Klimawandel und Energiepolitik des Westens

Ressourcenraub kennt keine Grenzen

Der ungehinderte Fluss billiger natürlicher Ressourcen aus dem südlichen Teil der Welt in den reichen industrialisierten Norden sorgt dafür, dass eine zutiefst ungerechte internationale Arbeitsteilung bestehen bleibt, meint der algerische Umweltaktivist Hamza Hamchouene.

Wenn wir Nachrichten über Projekte erneuerbarer Energien hören, gehen wir oft davon aus, dass dabei alles eitel Sonnenschein ist – und das ist auch verzeihlich. Kratzt man aber bei Begriffen wie "sauber", "glänzend" oder "Kohlenstoffdioxideinsparung" etwas mehr an der Oberfläche, kommt man zu einem ganz anderen Eindruck. Man sieht, wie sich das Großkapital in den südlichen Ländern die Nutzungsrechte für Land und Ressourcen aneignet, um die Energieversorgung des Nordens zu sichern.

Ein Beispiel ist das TuNur-Solarprojekt in Tunesien, ein gemeinsames Projekt des britischen Solarentwicklers Nur Energy und einer Gruppe maltesischer und tunesischer Investoren im Öl- und Gassektor. Im vergangenen Juli hatte das Unternehmen beim tunesischen Ministerium für Energie, Bergbau und Erneuerbare Energien einen Antrag zur Genehmigung eines Solarprojekts mit einer Kapazität von 4,5 GW gestellt, dessen Erträge explizit für den Export bestimmt sind.

Wie Desertec und die Ouarzazate-Solaranlage in Marokko stellt dieses neue Projekt einen Raub erneuerbarer Energien dar, der unter den englischen Begriff "Green Grabbing" fällt: die Aneignung von Flächen und Ressourcen für angeblich ökologische Zwecke. In diesem Fall gehört dazu der massive Verbrauch von Land (10.000 Hektar) und Wasser, um die Solarmodule in den trockenen und halbtrockenen Gebieten zu kühlen, bevor die Energie nach Großbritannien und Kontinentaleuropa exportiert wird.

Angesichts der Tatsache, dass Tunesien gegenwärtig unter massiven Stromausfällen leidet und die Energieversorgung des Landes von seinem Nachbarn Algerien abhängt, wäre es skandalös und ungerecht, Energie zu exportieren, ohne die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung zu berücksichtigen.

Erzwungene Liberalisierung und Kampf um Ressourcen

Solche Megaprojekte müssen wir unter dem Gesichtspunkt regional erzwungener Handelsliberalisierung sowie eines Wettlaufs um Einfluss und Energieressourcen betrachten. Sie werden in erster Linie (von den Europäern selbst) ins Leben gerufen, um den europäischen Diversifizierungsbedarf im Energiebereich zu befriedigen und die Abhängigkeit des Kontinents von Russland zu verringern – und um dazu beizutragen, seine CO2-Reduktionsziele zu erreichen. Und welche Region könnte dazu wohl besser geeignet sein als Nord- und Westafrika: ein Gebiet, das reich an natürlichen Ressourcen ist – von fossilen Energien bis hin zu Sonne und Wind.

Infografik Sonnen- und Windenergie aus Nordafrika und dem Nahen Osten; Quelle: DW
Es scheint, dass direkt vor unseren Augen das Muster der Kolonialisierung wieder auftaucht: der ungehinderte Fluss billiger natürlicher Ressourcen aus dem südlichen Teil der Welt in den reichen industrialisierten Norden, der dafür sorgt, dass eine zutiefst ungerechte internationale Arbeitsteilung weiter bestehen bleibt. Interessanterweise gehen die Energieströme nach Europa dieselben Wege wie die afrikanischen Migranten. Die "Festung Europa" baut Mauern und Zäune, um Menschen davon abzuhalten, eine sichere Zuflucht zu erreichen, aber wenn es darum geht, Ressourcen zu rauben, akzeptiert sie keine Grenzen.

