Kommentar Ursula Spuler-Stegemann

Der Zentrale Koordinierungsrat der Muslime

Der Zentrale Koordinierungsrat hat sich pünktlich zur zweiten Islamkonferenz zusammengeschlossen. Die Marburger Professorin für Islamwissenschaft, Ursula Spuler-Stegemann, kommentiert die problematische Repräsentation und Zusammensetzung des Rats.

Ursula Spuler-Stegemann; Foto: privat
Säkularen Muslimen ist diese selbsternannte Vertretung ein großes Ärgernis, meint Ursula Spuler-Stegemann

​​Mit überschwänglicher Begeisterung wurde der Öffentlichkeit die lang angekündigte Gründung des Koordinierungsrats der Muslime (KRM) als alleinige Vertretung der hiesigen Muslime präsentiert.

Das Fatale ist, dass nunmehr der Eindruck erweckt wurde, die Muslime hätten somit dem Wunsch der Bundesregierung entsprochen, sie habe endlich den immer wieder eingeforderten, kompetenten und repräsentativen Ansprechpartner, wenn es um islamische Belange gehe.

In dem Koordinierungsrat haben sich die vier großen Dachverbände - "Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion"(DITIB), "Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland", "Zentralrat der Muslime in Deutschland" (ZMD) und "Verband der Islamischen Kulturzentren" (VIKZ) - zusammengeschlossen, ohne freilich zu fusionieren.

Ausgegrenzt sind damit die etwa 500.000 Aleviten. Nicht vertreten sind ferner die meisten Sufi-Orden oder die auf dem Bildungssektor auch in Deutschland hochaktiven türkischen Fethullahçıs. Der derzeitige Sprecher des Rats ist der Zentralratsvorsitzende Dr. Ayyub Axel Köhler.

Der Koordinierungsrat erklärte, er spreche für 80 Prozent - es fällt auch die Zahl 85 Prozent - der Muslime und für mehr als 2500 Moscheen. Exakte Mitgliederzahlen seien angeblich nicht ermittelbar. Kenner der Materie kehren hingegen den Proporz um und sprechen von 10-15 Prozent.

Es kann uns nur mit Freude erfüllen, dass die meisten unserer Muslime mit dem von diesem Rat propagierten Islam nichts zu tun haben. Säkularen Muslimen ist diese selbsternannte Vertretung ein großes Ärgernis, sind doch nicht wenige von ihnen gerade vor dieser Sorte Islam hierher geflüchtet.

Ihre nicht unberechtigte Sorge ist, dass die von den Verbänden vertretene Islam-Richtung ihren Kindern im Religionsunterricht beigebracht werden könnte: auch die Forderung nach der Akzeptanz des Kopftuchs - und islamischer Kleidung - im öffentlichen Dienst steht schließlich bereits im Raum; ihr werden noch viele Forderungen folgen.

Die liberale "Initiative der säkularen und laizistischen Bürgerinnen und Bürger aus islamisch geprägten Herkunftsländern in Hessen" hat in einer Presseerklärung gegen den Rat Stellung genommen. Die "Kultur-Muslime" wehren sich endlich gegen dessen Anspruch, zu bestimmen, wer ein richtiger Muslim ist und wer nicht.

Ganz nebenbei bemerkt handelt es sich bei den Verbandsspitzen meist nicht um Theologen. Kenan Kolat, der Vorsitzende der "Türkischen Gemeinde in Deutschland" mit seinen - wie er sagt - 200.000 Mitgliedern, erklärte der "Süddeutschen Zeitung" gegenüber, sie planten, "eine eigene theologische Abteilung oder Organisation zu schaffen, die den Koran aus weltlicher Sicht interpretieren soll". Das hört sich utopisch an; man wird abwarten müssen, was daraus entsteht.

Muslimische Interessenvertretung in Europa
Eine für alle?

Große Moschee in Paris; Foto: Arian Fariborz

​​In einigen europäischen Ländern gibt es einen großen islamischen Verband, der alle Muslime vertreten soll. Dabei gibt es unterschiedliche Konzepte der Repräsentation. Ein Vergleich von Nimet Seker
Der Islam kennt keine kirchenähnlichen Strukturen. Absurd ist die Vorstellung, dass der Koordinierungsrat eine den Kirchen vergleichbare Institution sei und deshalb als Körperschaft des öffentlichen Rechts mit den entsprechenden Privilegien anerkannt werden müsse.

Dass sich zur Durchsetzung dieser Ziele ganz besonders islam- und scharia-treue Muslime einsetzen, liegt in der Natur der Sache. Allerdings haben sich dabei auch extremistische Vereinigungen wie die "Islamische Gemeinschaft Milli Görüş" (IGMG) im Islamrat angesiedelt, oder die Muslimbrüder im Zentralrat, die hierzulande als politisch Verfolgte offenbar kritiklos Aufnahme finden.

Aber auch Staatsinteressen - etwa der Türkei insbesondere über DITIB oder Irans über das Islamische Zentrum Hamburg - werden über diese Organisationen in Deutschland eingeschleust.

Die vier Mitgliedsverbände lösen einander im Halbjahres-Turnus im Vorsitz ab. Das sieht nach einer demokratischen Aufteilung aus, ist es aber nicht. Denn - wie die "Hürriyet" vom 24. April schreibt - hat DITIB das alleinige Veto-Recht. Dies wird damit begründet, dass DITIB mit 870 Moscheen die größte islamische Organisation ist. Das bedeutet nichts anderes, als dass sich die von der Türkei staatlich gesteuerte DITIB nunmehr offen den drei islamistischen Dachverbänden angeschlossen hat, zu denen sie früher auf Distanz gegangen war.

Die schrittweise Annäherung an die hochproblematische IGMG, die u.a. wegen ihrer über die letzten zehn Jahre immer wieder dokumentierten anti-jüdischen Hetze auffiel, war schon seit längerer Zeit zu beobachten, und die "Milli Gazete" hat diese Entwicklung dokumentiert.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Ministerpräsident Recep Tayyıp Erdoğan im Zuge seiner Religionspolitik konsequent auch in Deutschland die islamistischen und nationalistischen türkischen Kräfte bündelt; diese Politik schließt auch den VIKZ mit ein.

Während in der Türkei Hunderttausende auf die Straße gehen, um gegen die Kandidatur eines religiös geprägten Staatspräsidenten zu demonstrieren, der in außerordentlicher Machtfülle auch Oberbefehlshaber ist und im Verein mit dem Regierungschef gleicher islamischer Ausrichtung den Staat umgestalten könnte, werden hierzulande die islamistischen Verbände relativ unbeachtet und gänzlich ungefährdet immer forscher und fordernder.

Ursula Spuler-Stegemann

© Qantara.de 2007

Prof. Dr. Ursula Spuler-Stegemann ist Lehrbeauftragt für Türkisch als Honorar-Professorin an der Marburger Universität und Autorin von Büchern mit dem Schwerpunkt Islam in der Gegenwart.

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