Krise der arabischen Staaten
Das Versagen der arabischen Eliten

In seinem Essay fragt der renommierte libanesische Journalist und Autor Hazem Saghieh, wie die Zukunft der arabischen Welt aussieht. Gibt es Auswege aus einer existentiell bedrohlichen Krisenhaftigkeit? 

Der Titel mag alarmistisch klingen. Und doch ist dieser Artikel ein Versuch, die unheilvollen Zeiten zu verstehen, die unsere Region durchmacht. Wir können nicht leugnen, dass das, was wir derzeit erleben, existenziell bedrohlich ist. Warum dies so ist, lässt sich an mindestens neun Faktoren festmachen. Einige davon sind Ursachen, die anderen Symptome: 

Erstens: Die Dominanz der konfessionellen und ethnischen Identitäten hat mittlerweile absurde Züge angenommen. Es gibt nur noch Sunniten und Schiiten, Araber und Kurden, Muslime und Christen... In anderen Kategorien können wir uns offenbar nicht mehr wahrnehmen. 

Diese Identitäten sind seit jeher gegen andere Identitäten gerichtet. Sie beruhen auf ausgesprochen rückständigen, regressiven und fundamentalistischen Vorstellungen. Und doch werden sie Tag für Tag genau in diese Richtung weiter gesponnen. 

Konflikte verhindern jeden wirtschaftlichen Fortschritt

Zweitens: Selbst gemeinsame ökonomische Interessen bringen keine Verbesserung unserer Lage. Stattdessen führt beispielsweise der Ölreichtum im Irak zu ständigen Machtkämpfen zwischen der Bundesregierung in Bagdad und den Kurden im Norden des Landes. 

Fassungslos macht uns auch der Streit des Libanon mit Israel um die Ausbeutung von Öl- und Erdgasvorkommen vor der Küste, der sogar Anlass zu erneuten kriegerischen Auseinandersetzungen sein könnte. Dabei wäre für den Libanon eine friedliche Einigung in diesem Konflikt wegen der bitter benötigten Erlöse sehr wichtig. 

Ein Mann demonstriert in Kairo gegen die Militärherrschaft; Foto: Picture-alliance/AP Photo/Khalil Hamra
"Bislang sind alle Versuche gescheitert, die desaströse Lage in unserer Region und in der gesamten arabischen Welt zu verbessern," schreibt Hazem Saghieh. "Alle Revolutionen wurden niedergeschlagen. In der ersten und zweiten Welle des sogenannten Arabischen Frühlings kam es zu insgesamt etwa zehn Aufständen. Es reicht heute nicht mehr, die Idee vom 'arabischen Sonderweg' als 'rassistisch' abzutun und einfach so weiterzumachen wie bisher. Sicher sollten wir uns gegen derartige Vorstellungen wehren, aber wir sollten gleichzeitig gründlicher reflektieren und neue, weniger klischeehafte Ideen entwickeln."

Im Unterschied zu anderen Teilen der Welt unternehmen wir offenbar keine Versuche, unseren Reichtum zu nutzen, um die nationale Einheit zu stärken, geschweige denn, die Kluft zwischen rivalisierenden Fraktionen zu überbrücken. Vielmehr pflegen wir intensiv die Solidarität zu unseren Familienverbänden und folgen einer ideologischen Indoktrination, die wirtschaftliche Fragen zweitrangig werden lässt und den Weg in die Selbstzerstörung einleitet. 

Drittens: Bislang sind alle Versuche gescheitert, die desaströse Lage in unserer Region und in der gesamten arabischen Welt zu verbessern. 

Alle Revolutionen wurden niedergeschlagen. In der ersten und zweiten Welle des sogenannten Arabischen Frühlings kam es zu etwa zehn Aufständen. Es reicht heute nicht mehr, die Idee vom "arabischen Sonderweg“ als "rassistisch“ abzutun und einfach so weiterzumachen wie bisher. Sicher sollten wir uns gegen derartige Vorstellungen wehren, aber wir sollten gleichzeitig gründlicher reflektieren und neue, weniger klischeehafte Ideen für eine bessere Zukunft entwickeln. 

Es liegt nicht nur an den Regimen

Es liegt nicht nur an mörderischen Regimen, wie sie der Iran und Russland unterstützen, beispielsweise dem Regime von Baschar al-Assad in Syrien, dass es keinen Wandel in der Region gibt.

Ein Beispiel: Die Libanesen haben es nicht geschafft, den Chef der libanesischen Zentralbank abzusetzen, obwohl dieser maßgeblich für die größte Bankenkrise in der Geschichte des Landes  verantwortlich ist. Drei ehemalige Energieminister, die erwiesenermaßen den erbärmlichen Zustand der Nationalen Elektrizitätsgesellschaft zu verantworten haben, konnten ihre Wahlkreise als Abgeordnete verteidigen. Das gleiche gilt für zwei ehemalige Minister, die im Zusammenhang mit der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut vorgeladen worden waren. 