Die Sahara wird gewöhnlich als riesiger, öder Landstrich wahrgenommen, der dünn besiedelt und "entwicklungsbedürftig" ist. Diese Sichtweise bietet den Europäern eine ideale Gelegenheit, ihre extravagante Konsumorientierung beizubehalten und auf Kosten der südlichen Länder weiterhin Energie zu verschwenden. Bezeichnet man die südlichen Länder und Regionen als Objekte für Entwicklung, erinnert dies an den Begriff der "Zivilisierungsmission", der während der Kolonialzeit zur massenhaften Enteignung sowie zur Kontrolle der Bevölkerung und ihres Umfelds verwendet wurde.

Es scheint, dass direkt vor unseren Augen das ganze Muster der Kolonialisierung wieder auftaucht: der ungehinderte Fluss billiger natürlicher Ressourcen aus dem südlichen Teil der Welt in den reichen industrialisierten Norden, der dafür sorgt, dass eine zutiefst ungerechte internationale Arbeitsteilung weiter bestehen bleibt.

Interessanterweise gehen die Energieströme nach Europa dieselben Wege wie die afrikanischen Migranten. Die "Festung Europa" baut Mauern und Zäune, um Menschen davon abzuhalten, eine sichere Zuflucht zu erreichen, aber wenn es darum geht, Ressourcen zu rauben, akzeptiert sie keine Grenzen.

Plünderei unter dem Deckmantel der "Nachhaltigkeit"

Großbritannien und die EU versuchen mit ihrer Außenpolitik, die nordafrikanischen Energieressourcen (darunter auch die erneuerbaren) an das europäische Stromnetz zu ketten – eine Politik, die erheblich von den Interessen des Militärs und der Konzerne bestimmt ist. Dabei standen immer schon die Interessen und die "Energiesicherheit" der EU im Vordergrund, und die Wünsche der Menschen in der Region wurden meist völlig ignoriert.

Projekte wie TuNur werden als Lösungen für die Umwelt- und Klimakrise verkauft, aber in Wirklichkeit sind sie hohle, technokratische Ablenkungsmanöver. Sie versprechen, diese Probleme zu lösen, ohne etwas grundlegend ändern zu müssen. Der Status Quo und die Widersprüche des globalen Systems, die die Ursache dieser Krisen sind, können entsprechend dieser Auffassung einfach so fortexistieren.Große, auf technische Machbarkeit setzende "Lösungen" wie Desertec, TuNur und Ouarzazate neigen dazu, den Klimawandel als ein gemeinsames Problem ohne jeden politischen oder sozioökonomischen Zusammenhang zu betrachten. Diese Sichtweise verschleiert die historische Verantwortung des industrialisierten Nordens, die Probleme des kapitalistischen Energiemodells und die Verletzlichkeit der Länder des Nordens und des Südens.

Nordafrika ist eine der Regionen, die am stärksten unter der globalen Erwärmung leiden. Besonders betroffen sind davon die regionalen Wasserreserven. Sollten sich Solarenergie-Initiativen weiter ausbreiten, die diese immer knapperen Ressourcen ausplündern, wäre dies eine große Ungerechtigkeit.

Dürrekatastrophe im Norden Kenia; Foto: picture-alliance/dpa
Oft wird behauptet, bei der Klimakatastrophe säßen "alle in einem Boot", doch dies ist in vielerlei Hinsicht nicht wahr. Die Bevölkerungen des globalen Südens sind als erste und am nachhaltigsten hiervon betroffen. Darüber hinaus werden so die Rolle des Neokolonialismus sowie die gravierenden Ungerechtigkeiten verschleiert, für die sie stehen. Diese reichen von Landraub über Vertreibung bis hin zu der Tatsache, dass den Bevölkerungen der Zugang zu den natürlichen Ressourcen und der Energiequellen ihres eigenen Landes systematisch verweigert werden.

Oft wird behauptet, bei der Klimakatastrophe säßen wir "alle in einem Boot", doch dies ist in vielerlei Hinsicht nicht wahr. Die Bevölkerungen des globalen Südens sind als erste und am nachhaltigsten hiervon betroffen. Darüber hinaus werden so die Rolle des Neokolonialismus sowie die gravierenden Ungerechtigkeiten verschleiert, für die sie stehen. Diese reichen von Landraub über Vertreibung bis hin zu der Tatsache, dass den Bevölkerungen der Zugang zu den natürlichen Ressourcen und der Energiequellen ihres eigenen Landes systematisch verweigert werden.

