Malaysia

Mahathirs schwieriges Erbe

Malaysia gilt als seltenes Beispiel für einen fortschrittlichen Islam. Doch die jahrzehntelange Förderung der Muslime führte auch zu einer Ethnisierung der Gesellschaft. Charlotte Wiedemann über das Erbe des zurückgetretenen Premiers Mahathir Mohamad.

Mahathir Mohamad, Foto: AP
Mahathir Mohamad

​​Wenn die Hindu-Minderheit in Malaysia ihr Deepavali-Fest feierte, schnitt der muslimische Premier Mahathir Mohamad im Fernsehen demonstrativ die Festtags-Torte an, Arm in Arm mit einem indischen und einem chinesischen Politiker. Im multiethnischen Malaysia werden solche Rituale auch künftig zur Regierungspolitik gehören. Doch mit Mahathir, der sich Ende Oktober nach 22 Jahren aus seinem Amt zurückzog, ist die tragende Figur solcher Bilder verschwunden – und für manche darum auch ihre Glaubwürdigkeit.

So schillernd kann die Wirklichkeit sein: Von Mahathirs Abschied hörte die westliche Welt nur die antisemitischen Töne in seiner letzten großen Rede vor einer Konferenz islamischer Regierungschefs. Indes galt er daheim gerade bei vielen nicht-muslimischen Landsleuten als Garant der Stabilität, und das bedeutet: des Friedens zwischen Ethnien und Religionen.

Zwei Drittel der Bevölkerung sind Muslime

Die Angst vor Unfrieden ist aufgrund von Malaysias fragiler Struktur leicht zu wecken: Die Malaien, ausnahmslos Muslime, stellen mit 60 Prozent nur eine knappe Mehrheit. Die Chinesen, ein Drittel der Bevölkerung, sind seit der britischen Kolonialzeit die wirtschaftlich agilste Gruppe. Inder, etwa acht Prozent, teilen sich ihrerseits in Hindus, Muslime und Christen.

Mahathir verdankte bereits seine letzte Wiederwahl im Jahr 1999 vor allem den Chinesen. Unter seinen Malaien wandten sich viele von ihm ab, nachdem er seinen Vize Anwar Ibrahim ins Gefängnis hatte werfen lassen. Eine islamistische Oppositionspartei kann seitdem wachsenden Einfluss verbuchen.

Mahathir, Malaysias großer Modernisierer, hat also ein schwieriges Erbe hinterlassen. Die Willkür gegen seinen einstigen Thronfolger Anwar hat den Islamisten Gelegenheit gegeben, sich als sauberer, brüderlicher und mithin "islamischer" zu profilieren. Doch das ist nur die eine Hälfte der Erbschaft. Die andere betrifft eine hochsensible Zone: Der privilegierte Status der muslimischen Malaien.

Muslime wurden seit drei Jahrzehnten gefördert

Seit mehr als 30 Jahren erfreuen sie sich einer Bevorzugung, einer Förderpolitik, wie es sie andernorts auf der Welt nur für benachteiligte Minderheiten gibt. Hier ist es umgekehrt: Quoten an den Unis, Stipendien, garantierte Posten und Unternehmensbeteiligungen protegieren die malaiische Mehrheit, damit sie sich gegen die Minderheiten, zumal gegen die Chinesen, behaupten kann.

Mahathir war nicht der Erfinder dieser Politik, doch ihr geistiger Vater. Als damals hitzköpfiger malaiischer Nationalist schrieb er ein Buch über "das malaiische Dilemma": Es war ein heftiger Angriff auf die freundliche Apathie seiner Volksgruppe. Die gemächlichen Fischer und Reisbauern, wenig gebildet, wurden schon unter den Briten durch die hart arbeitenden indischen und chinesischen Einwanderer beiseite geschoben. Zur Zeit der Unabhängigkeit 1957 gehörte den Malaien nicht einmal drei Prozent des Eigentums in einem Land, wo sie als Ältesteingesessene doch die Herren sein wollten.

