Kulturschaffende in der Türkei

Säubert Erdoğan türkische Staatstheater?

Mindestens 150 Mitarbeiter an staatlichen türkischen Bühnen wurden ohne Begründung fristlos entlassen. Und das, obwohl sie bereits Festanstellungen in Aussicht hatten. Türkische Kulturschaffende sprechen von politischer Säuberung. Einzelheiten von Pelin Ünker

"Wir sind mit großer Hoffnung ins neue Jahr gestartet, da wir erwartet haben, bald fest angestellt zu werden", klagt ein 30-jähriger Schauspieler, der vom Staatstheater ohne jede Vorwarnung entlassen wurde. Der Künstler, der anonym bleiben möchte, spielte sechs Tage die Woche, hatte Hauptrollen in zwei verschiedenen Stücken.

Sein Alltag wurde plötzlich erschüttert. "Ich wurde offensichtlich einer Sicherheitsprüfung unterzogen. Wir sind alle sehr angespannt, weil keiner weiß, was uns überhaupt zur Last gelegt wird. Diejenigen, die nicht auf der Liste standen, sind besorgt, weil es auch sie jeden Moment treffen kann."

Eine unglückliche Wendung

Dabei sollte 2020 eigentlich ein erfreuliches Jahr für die Bediensteten der staatlichen Bühnen werden - die Politik kündigte eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen an: Am 26. Dezember wurde ein Amtsblatt mit dem Titel "Änderungen der Richtlinien für die Beschäftigung von Vertragsbediensteten" publik; eine Maßnahme, die es - dem Anschein nach - ermöglichen sollte, an Staatstheatern mehr Festanstellungen zu vergeben.

"Einige unserer Künstler und technischen Angestellten haben ohne einen klaren Status (an den Staatstheatern) gearbeitet; jetzt werden sie auf vertraglicher Basis zu unserem Personal", kommentierte der Kultur- und Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy die Entscheidung. "Alle Sorgen um die Arbeitssicherheit wurden beseitigt, das Arbeitsleben unterliegt jetzt der Garantie unseres Staates", so gibt sich Ersoy gönnerhaft.

Kultur- und Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy auf der ITB in Berlin im Jahr 2019; Foto: DW
Rausschmiss unbequemer Kulturschaffender durch die Hintertür? "Alle Sorgen um die Arbeitssicherheit wurden beseitigt, das Arbeitsleben unterliegt jetzt der Garantie unseres Staates", beteuert jedenfalls Kultur- und Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy.

Folglich boten die Intendanten der Staatstheater ihren Angestellten an, sich im Zeitraum zwischen dem 26. und 30. Dezember für eine Festanstellung zu bewerben. Viele taten das, machten sich Hoffnung. Im neuen Jahr wurden sie dann böse überrascht: mindestens 150 Angestellte an Staatstheatern, Staatsopern oder im Ballett wurden fristlos entlassen, aus unbekannten Gründen.

Ein gelber Brief mit verheerender Wirkung

"Die Beschäftigung des Vertragspersonals wurde im Rahmen der Beschäftigungsbedingungen nicht vom Intendant genehmigt", lauteten die schlichten Worte in dem gelben Brief, der ihnen unerwartet in die Hand gedrückt wurde und ihre Entlassung besiegelte. Über die genauen Gründe ließ man die Theater-Angestellten jedoch vollkommen im Dunkeln.

"Vor einem Jahr wurde mir persönlich mitgeteilt, dass Vollbeschäftigungen vergeben werden. Daran habe ich dann mich voll und ganz meine Zukunftspläne ausgerichtet", beschwert sich ein Schauspieler, dessen gelber Brief ihm unmittelbar nach einem Bühnenauftritt überreicht wurde.

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