Solche Megaprojekte und die angeblich guten Absichten, die dahinter stehen, sollte man daher sehr kritisch betrachten, da sie oft die diversen Mechanismen der Ausbeutung und des Landraubs ausblenden. Wichtig sind daher grundsätzliche Fragen wie: Wem gehört was? Wer tut was? Wer bekommt was? Wer gewinnt und wer verliert? Und wessen Interessen werden bedient?

Gerechtigkeit und Volkssouveränität

Legt man diese Kriterien in Hinblick auf Verteilungsgerechtigkeit, Rasse, Klasse und Geschlecht an, ergibt sich eine ganze Reihe von Parallelen zwischen "grünen Projekten" und den noch zerstörerischeren Industrien zur Rohstoffförderung – an deren Stelle sie treten sollen. Beide verweigern den Menschen die Kontrolle und den Zugriff auf ihr Land, berauben sie ihrer Ressourcen und konzentrieren die so geschaffenen Erträge in den Händen in- und ausländischer Eliten und Privatunternehmen.

Bei den arabischen Aufständen, die 2010 in Tunesien begannen, ging es um Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit und nationale Würde. Projekte wie TuNur stehen zu diesen Forderungen in krassem Gegensatz. Um gerechte und wirklich ökologisch sinnvolle Projekte durchführen zu können, die die Zukunft der Menschen und des Planeten sichern, müssen wir die Natur wieder aus den Klauen des Großkapitals befreien und erneut über Gerechtigkeit, Volkssouveränität und Gemeinwohl diskutieren.

Die Energieautonomie lokaler Gemeinschaften und die demokratische Mitbestimmung der Bevölkerung muss Vorrang gegenüber einer Marktlogik haben, die unser Land und unseren Lebenserwerb als wohlfeiles Gut betrachtet, das an den Meistbietenden verkauft wird.

Hamza Hamouchene

© Open Democracy 2017

Hamza Hamouchene ist ein algerischer Aktivist, Schriftsteller und Gründungsmitglied von "Algeria Solidarity Campaign" (ASC) und "Environmental Justice North Africa" (EJNA) in London.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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Leserkommentare zum Artikel: Ressourcenraub kennt keine Grenzen

Und wo ist die Verantwortung der herrschenden Klasse in den südlichen Ländern?
Wenn westliche Investitionen geleistet werden, sollte der rechtliche Rahmen dafür sorgen, dass wirklich beide Seiten davon profitieren. Wer hindert die Entscheidungsträger daran wasserdichte Verträge zum Nutzen des eigenen Volkes zu schließen? Vielleicht stehen dem Partikularinteressen der Eliten im Weg? Ich will hier nicht dem Vorurteil vom korrupten afrikanischen Despoten Vorschub leisten, aber die Verantwortung immer nur den neokolonialen Mächten zuzuschieben, kommt auch wieder einer Entmündigung bzw. einer Verfestigung von asymmetrischen Machtverhältnissen gleich. Entscheidend wird sein, dass diese ausgebeuteten Länder auf gleicher Augenhöhe mitspielen können. Wenn wir eine gerechtere Welt wollen: was können wir aus den Machtzentren der Welt tun?

Christoph17.11.2017 | 21:08 Uhr

Mit allem Respekt: Diese Vorwürfe sind unsinnig.Hat denn irgend jemand Tunesien verboten, ein Solarkraftwerk für den Eigenbedarf zu errichten? Nein, man nutzt deshalb algerisches Erdgas, weil es billiger ist. Der Wasserbedarf des Nour-Projekts in Marokko (welches ins marokkanische Netz einspeist), liegt bei etwa 1% der Füllmenge des Réservoirs von Ouarzazate, durch natürliche Verdunstung geht viel mehr verloren. Wenn man die Logik des Autors zuende denkt, müsste Nordafrika erst mal seine Exporte von Nahrungsmitteln einstellen, dafür wird wesentlich mehr Land und Wasser gebraucht. Solarenergie kann man nicht rauben - entweder sie wird instantan genutzt oder ist weg.

KristIan Wolf18.11.2017 | 06:28 Uhr