Migranten in Deutschland

Auch wir sind das Volk

Die Flüchtlingskrise und der Aufstieg der AfD haben das gesellschaftliche Klima in Deutschland verändert. Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich wieder vermehrt nur als Bürger zweiter Klasse, meint Jagoda Marinic.

Am Tag der Bundestagswahl nutzte Alexander Gauland, neu gewähltes Parlamentsmitglied und führender Politiker der rechtsextremen AfD, seinen 30-Sekunden-Auftritt im Fernsehen, um ins Mikrofon zu rufen: "Wir werden uns unser Land zurückholen."

Über die sogenannten "Wutbürger", die wütenden Deutschen, ist in den vergangenen zwei Jahren viel geredet worden. Das, was man auch im Ausland als "German Angst" kennt, hat inzwischen eine "German Wut" erzeugt. Angst scheint eine Emotion zu sein, die für die Deutschen allerlei Fehlverhalten rechtfertigt.

Über die, von denen die AfD-Politiker dieses Land zurückholen wollen, ist sehr wenig gesagt worden. In Deutschland ist der öffentliche Diskurs über Einwanderung stets hinter der deutschen Realität zurückgeblieben. Doch das Land ist wesentlich vielfältiger, als seine politischen Vertreter vermuten lassen.

In der neuen Fraktion der CDU/CSU, der traditionell konservativen Partei, haben diesmal nur 2,6 Prozent der Abgeordneten einen nichtdeutschen Hintergrund. Selbst bei der AfD ist dieser Anteil dreimal so groß. Beide Zahlen zeigen jedoch, dass die Zuwanderer als Gruppe - um es milde auszudrücken - politisch weitgehend marginalisiert bleiben.

Betrachtet man dagegen die Einwohner deutscher Städte, so erkennt man deutlich, dass diese sichtlich vielfältiger geworden sind – inzwischen hat jeder vierte Stadtbewohner einen Migrationshintergrund.

Begrenzte politische Relevanz

Vor sechs Jahrzehnten, als die ersten Gastarbeiter in die Bundesrepublik kamen, wurden Regelungen getroffen, um sicherzustellen, dass diese Menschen keine deutsche Staatsbürgerschaft erwerben konnten. Die Zeiten haben sich geändert: Mittlerweile hat heute fast die Hälfte der 20 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund einen deutschen Pass.

Türkische "Gastarbeiter in einer Kölner PKW-Fabrik im Jahr 1964; Foto: picture-alliance/CPA Media Co. Ltd
Nach Deutschland gekommen und dort geblieben: Am 30. Oktober 1961 vereinbarten die Türkei und Deutschland ein Anwerbeabkommen. Damals sollten die türkischen Gastarbeiter die Lücken auf dem Arbeitsmarkt kurzfristig schließen. Ihr Aufenthalt war deshalb nur für eine begrenzte Zeit gedacht. Dies entsprach auch den Vorstellungen der Einwanderer, denn die meisten beabsichtigten, nach wenigen Jahren in ihre Herkunftsländer zurückzukehren. Doch für viele kam es anders. Sie blieben in Deutschland und leben hier bereits in der vierten Generation.

Dennoch bleibt deren politische Relevanz begrenzt. Sowohl die Politik als auch die breite Öffentlichkeit stecken in einer Sackgasse und ziehen es vor, über Einwanderer zu sprechen und darüber, was sie ihnen anbieten wollen, anstatt sich direkt mit Vertretern der Minderheiten und ihren Forderungen zu befassen. Letztere bleiben ihrerseits als Gruppe relativ ungeordnet, so dass sie die demokratischen Strukturen, die zur Förderung ihrer Interessen zur Verfügung stehen, nicht effizient nutzen können.

Inzwischen ist es in den deutschen Medien durchaus üblich, dass alte Männer über Immigranten in den Talkshows herziehen. Alexander Gauland ist gewiss einer von ihnen. Anstatt ihm klarzumachen, dass er in der Wahlnacht eine rote Linie überschritten hat, wurde er zum 27. Jahrestag der deutschen Einheit in die beliebteste deutsche Talkshow eingeladen, um über nationale Identität zu sprechen. Und wieder einmal wurde kein Vertreter der Minderheiten eingeladen, um in dieser "Gauland-Show" eine eigene und authentische Perspektive zu repräsentieren.

