Moschee-Übergriffe in Deutschland

Gotteshäuser sind keine Zielscheiben

Seit dem Beginn der türkischen Militäroffensive im nordsyrischen Afrin gab es in Deutschland wiederholt gewaltsame Übergriffe auf türkische Moscheen. Nach Deutschland sollten weder ausländische Konflikte importiert, noch militärische Konflikte anderer Staaten durch Waffenexporte befeuert werden, meint der Publizist Armin Langer.

Seit dem 20. Januar, dem Beginn des türkischen Angriffs auf die kurdische Provinz Afrin in Syrien, wurden in Deutschland mehrere Moscheen der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DİTİB) und der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) angegriffen: In Leipzig warfen Unbekannte Fensterscheiben einer Moschee ein, in Minden wurde ein Gebetshaus ebenfalls beschädigt, in Kassel ereignete sich ein weiterer Vorfall. In Frankfurt am Main wurde das Eingangstor der Eyüp-Sultan-Moschee mit der Parole "Rache für Afrin" beschmiert.

Den gleichen Spruch sprühten die Täter in roter Farbe auf die Wände des türkischen Gemeindehauses im niedersächsischen Stade. Immer wieder erreichen die Öffentlichkeit Presseberichte von neuen Moscheeschändungen, zuletzt aus Aachen, wo in der Nacht auf den 1. Februar auf eine IGMG-Moschee während des Morgengebetes ein Angriff verübt wurde.

Attacken von Links und Rechts

Neben den Angriffen kam es auch zu Boykottaufrufen gegen hiesige türkische Läden: "Ich rufe alle Bürger guten Willens auf: Boykottiert die Läden der Türken in Deutschland, denn die fahren zu 70 Prozent auf Erdoğan ab", forderte Kay Gottschalk, AfD-Vize und Bundestagsabgeordneter, während des Neujahrsempfangs der AfD in Krefeld. Erst nach heftiger Kritik zog er seinen Aufruf zurück.

Doch damit nicht genug: Die Angriffe kommen nicht nur von rechts, sondern auch von links. Auf der linksradikalen Internetplattform "Indymedia" tauchte ein anonymes Bekennerschreiben zu den Angriffen in Leipzig und Minden auf. Die Verfasser rufen darin dazu auf, "Institutionen des türkischen Staates und seiner deutschen Handlanger in Politik und Wirtschaft anzugreifen." Die Sache hat nur einen Makel: Bei den Moscheen von DİTİB und IGMG handelt es sich eben nicht einfach um Einrichtungen des türkischen Staates, sondern in erster Linie um religiöse Einrichtungen.

Die beiden Verbände, zu denen die angegriffenen Moscheegemeinden gehören, sind dabei selbst nicht unproblematisch. Die Predigten in den Moscheegemeinden finden in der Regel nicht auf Deutsch, sondern auf Türkisch statt – auch weil die Imame, die aus dem türkischen staatlichen Präsidium für religiöse Angelegenheiten delegiert werden, weder die deutsche Sprache beherrschen, noch sich mit den hiesigen Umständen auskennen.

Betende in einer Moschee der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DİTİB); Foto: picture-alliance/dpa
Wachsende Spannungen zwischen Kurden und Türken in Deutschland: "Seit dem Beginn der Offensive 'Olivenzweig' wird in den Moscheegemeinden für die Gesundheit türkischer Soldaten gebetet, was ebenfalls ein Beleg dafür ist, dass sich viele Verbandsfunktionäre und -mitglieder in erster Linie als Unterstützer der Erdoğan-Regierung und seiner Kriegshandlungen begreifen, und nicht als geistliche Führer der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland, zu denen auch viele kurdisch- und türkischstämmige Erdoğan-Kritiker zählen", schreibt Armin Langer.

Seit dem Beginn der Offensive "Olivenzweig" wird in den Moscheegemeinden für die Gesundheit türkischer Soldaten gebetet, was ebenfalls ein Beleg dafür ist, dass sich viele Verbandsfunktionäre und -mitglieder in erster Linie als Unterstützer der Erdoğan-Regierung und seiner Kriegshandlungen begreifen, und nicht als geistliche Führer der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland, zu denen auch viele kurdisch- und türkischstämmige Erdoğan-Kritiker zählen.

Immenser Schaden für das friedliche Miteinander

Mit ihrer nationalistischen Politik entfremden sie nicht zuletzt viele potenzielle Besucher der Gebetshäuser und schaden zudem dem friedlichen Miteinander migrantischer Communities in Deutschland. Außerdem ist es fragwürdig, ob diese Verbände in ihrer heutigen Form zur Integration der türkischstämmigen Muslime in der Bundesrepublik beitragen – oder eher zu ihrer Separation durch die Betonung türkisch-nationaler Identität.

