Menschenrechte in der islamischen Welt

Schlachtruf "Blasphemie"

In vielen überwiegend muslimisch geprägten Staaten werden Blasphemie, Religionsverleumdung sowie Apostasie strafrechtlich verfolgt. In der Praxis wird das Strafrecht routinemäßig instrumentalisiert, um persönliche Konflikte auszutragen oder um Streitigkeiten um Grundbesitz zu regeln. Von Thomas Krapf

Ein Jahrzehnt sitzt Asia Bibi im Todestrakt. Eine Analphabetin in Isolationshaft. Ein ganzes Fünftel ihres Lebens unter dem Damoklesschwert eines verhängten Todesurteils wegen Blasphemie. Anfang 2019 wird sie endlich vom pakistanischen Supreme Court freigesprochen. Ihr Fall macht weltweit Schlagzeilen.

Weitgehend entgeht der internationalen Öffentlichkeit die Fortsetzung von Bibis Albtraum. Im Mai 2019 kann sie nach Kanada ausreisen. In einem Videopost teilt ein religiöser Fanatiker mit, er folge ihr um den halben Erdball, um sie umzubringen. Als ob sie ein Kainsmal trüge, ist diese unschuldige, selbst in Pakistan rechtskräftig freigesprochene Frau ihres Lebens nirgends sicher.

Die Blasphemie-Anklage gegen Bibi ist frei erfundener Unfug. Damit fällt sie in Pakistan keinesfalls aus dem Rahmen. Über lange Zeit stößt der Fall in den internationalen Medien auf anhaltendes Desinteresse, ebenfalls gemäß dem bekannten Muster. Für die Dauer einer Schrecksekunde stellt Bibis Fall jedoch jene sprichwörtliche Ausnahme dar, welche die Regel bestätigt: Nach zehn Jahren wird ein einziger, vergleichsweise kurzer Akt ihres andauernden Dramas zu einer globalen Medienstory, nämlich ihr endgültig rechtskräftiger Freispruch und der empörte Aufstand fanatisierter Massen gegen die Freilassung der Unschuldigen.

Pakistans "schwarze Gesetze"

Schlaglichtartig beleuchten Tragödien wie diese, wie komplex sich die Kriminalisierung sogenannter "Gotteslästerung" gestaltet. Das über ein Jahrzehnt andauernde Martyrium Bibis kostet sogar zwei ihrer Fürsprecher das Leben.

Kampagne "Freiheit für Asia Bibi"; Quelle: AFP/Getty Images//Arif Ali
"Freiheit für Asia Bibi": In Pakistan hatte das Oberste Gericht die Christin Asia Bibi aus Mangel an Beweisen 2019 freigesprochen. Bibi war nach einem Todesurteil wegen angeblicher Propheten-Beleidigung acht Jahre in Pakistan inhaftiert gewesen. Ihr Freispruch führte zu tagelangen gewalttätigen Protesten religiöser Hardliner. Bibi reiste Wochen später in einer geheimgehaltenen Aktion aus, nachdem Kanada ihr Asyl gewährt hatte.

2009 besucht der Gouverneur der Provinz Punjab, Salman Taseer, Asia Bibi in ihrer Todeszelle. Danach kritisiert er Pakistans Blasphemie-Gesetze als "schwarze Gesetze". Dafür bezahlt er wenige Wochen später mit dem Leben. Das gleiche Schicksal ereilt Shahbaz Bhatti, der in der föderalen Regierung als Minister für Minderheitenangelegenheiten amtiert. Beide Politiker sterben in Attentaten, weil sie sich für Bibi einsetzten und die Blasphemie-Gesetze ablehnten.

Der Mörder des Gouverneurs ist dessen Leibwächter. In einem für Pakistan bemerkenswert fairen Verfahren wird Mumtaz Qadri zum Tode verurteilt, im Einklang mit geltendem Recht. Millionen von Facebook-Usern sowie Massen von typischerweise analphabetischen Sympathisanten unterstützen Mörder in oft gewalttätigen Demonstrationen. Qadri genießt das öffentliche Rampenlicht und gefällt sich, weil er hinter den weitgeöffneten Toren zum Paradies als Märtyrer (shaheed) erwartet werde.

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Leserkommentare zum Artikel: Schlachtruf "Blasphemie"

Die westliche Welt muß begreifen lernen, daß die von ihren Vertretern erdachten Menschenrechte (AEMR) nicht universell sind. Selbstverständlich ist es nicht richtig, daß ein Blasphemiegesetz mißbraucht oder zu streng angewandt wird. Im Fall der Pakistanierin Asia Bibi bestanden Zweifel, und hier wäre es angebracht gewesen, kein Todesurteil auszusprechen.
Ganz abgesehen davon sind die Europäer und US-Amerikaner Meister darin, mit zweierlei Maß zu messen, und in den meisten Fällen, in denen sie sich auf Menschenrechte berufen, betreiben sie Heuchelei und machen sich damit in den Augen aller Gerechtigkeit liebenden Menschen unglaubwürdig.
Die Muslime sollen die vom Abendland gemachten Menschenrechte als universell anerkennen und über die Rechte stellen, die der Schöpfer der Menschen ihnen – nach islamischer Auffassung – gewährt hat, während das Abendland es sich herausnimmt, das, was den Muslimen heilig ist, unter dem Deckmantel von Meinungs- und Pressefreiheit zu schmähen und durch den Dreck zu ziehen? – So geht das nicht!
Als Gegenstück zur AEMR haben die Muslime eine eigene Erklärung zu den Menschenrechten herausgegeben (Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Islam, 1981; Kairiner Erklärung der Menschenrechte, 1990). Den Kritikern daran gefällt hauptsächlich nicht, daß die islamischen Menschenrechte zu sehr durch die Bestimmungen der Schari´a eingeschränkt seien. Dem kann man gegenüberhalten, daß die Abendländer sich bei ihren Menschenrechten auf den Menschen und nicht Gott als deren Quelle berufen, was eine anscheinend unüberwindbare Kluft darstellt, die solange bestehen bleiben wird, bis entweder die Abendländer davon abrücken, den Menschen anstelle von Gott in den Mittelpunkt zu stellen, oder die Muslime die Grundlagen ihrer Religion aufgeben.

A.F.B.16.02.2020 | 22:32 Uhr