Medialer Siegeszug der AfD

Auch haben die deutschen Medien keinen konzertierten Versuch unternommen, die neuen Extremisten zu entlarven. Im Gegenteil: Es gelang den Rechtspopulisten, in großen Teilen der deutschen Medienlandschaft unverhältnismäßig viel Platz einzunehmen. Damit trugen sie wesentlich zur Salonfähigkeit extremistischer Positionen bei, die vor zwei Jahren wohl noch undenkbar gewesen wären. Gleichzeitig wurden die mahnenden Stimmen der Einwanderer und ihrer Nachkommen fast gänzlich überhört.

Die deutsche Realität ist heute längst eine andere: Bei den Erstklässlern in Hamburg etwa hat jedes zweite Kind einen Migrationshintergrund. Anstatt aber den Weg für mehr Kohärenz zu ebnen, konzentrieren sich große Teile der deutschen Öffentlichkeit auf Fragen der Zuwanderung, der nationalen Identität und wie man die wütenden 13 Prozent AfD-Wähler beruhigen könnte. Doch damit schenkt man dieser Partei nur noch mehr Aufmerksamkeit.

Vor nicht sehr langer Zeit, noch vor dem Aufstieg der AfD, versuchte die Bundeskanzlerin die Einwanderer und ihren Beitrag zum Reichtum und Erfolg Deutschlands zu würdigen. Sie weiß, dass ihre viel kritisierte Flüchtlingspolitik nur dann erfolgreich sein kann, wenn die Darstellung Deutschlands als ein erfolgreiches Einwanderungsland stimmig ist und von der Bevölkerung getragen wird.

So lud sie 2015 hunderte Vertreter von Migrantenorganisationen, ehemalige Gastarbeiter und deren Kinder ins Kanzleramt ein, um das erste Anwerbeabkommens, das vor 60 Jahren zwischen Deutschland und Italien, der Türkei, Griechenland sowie dem ehemaligen Jugoslawien unterzeichnet wurde, zu feiern. Merkel weckte Hoffnung und Vertrauen bei vielen, die damals im Publikum saßen, als sie konstatierte: "Sie gehören genauso zu Deutschland wie alle anderen, die hier leben." Ohne seine Einwanderer wäre Deutschland nicht so wohlhabend wie es heute ist.

Und doch hat der Aufstieg der AfD innerhalb von nur zwei Jahren zu einer Gegenreaktion im öffentlichen deutschen Diskurs geführt. Merkel, die den Verlust konservativer Wähler fürchtet, war nicht in der Lage, diese Entwicklung zu verhindern.

Es hat lange gedauert, bis Deutschland sich vom ius sanguinis, dem Abstammungsprinzip, verabschiedet hat und uns trotz unseres ausländischen Blutes das Recht gewährte, Deutsche zu sein. Heutzutage werden Bindestrich-Deutsche oft als Neudeutsche bezeichnet.

Es ist nun an der Zeit, dass diese "Neuen Deutschen" sagen: Unsere Eltern waren nur Gastarbeiter, keine Gastbürger. Ihnen wurde das Wahlrecht auf jeder Ebene verweigert. Aber ihre Kinder sind keine "Ausländer mit deutschen Pässen", wie uns die Rechten gerne nennen. Auch wir sind das Volk.

Jagoda Marinic

© Qantara.de 2017

Jagoda Marinic ist eine deutsch-kroatische Schriftstellerin, Theaterautorin und Journalistin. Sie wurde als Tochter kroatischer Einwanderer in Waiblingen geboren. Zurzeit lebt sie in Heidelberg. Zuletzt erschien von ihr das Buch "Made in Germany - Was ist deutsch in Deutschland?". Darin setzt sie sich mit der Identität Deutschlands als Einwanderungsland auseinander.

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