Nach einer extremen Trockenheit ist nicht mehr viel übrig vom Westsee in Syrien, einst einem wichtigen Wasserreservoir.

Klimawandel und Wasserkonflikte in Syrien
Eine Region trocknet aus

Der Nordosten Syriens erlebt laut den Vereinten Nationen die schlimmste Dürre seit rund 70 Jahren. Zusätzlich zum Klimawandel gefährdet der Konflikt mit der Türkei die Wasser- und Stromversorgung für Millionen von Menschen. Von Daniela Sala, Bart von Laffert und Shaveen Mohammad

Die September-Sonne steht tief über dem alten Olivenhain, während Ahmad Mahmoud Alahri nachdenklich von einem Baum zum nächsten schreitet. Der 52-Jährige bricht ein trockenes Stück Holz von einem Baum ab und lässt es auf den staubig grauen Boden fallen. "Zusammen mit meinem Bruder habe ich hier einmal 8000 Bäume gepflanzt. Wir hatten nicht nur Oliven, sondern auch Zitronenbäume und Weinreben," erinnert sich Alahri.

"Als der IS hier geherrscht hat und uns das Wasser abschnitt, um uns gefügig zu machen, und als dann 3000 unserer Bäume abstarben, dachten wir: Schlimmer kann es nicht werden." Doch in diesem Jahr seien weitere 3000 Bäume verdorrt, erzählt Alahri. "Weil wir kein Wasser haben."

Dabei sind es vom 1000-Einwohner-Dorf Ayid Saghir, in dem Alahri lebt, nur drei Kilometer bis zur Tabqa-Talsperre am Euphrat, dem größten Fluss Syriens. Der Assad-Stausee vor der Talsperre lässt sich sogar von Alahris Olivenhain aus in der Ferne erkennen - oder besser: das, was von dem See noch übrigblieb.

Seit 2020 ist das Niveau des Assad-Sees um sechs Meter gesunken. Der Wasserstand des Euphrat ist so niedrig, dass die Pumpstationen, die die umliegenden Dörfer und Felder versorgen sollen, nicht mehr an das Flusswasser heranreichen. Laut dem Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) waren 2021 etwa ein Drittel der rund 200 Pumpen entlang des Euphrats durch den niedrigen Wasserstand beeinträchtigt. Mehr als fünf Millionen Menschen in der Region hatten laut UN- Angaben keinen ausreichenden Zugang zu Wasser.

Olivenbauer Ahmad Mahmoud Alahri hat rund 3.000 Bäume wegen der Dürre in diesem Jahr verloren (Foto: Daniela Sala/DW)
3000 Bäume sind Olivenbauer Ahmad Mahmoud Alahri in diesem Jahr verdorrt. "Weil wir kein Wasser haben." Der Nahe Osten ist besonders hart vom Klimawandel betroffen. Die Regensaison in Syrien setzte im Winter 2020/2021 erst mit zwei Monaten Verspätung ein und endete im Frühling 2021 zwei Monate früher als üblich, wie die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) berichtet. Zudem habe extreme Hitze im April vielerorts die Ernte beeinträchtigt. Im Sommer litt das Land laut OCHA dann unter der schlimmsten Dürre seit 70 Jahren. Die UN-Organisation rechnet mit Ernteeinbußen von mindestens 75 Prozent im Feldanbau und bis zu 25 Prozent bei den bewässerten Kulturen im gesamten Nordosten Syriens.

Klimawandel und geopolitische Spannungen
 

Die Wasserkrise im Nordosten Syriens hat vor allem zwei Ursachen: Der Nahe Osten ist eine der Regionen, die weltweit am schlimmsten von der Klimakrise betroffen sind. So setzte die Regensaison in Syrien im Winter 2020/2021 erst mit zwei Monaten Verspätung ein und endete im Frühling 2021 zwei Monate früher als üblich, wie die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) berichtet. Zudem habe extreme Hitze im April vielerorts die Ernte beeinträchtigt. Im Sommer litt das Land laut OCHA dann unter der schlimmsten Dürre seit 70 Jahren. Die UN-Organisation rechnet mit Ernteeinbußen von mindestens 75 Prozent im Feldanbau und bis zu 25 Prozent bei den bewässerten Kulturen im gesamten Nordosten Syriens.