Aber auch diese türkischen Moscheen stehen nun mal auf deutschem Boden. Und wenn es nötig ist, müssen diese von der Polizei geschützt werden. Pauschale Angriffe auf religiöse Einrichtungen sind ein Tabu. In Gotteshäusern soll der innere Frieden Zuflucht finden, und diese Orte sollten besonderen Respekt genießen. Ein antimilitaristischer Aktivismus sollte daher andere Mittel anwenden.

Wer die Militäroffensive kritisch sieht, sollte vor der türkischen Botschaft und den Konsulaten demonstrieren – oder eher die deutschen Behörden zur Rechenschaft ziehen, weil die Bundesregierung Panzer an die Türkei lieferte und die Intervention in Nordsyrien bis heute nicht verurteilte.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan; Foto: picture-alliance/abaca
Nach den Übergriffen auf Moscheen in Deutschland hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die deutsche Polizei mit den Worten attackiert: "Worauf wartet Deutschland? Unsere Bürger werden angegriffen, unsere Moscheen werden angegriffen – unter dem Schutz ihrer Polizei. Worauf wartet die deutsche Polizei noch?"

Angela Merkel äußerte sich zum aktuellen türkischen Angriff bis heute nicht. Die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer erklärte in einer Pressekonferenz lediglich, dass die Bundesregierung die Berichte über die türkische Offensive gegen Afrin "mit großer Sorge" betrachte und ein Ende der Kampfhandlungen fordere. Den Angriff verurteile Demmer nicht, stattdessen verwies sie auf "legitime türkische Sicherheitsinteressen an der Grenze zu Syrien."

Gewachsene Rüstungsexporte an die Türkei

Es gäbe daher wohl auch gute Gründe dafür, vor dem Auswärtigen Amt Kundgebungen zu organisieren. Laut der britischen NGO "Kampagne gegen Waffenhandel" (CAAT) lieferte Deutschland zwischen 2001 und 2012 Waffen, Panzer, Kriegsschiffe und andere Rüstungsgüter in die Türkei im Wert von fast zwei Milliarden Euro – in diesem Zeitraum exportierte Deutschland von allen europäischen Ländern die meisten Kriegswaffen an die Türkei. Die Panzer, mit denen die türkische Armee nun in Afrin vorrückt, gehören zu den 354 Kampfpanzern, die seit 2005 geliefert wurden.

Und obwohl seit 2015 der Krieg gegen die Kurden im Land neu entflammt ist, lieferte Deutschland im Jahr 2017 deutlich mehr Kriegswaffen in die Türkei als in den Jahren zuvor. Laut Bericht des ZDF hätten die Rüstungsexporte allein bis Dezember einen Gesamtwert von mehr als 59,5 Millionen Euro betragen und lägen damit deutlich über den Werten der Vorjahre.

Nach Deutschland sollten weder ausländische Konflikte importiert, noch militärische Konflikte anderer Staaten durch Waffenexporte befeuert werden.

Armin Langer

© Qantara.de 2018

Armin Langer, Jahrgang 1990, studierte Philosophie und jüdische Theologie in Budapest, Jerusalem und Potsdam. Er lebt als Publizist in Berlin, ist Autor des Buches "Ein Jude in Neukölln".

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Leserkommentare zum Artikel: Gotteshäuser sind keine Zielscheiben

Dass es sich bei den DITIB-Moscheen nicht um eine Einrichtung des türkischen Staates handelt, ist schlicht falsch: hier rächt sich eben die Vermischung von Religion (immerhin einer Weltreligion) mit nationalen bzw. nationalistischen Botschaften, wie etwa die in den DITIB-Moscheen verordneten Gebete für die "Aktion Olivenzweig" gegen die (moslemischen) Kurden. In diesem Zusammenhang sollte man auch das Diktum von Erdogan nicht vergessen, der die (türkischen) Moscheen als "unsere Kasernen" vereinnahmt hatte. Und über die Positionen der nationalistischen IGMG muss ja eigentlich kein weiteres Wort verloren werden. Problematisch ist aus deutsche Sicht eher, dass die Konfilkte in der Türkei hier in Deutschland ausgetragen werden. Vielleicht fällt ja den Diversitäts-Romantikern hierzu eine geeignete Strategie ein.
Abschließend noch ein Hinweis: im Gegensatz zu katholischen und orthodoxen Kirchen sind Moscheen keine Gotteshäuser, sondern Gebetshäuser. Soviel theologische Präzision sollte schon sein.

Bernd Leber16.02.2018 | 21:15 Uhr