Nach drei Jahrzehnten muss die pro-malaiische Politik als gescheitert betrachtet werden. Ihr ökonomisches Ziel - 30 Prozent Anteil am Eigentum in malaischer Hand - wurde nicht erreicht. Gravierender noch ist, dass die einseitigen Privilegien das Zusammenwachsen der Ethnien erschwert und auch das Bild des Islam verdüstert haben: Muslime gelten in Malaysia als per se Bevorzugte; das schafft ein ungesundes Klima.

Verletzung von Tabus

Wieder ist Mahathir so scharf wie kein Zweiter mit seinen Leuten ins Gericht gegangen: Faul und selbstzufrieden hätten sich die Malaien in der Förderpolitik eingenistet; sie sähen "die Krücken" der Privilegien als Beweis ihres höheren Status' im Land anstatt daran laufen zu lernen und sie wegzuwerfen. Würde sich die nationale Wirtschaft nur auf den Beitrag der Malaien stützen, "dann stünde Malaysia heute nicht viel besser da als einige der afrikanischen Entwicklungsländer." Für diesen Satz hätte jeder andere eine Anklage wegen Aufrufs zum Rassenhass riskiert. Malaysias Gesetze erlauben keine öffentliche Debatte über solch sensible Dinge, nur Mahathir darf alle Tabus verletzen.

Hinter der Schärfe der Worte verbirgt er Enttäuschung und Verbitterung. Es gibt keine Abkürzung zum Fortschritt, das ist die Lehre aus dem Experiment Förderpolitik; Mentalität und Kultur, über Jahrhunderte gewachsen, ändern sich nicht in ein paar Jahrzehnten. Die Chinesen sind durch ihre Benachteiligung nur härter, durchsetzungsfähiger geworden. Die Malaien, sagt Mahathir, kennen keine Arbeitsethik, keinen Stolz auf Leistung. Ethnologen und Anthropologen fänden in Malaysia ein weites Studienfeld.

Mahathir hat das Scheitern der Pro-Malaien-Politik lange vor seinem Rücktritt erkannt, aber nicht die Kraft gehabt, daraus Konsequenzen zu ziehen. Mit zwei Ausnahmen: Die Quoten an den Unis werden aufgeweicht. Und an den Grundschulen wird wieder auf Englisch unterrichtet - die Kolonialsprache war früher durch Malaiisch ersetzt worden, um die nationale Identität zu fördern.

Auseinanderdriften der Ethnien

Wie schwach eine derartige Identität bisher ist, zeigt gerade die junge Generation: Das Fremdheitsgefühl zwischen den ethnischen und religiösen Communities hat zugenommen. Muslime und Hindus wollen sich keinen Schlafraum teilen. Die meisten Schulen sind faktisch mono-ethnisch geworden. Die Inder klammern sich an ärmliche, tamilischsprachige Schulen, die den Kindern keine Perspektive bieten. Nur eine winzige Minderheit im Land empfindet sich tatsächlich als "Malaysier", alle anderen sind immer zuerst Malaie, Inder, Chinese.

Seinem Nachfolger Abdullah Badawi, einem islamischen Gelehrten, hat Mahathir eine höchst undankbare Aufgabe hinterlassen: Um ein weiteres Auseinanderdriften der Ethnien zu verhindern, muss er den Malaien ihre Privilegien nehmen – und sie zugleich daran hindern, sich aus Enttäuschung den Islamisten zuzuwenden.

Zweifellos hat das Land viel erreicht. Doch Mahathirs Erfolg und sein Scheitern liegen dicht beieinander. Malaysia gilt als seltenes Beispiel für die geglückte Ehe von Islam und Fortschritt. Malaysias Chinesen waren immer klug genug, dieser Einschätzung nicht zu widersprechen.

Charlotte Wiedemann

© Qantara.de 2003

Charlotte Wiedemann lebt als freie Autorin in Berlin. Von 1999 bis 2003 war sie freiberufliche Korrespondentin in Südostasien (Woche, Weltwoche, Merian, Geo) mit Wohnsitz in Malaysia.

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