Der zweite Grund: Aus der Türkei kommt nicht mehr genügend Euphrat-Wasser in Syrien an. "Der unzureichende Wasserdurchfluss des Euphrat hat direkte Auswirkungen auf das tägliche Leben von Millionen von Menschen. In mindestens drei Regierungsbezirken in Syrien wird das Trinkwasser knapp: in Deir-ez-Zor, Rakka und Aleppo", sagt Bo Viktor Nylund, Repräsentant des UN-Kinderhilfswerks UNICEF in Syrien, der Deutschen Welle. "Wir brauchen dringend ein Gespräch auf regionaler Ebene, um so schnell wie möglich eine Lösung zu finden".

Der Euphrat fließt durch drei Länder: die Türkei, Syrien und den Irak. Auf türkischer Seite wird er durch den Atatürk-Damm gestaut. Nach Fertigstellung des Staudamms 1987 verpflichtete sich die Türkei, "im Jahresdurchschnitt mehr als 500 Kubikmeter pro Sekunde" an Euphratwasser nach Syrien durchzulassen. Doch in den vergangenen Monaten kam immer weniger Wasser in Syrien an - im Juni nur noch knapp 215 Kubikmeter pro Sekunde.

Gräbt die Türkei Syrien das Wasser ab?
 

Für Bauer Ahmad Mahmoud Alahri trägt die Türkei die Hauptschuld an der fatalen Situation. "Die Türkei will uns austrocknen, da gibt es keinen Unterschied zum IS", sagt er. Fast drei Jahre lang hatte der sogenannte "Islamische Staat" im Dorf Ayid Saghir das Sagen, bevor das kurdisch geführte Kampfbündnis SDF (Syrian Democratic Forces) die Islamisten 2017 aus der Region vertrieb.

Seitdem gilt die Region als "Autonome Selbstverwaltung Nord und Ostsyrien" (AANES) und untersteht der Führung der kurdischen PYD-Partei. Die Türkei unterstellt der PYD, der syrische Arm der kurdischen Arbeiterpartei PKK zu sein und bekämpft sie als Terrororganisation.

Wie Alahri glauben viele Menschen in Ayid Saghir, dass die Türkei das Wasser absichtlich zurückhält. Belegen lasse sich das aber nicht, sagt Bo Viktor Nylund. "Wir sehen, dass das Wasser stark zurückgegangen ist, aber wir müssen näher analysieren, warum die Wasserstände so niedrig sind." Das türkische Außenministerium ließ mehrere Anfragen der Deutschen Welle zu diesem Thema unbeantwortet.

Ein türkischer Leopard-Panzer in Nordsyrien (Foto: picture-alliance/dpa/Xinhua)
Gräbt die Türkei der Autonomen Kurdenregion in Nordostsyrien das Wasser ab? Im Oktober 2019 war die türkische Armee in Nordsyrien eingedrungen und hatte eine 30 Kilometer breite "Pufferzone" geschaffen - angeblich, um Terrorakte zu verhindern. In dieser Zone liegt auch die Pumpstation Alouk. Zwar ist sie derzeit in Betrieb, aber seit Januar 2021 lief die Wasserstation an fast 90 Tagen gar nicht und an mehr als 140 Tagen arbeitete sie nur mit der Hälfte ihrer Kapazität. Erst seit Ende September laufen die Pumpen wieder ohne größere Zwischenfälle. Die Türkei gibt der Autonomen Selbstverwaltung Nordostsyriens die Schuld für die Unterbrechungen. Die AANES kappe immer wieder die Stromversorgung der Station, heißt es aus Ankara. Versuche, Alouk unter eine neutrale Verwaltung, etwa durch die Vereinten Nationen zu stellen, scheiterten bislang.

Krankheiten und Stromausfälle
 

Klar ist: Das Niedrigwasser hat nicht nur gravierende Folgen für die Landwirtschaft. Laut UNICEF führt die schlechte Wasserqualität zu deutlich mehr Krankheiten wie etwa Durchfall, insbesondere bei Kindern. Außerdem gefährdeten die niedrigen Pegelstände die Stromversorgung. Rund drei Millionen Menschen in Nordostsyrien beziehen ihre Elektrizität vor allem über drei Wasserkraftwerke am Euphrat.

Noch schlimmer ist die Wasserkrise in der Region Hasaka, rund 200 Kilometer Luftlinie östlich von Ayid Saghir. Einst wurde Hasaka der "Brotkorb von Syrien" genannt - rund die Hälfte des syrischen Getreides stammte von hier. Heute sind die Stauseen im Norden der Regionalhauptstadt al-Hasaka zu großen Pfützen zusammengeschrumpft, in denen junge Männer mit bloßen Händen Fische fangen. Der Stadtfluss Khabur, von der Stadtverwaltung eigentlich für die Trinkwasserversorgung vorgesehen, ist wegen des ausbleibenden Regens ausgetrocknet. Alles was den Menschen in al-Hasaka derzeit bleibt, ist die Wasserpumpstation Alouk nahe der türkischen Grenze. Doch das Wasserwerk, das mehr als 460.000 Menschen mit Trinkwasser versorgt, funktioniert seit zwei Jahren nur noch mit Unterbrechungen.

