophieforscher Dr. Ramin Jahanbegloo wurde Ende April 2006 in Teheran verhaftet.

​​"Wir können weiterhin den intensiven Austausch mit europäischen und amerikanischen Universitäten pflegen", sagt der Schüler Henry Corbins, der sich jedoch merklich wohler fühlt, wenn er von seinem Studium an der amerikanischen Universität von Beirut in den sechziger Jahren schwärmen kann:

"Islamische Philosophen lehrten dort Seite an Seite mit Wittgensteinianern und überzeugten Existenzialisten. Es gab sogar Platoniker wie den brillanten Whitehead-Schüler Richard Scott. Eine ungeheuer anregende Meinungsvielfalt!"

Dass die Meinungsvielfalt in der iranischen Forschung und Lehre akut gefährdet sei, wie es Berichte von primär politisch motivierten Entlassungen liberaler Professoren im Herbst 2006 suggerierten, will der Institutsdirektor nicht bestätigen.

"Für die Philosophie", so fügt Aavani diplomatisch hinzu, um die Rolle des kritischen Intellektuellen von sich zu weisen, "ist ohnehin nichts schädlicher als Politik." Sorge um den Pluralismus treibt ihn jedoch aus anderen Gründen um.

"Von den derzeit 15 Doktoranden, die wir am Institut haben, sind elf mit westlicher Philosophie beschäftigt. Nur vier von ihnen promovieren in islamischer Philosophie. Das Interesse an unserer Tradition, das nach der Revolution zur Gründung vieler philosophischer Seminare führte, nimmt ständig ab."

In Beirut studierte Gholam-Reza Aavani auch bei Hossein Nasr, der 1974 den Vorgänger des IRIP gründete: die "Kaiserliche Iranische Akademie für Philosophie". Kaiserlicher Auftrag waren die Pflege von Irans (vor)islamischem philosophischem Erbe sowie die Erkundung der Gedankenwelten westlicher und östlicher Zivilisationen.

Mohammad Khatami; Foto: AP
Während der Präsidentschaft Khatamis trafen oft philosophische Gesandtschaften in Teheran ein, um über Demokratie und Menschenrechte zu diskutieren, schreibt Topa.

​​Mit Henry Corbin und Toshihiko Izutsu gelang es Nasr, zwei der führenden Experten auf dem Feld der islamischen Philosophie nach Teheran zu holen, von denen der eine zudem auch das christliche, der andere das buddhistische Denken brillant repräsentieren konnte.

"Als ich in den siebziger Jahren über den Einfluss des Neuplatonismus auf die islamische Philosophie promovierte, konnte ich täglich von dem Austausch mit diesen großen Gelehrten profitieren", erinnert sich Aavani an die Jahre vor 1979, als das Teheraner Institut weltweit in höchstem Ansehen stand.

Die Philosophen um Corbin waren allesamt in dem Interesse vereint, mit einem historischen Vorurteil aufzuräumen, das etwa Hegel zu dem Verdikt verleitete, die arabische Philosophie sei bloß hinsichtlich der "Fortpflanzung der Philosophie" von Interesse, sonst jedoch sei "nicht viel daraus zu holen".

Gemäß dieser Auffassung ist die islamische Philosophie lediglich insofern von Bedeutung, als sie das geistige Erbe der Griechen weitertrug, das dann aber erst in den christlichen Doctores in Paris, Bologna und Oxford seine wahren Nachkommen finden sollte.

Spätestens mit dem großen Aristoteles-Kommentator Averroes (1126–1198) hat demnach die islamische Tradition ihre Pflicht getan und kann im Kreissaal des Weltgeistes erschöpft in die Kissen sinken.

Hingegen machte Corbin in seiner Arbeit einsichtig, dass der philosophische Eros im Islam nach dem 13. Jahrhundert in keiner Weise verkümmerte.

Vielmehr setzte schon mit der Erleuchtungslehre des iranischen Mystikers al-Surahvardi (1155–1191), die Corbin im zweiten Band der Bibliothèque Iranienne textlich erschloss, eine Jahrhunderte lange Entwicklung ein, in der sich griechische, altiranische und islamische Momente zu einer eigenständigen Weisheitslehre ("hekmat") verbanden.

"Ewiger Sauerteig"

Das Gären metaphysischen Fragens – Surahvardi spricht von einem "ewigen Sauerteig" – gipfelte im Denken Molla Sadras (1572–1641), des großen Philosophen des Safawidenreichs.

"Sadras epochale Synthese aus neuplatonischer Emanationskosmologie, avicennischem Rationalismus, zoroastrischer Lichtmetaphysik und sufistischer Mystik wird seit Jahrhunderten mündlich von Meister zu Schüler weitergegeben, um den Weg zur Erleuchtung ("erfan") zu weisen", berichtet Aavani von antiken Vermittlungsformen philosophischen Wissens, die noch heute praktiziert werden.

Der Vertreter einer im Westen unbekannten philosophischen Tradition ist überzeugt, dass das historisch gewachsene System der "hekmat" durchaus das konzeptionelle Instrumentarium bereithält, um aktuelle Probleme – wie das einer philosophischen Begründung der Demokratie – zu traktieren.

"Auch wenn 'hekmat' ein Denken ist, in dem Glaube und Religion die zentrale Rolle in der universellen Ökonomie der Erlösung spielen, so ist doch gewiss, dass der Mensch als Ebenbild seines Schöpfers wesentlich eines ist: frei."

Alessandro Topa

© Qantara.de 2009

Alessandro Topa, geb. 1970 in Mailand, studierte Philosophie, Kommunikationsforschung und Romanistik in Bonn, wo er 2006 promovierte. Bei Königshausen und Neumann erschien "Die Genese der Peirceschen Semiotik".

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