Möglich wurde dies alles dank einer überzogenen Loyalität gegenüber der eigenen Konfession und einer alles überlagernden Verbundenheit mit dem eigenen Familienclan.

Der libanesische Publizist Hazem Saghieh; Foto: C. Charafeddine
"Die neue Weltordnung, die der russische Krieg gegen die Ukraine einläutet, wird die Menschenrechte weiter beschädigen," schreibt Hazem Saghieh. "Auch das treibt den Verfall der Levante voran, einer Region, die bereits jetzt unter Tyrannei und konfessionellen Streitigkeiten leidet. Gewaltsame Konflikte sowie geopolitische und wirtschaftliche Faktoren werden bis auf weiteres die Oberhand behalten." Der libanesische Publizist zeichnet ein düsteres Bild von den Zukunftsaussichten der Region.  

Offenbar können nur Bürgerkriege die Lage in unserer Region ändern. 

Viertens: Die arabische Levante erlebt den weltweit größten Aderlass an Bürgerinnen und Bürgern, die als Vertriebene, Migranten und Asylsuchende in anderen Ländern Zuflucht brauchen. 

Wegen des russischen Überfalls fliehen derzeit zwar besonders viele Menschen aus der Ukraine, aber die Massenabwanderung aus unserer Region begann bereits viel früher und ist deutlich hartnäckiger. Auch kehren diejenigen, die gegangen sind, nur selten wieder in ihre Herkunftsländer zurück. Hier bleibt kein Raum für Interpretationen: Für diese Menschen ist offenbar ein Leben in ihrer Heimatregion nicht mehr möglich! 

Weltmeister der Migration

Menschen flüchten aus der Region, weil sie dort keine Chance mehr sehen zu überleben. Vom Aufbau einer eigenen Zukunft ganz zu schweigen. Es gingen und gehen Facharbeiter, die Bildungselite und Selbstständige, die dringend benötigte Arbeitsplätze schaffen könnten. 

Fünftens: Wenn mit dem Untergang Syriens das Bindeglied verloren geht, das die arabische Levante kulturell zusammenhält, dann geht mit dem Zerfall des Libanon ein Modell verloren, mit dem die Region mit dem Rest der Welt verbunden war. Zumal dieser Zerfall ein Land trifft, das im Vergleich mit anderen Ländern der arabischen Welt relativ robuste Freiheiten genießt. 

Sechstens: Wir sind zu einer Kampfzone zwischen Iran und Israel geworden. Der Iran baut seine Macht in der Levante auf Kosten der Araber und ihrer Länder weiter aus. Israel wird im Kampf gegen die iranische Expansion unsere Länder notfalls in verbrannte Erde verwandeln. 

Siebtens: Die neue Weltordnung, die der russische Krieg gegen die Ukraine einläutet, wird die Menschenrechte weiter beschädigen. Auch das treibt den Verfall der Levante voran, einer Region, die bereits jetzt unter Tyrannei und konfessionellen Streitigkeiten leidet. Gewaltsame Konflikte sowie geopolitische und wirtschaftliche Gegensätze werden bis auf weiteres die Oberhand behalten. 

Achtens: Dass Staaten scheitern und Menschen ihre Heimat verlieren, ist historisch gesehen nicht ungewöhnlich. Normalerweise entstehen dann neue Staaten und Zugehörigkeiten. In unseren Breitengraden ist das offenbar undenkbar. Das Desinteresse der Weltmächte an unserer Region macht zudem Lösungsversuche auf internationalen Konferenzen recht unwahrscheinlich. 

Bitte nicht die Moderne verantwortlich machen

Erschwerend kommt die vorherrschende politische Kultur in der arabischen Welt hinzu: Für sie gilt die Infragestellung der nationalen Einheit gescheiterter Staaten als nahe am Hochverrat. 

Neuntens: Kein Land in der Levante ist stärker als das andere. Keine Seite sieht sich mehr in der Lage, wirksame Hilfe zu leisten als die andere. Ein Land wie der Irak, das im Grunde stark und wohlhabend ist, scheint politisch vollkommen gelähmt zu sein. Dieses Schicksal plagt eine ganze Region. Es ist ein länderübergreifendes Schicksal, das über Generationen hinweg erlitten wird. 

Dies ist meine Einschätzung der arabischen Levante, einer Region, die sich als erste in der arabischen Welt der Moderne öffnete, Schulen und Universitäten gründete, die Geisteswissenschaften entwickelte und Eliten hervorbrachte... 

Bleibt nur zu hoffen, dass wir nicht wieder die Moderne, die Schulen, die Universitäten und die Geisteswissenschaften für das verantwortlich machen, was uns plagt. 

Hazem Saghieh 

© Asharq al-Awsat / Qantara.de 2022  

Aus dem Englischen übersetzt von Peter Lammers

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