Streit um das Wasserwerk Alouk
 

"Die Situation ist besonders angespannt, seitdem die Türkei 2019 Serê Kaniyê (Arabisch: Ras al Ain) besetzt und die Kontrolle über Alouk übernommen hat", sagt Majda Emin. Vor dem Krieg war sie Lehrerin, heute ist sie Co-Vorsitzende der Stadt al-Hasaka, also eine Art Vize-Bürgermeisterin. "Die Türkei will uns in die Knie zwingen."

Im Oktober 2019 war die türkische Armee in Nordsyrien eingedrungen und hatte eine 30 Kilometer breite "Pufferzone" geschaffen - angeblich, um Terrorakte zu verhindern. In dieser Zone liegt auch die Pumpstation Alouk. Zwar ist sie derzeit in Betrieb, aber seit Januar lief die Wasserstation an fast 90 Tagen gar nicht und an mehr als 140 Tagen arbeitete sie nur mit der Hälfte ihrer Kapazität. Erst seit Ende September laufen die Pumpen wieder ohne größere Zwischenfälle.

Die Türkei gibt der Autonomen Selbstverwaltung Nordostsyriens die Schuld für die Unterbrechungen. Die AANES kappe immer wieder die Stromversorgung der Station, heißt es aus Ankara. Versuche, Alouk unter eine neutrale Verwaltung, etwa durch die Vereinten Nationen zu stellen, scheiterten bislang. Auch UNICEF habe keinen direkten Zugang zu dem Wasserwerk, sagt Bo Viktor Nylund.

Die Menschen in al-Hasaka beziehen ihr Trinkwasser nun aus großen Wassertanks, die auf Lastwagen in die Stadt gebracht werden. Doch das Wasser ist teuer: 1000 Liter kosten rund 6000 Lira, also etwas mehr als zwei Euro, - viel Geld in einer Region, in der das Durchschnittsgehalt bei umgerechnet gerade einmal bei etwa 52 Euro im Monat liegt.

Mohammed Abdo und seine Familie fühlen sich von der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen; Foto: Daniela Sala/DW
Wasser wird zum Luxus: "Unsere Familie ist auf das Gehalt unseres Sohnes angewiesen. Er verdient als Fahrer beim Militär 250.000 Lira (ca. 88 Euro) im Monat. Und jetzt müssen wir jeden Monat 60.000 Lira für Wasser ausgeben - und das Wasser reicht kaum aus", sagt Mohammed Abdo, Vorsitzender im lokalen Bezirksrat. "Wir wurden vergessen, keiner hilft uns, keine Hilfsorganisation - niemand", klagt er. Abdo ist wütend - auf die Stadtverwaltung, auf die Internationale Gemeinschaft, aber am meisten auf die Türkei. "Wenn sie kämpfen wollen, sollten sie das an der Front tun, aber nicht Wasser als Waffe nutzen", sagt er. "Das hier ist kein Leben. Sie bringen uns um - nur eben langsam."

Ein Viertel des Monatslohns für Wasser
 

"Unsere Familie ist auf das Gehalt unseres Sohnes angewiesen. Er verdient als Fahrer beim Militär 250.000 Lira (ca. 88 Euro) im Monat. Und jetzt müssen wir jeden Monat 60.000 Lira für Wasser ausgeben - und das Wasser reicht kaum aus", sagt Mohammed Abdo.

Der 60-Jährige lebt im Viertel Khashman. Seit einigen Monaten ist er Vorsitzender im lokalen Bezirksrat. Viele Bewohner von Khashman seien verzweifelt, weil ihre Felder völlig vertrocknet seien, erzählt Abdo.

"Wir wurden vergessen, keiner hilft uns, keine Hilfsorganisation - niemand", klagt er. Abdo ist wütend - auf die Stadtverwaltung, auf die Internationale Gemeinschaft, aber am meisten auf die Türkei. "Wenn sie kämpfen wollen, sollten sie das an der Front tun, aber nicht Wasser als Waffe nutzen", sagt er. "Das hier ist kein Leben. Sie bringen uns um - nur eben langsam."

Daniela Sala, Bart von Laffert & Shaveen Mohammad

© Deutsche Welle 2021

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