Ökonomie der Golfstaaten

Die Gastarbeiter-Dividende

Wie sollen die Politiker der Golfstaaten des Nahen Ostens mit den vielen Gastarbeitern in ihren Länder umgehen? In Saudi-Arabien besteht etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung aus Ausländern. Und in Qatar und den Vereinigten Arabischen Emiraten stammen sogar neun von zehn Einwohnern aus anderen Ländern. Von Sami Mahroum

Der außerordentlich hohe Anteil an Gastarbeitern in den Ländern des Golfkooperationsrats (GKR) wird oft als problematisch angesehen, da er angeblich die lokale Kultur und die nationalen Identitäten bedroht, die Löhne drückt und die Entwicklung inländischer Fähigkeiten und Talente verhindert. Da so viele Wirtschafts- und Tätigkeitsbereiche durch relativ billige ausländische Arbeitskräfte dominiert werden, bleiben für die Einheimischen oft nur wenige Berufsfelder mit wettbewerbsfähigen Löhnen übrig. Diese befinden sich meist im öffentlichen Dienst, wo die hohen Löhne und attraktiven Arbeitsbedingungen durch Öleinnahmen aufrecht erhalten werden.

Aber eine wichtige Dimension der politischen Debatte in der Region sollte nicht übersehen werden: Die großen ausländischen Bevölkerungsanteile der Golfstaaten bestehen nicht nur aus Arbeitern, sondern auch aus Konsumenten. Indem sie zur Vergrößerung der Bevölkerung ihrer Gastländer beitragen, helfen Gastarbeiter dabei, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln.

In der Tat profitieren die GKR-Länder sogar in zweifacher Hinsicht von einer Gastarbeiter-Dividende: nicht nur von einer vielfältigen Konsumentenbasis auf der Nachfrageseite, sondern auch von flexiblen und jungen Erwerbstätigen auf der Angebotsseite. So könnten die Unternehmen nach dem rapiden Verfall der Ölpreise der letzten Jahre Tausende von Arbeitnehmern entlassen, ohne sich Sorgen über steigende Arbeitslosenquoten oder eine übermäßige Belastung der Staatskasse machen zu müssen.

Diese besondere Eigenschaft der GKR-Arbeitsmärkte verbessert die Fähigkeit der Region, sich an veränderte Wirtschaftszyklen anzupassen. Da es sich die GKR-Länder leisten können, ihre Arbeitnehmerschaft auszuweiten, ohne zu riskieren, dass der Anteil der älteren Bevölkerung langfristig zunimmt, kann das dortige Verhältnis von Jungen zu Alten und von Konsumenten zu Produzenten immer optimal gestaltet werden.

"Waghalsiger Konsum" am Golf

Darüber hinaus konnten die öffentlichen und privaten Investitionen der Region – in Infrastruktur, Ausbildung, Gesundheits- und andere Dienstleistungen – auf die bestehende, durch die Gastarbeiter vergrößerte Konsumentenbasis ausgerichtet werden. Aufgrund dieser Zuströme wächst die Bevölkerung der GKR-Staaten viermal schneller als diejenige der Entwicklungsländer, siebenmal schneller als in China und zehnmal schneller als in der Eurozone.

Dieser Trend wird mit einem durchschnittlichen jährlichen Bevölkerungswachstums von 1,8 Prozent – dem Doppelten der Entwicklungsländer – wahrscheinlich noch anhalten. Und laut einer IWF-Studie konnte durch das Bevölkerungswachstum im Nahen Osten und Nordafrika zwischen 1970 und 2000 die jährliche Produktionswachstumsrate pro effektivem Konsumenten um 0,5-0,6 Prozentpunkte gesteigert werden.

Umfangreichere Konsumentenmärkte verfügen über genügend Größenvorteile und Vielfalt, um die Einführung neuer Produkte und Dienstleistungen in der Region wirtschaftlich realisierbar zu machen. Sie genießen den zusätzlichen Nutzen dessen, was der Ökonom Amar Bhidé "waghalsigen Konsum" nennt: nachfrageorientiertes Unternehmertum und Innovation.

Wirtschaftliche Größenvorteile ermöglichen die preisgünstigere Bereitstellung von Dienstleistungen in Bereichen wie Gesundheit, Ausbildung, Unterhaltung und Freizeit. Größere Märkte bieten höhere Anreize für Investoren und Händler, sich zu engagieren, und für die Regierungen, neue öffentliche Güter bereit zu stellen. Ohne die Gastarbeiter in den Städten und auf dem Land gäbe es kaum Gründe, in Straßen, Schulen oder Krankenhäuser zu investieren – ganz zu schweigen von Parks, Bibliotheken oder Theatern.

Investitionen im Bildungssektor

Gastarbeiter in Doha; Foto: Getty Images/W. Little
Zum wirtschaftlichen Vorteil der Golf-Rentier-Staaten: "Die Länder des Golfkooperationsrats profitieren in zweifacher Hinsicht von einer Gastarbeiter-Dividende: nicht nur von einer vielfältigen Konsumentenbasis auf der Nachfrageseite, sondern auch von flexiblen und jungen Erwerbstätigen auf der Angebotsseite", meint Sami Mahroum.

Solche Investitionen finden in den GKR-Staaten bereits seit vier oder fünf Jahrzehnten statt, und die aktuellen Bauprojekte dort haben einen Umfang von Billionen von Dollar. Im Ausbildungsbereich stiegen in den GKR-Ländern die Anmeldungen für allgemeinbildende Schulen von 2,7 Millionen im Jahr 2003 auf 10,7 Millionen im Jahr 2012, was einer durchschnittlichen jährlichen Steigerungsrate von 16,5 Prozent entspricht. Die Investitionen in diesen Sektor haben ein Volumen von etwa 150 Milliarden US-Dollar. Im Gesundheitsbereich wird erwartet, dass die Ausgaben in der Region bis 2018 auf 133 Milliarden US-Dollar steigen.

Die örtliche Bevölkerung erhält von den Gastarbeitern auch eine Humankapital-Dividende, da talentierte Einwanderer Wissen und Innovationen in Sektoren einbringen, die die GKR-Staaten entwickeln wollen.

Forschungen des MIT haben gezeigt, dass eine Vergrößerung der Bevölkerung eine wichtige Antriebskraft für technologischen Fortschritt darstellt. Und japanische Studien zeigen, dass höhere Bevölkerungsdichten Anreize für die Neugründung von Unternehmen bieten: Eine zehnprozentige Erhöhung der Bevölkerungsdichte führt dazu, dass sich der Anteil der Menschen, die Unternehmer werden wollen, um etwa einen Prozent erhöht.

Die Gastarbeiter-Dividende der GKR-Staaten könnte noch viel höher sein, aber nur dann, wenn die Regierungen in der Region die nötigen Strukturen entwickeln. Solche Strukturen müssten in der Lage sein, den Nutzen, den die Einwanderer bringen, zu maximieren. Beispielsweise könnten die Gastarbeiter durch Arbeits-und-Rente- oder Investitions-und-Rente-Visa ermutigt werden, zu sparen und in Pensionsfonds einzuzahlen. Damit würden sie noch stärker zum schnellen Wirtschaftswachstum der Region beitragen.

Sami Mahroum

© Project Syndicate 2016

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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