Die letzte FIT-Aktion 2020 am 25. Dezember zog viele junge Israelis an; Foto: Khalil Myroad

Junge Israelis und Corona
Genug vom Lockdown oder genug von Netanyahu?

„FIT TLV“ ist eine Initiative von jungen Menschen aus Tel Aviv. Gemeinsam fahren sie freitags mit Fahrrädern, Inlinern oder auf Skateboards durch die israelische Stadt und umgehen so die Corona-Beschränkungen. „Free. Individuals. Together“ ist aber auch eine Rebellion der Jugend gegen die Politik der Regierung Netanjahu. Von Djamilia Prange de Oliveira

“Es ist keine Demonstration, aber trotzdem politisch. Wir sind junge Menschen, die Spaß haben wollen. Wir müssen wieder glückliche Gesichter sehen“, sagt Gaya Cohen, eine der Organisatoren von FIT TLV. Was als Marathon auf Rädern begann, ist mittlerweile ein kleines Festival, das trotz Verstoß gegen die Corona-Regelungen regelmäßig stattfindet. Ungefähr 1000 Menschen nahmen an der letzten Veranstaltung des Jahres 2020 im Dezember teil, die von DJs der Tel Aviver Partyszene musikalisch begleitet wurde. Unterbrochen vom nächsten Lockdown musste FIT TLV eine Pause einlegen. Am 12. Februar ging es dann wieder los.

Alles begann mit der Idee eines gemeinsamen Marathon während des zweiten landesweiten Lockdowns an Rosh Hashana, dem jüdischen Neujahrsfest. Ein weiteres Mal war das Leben in Tel Aviv angesichts steigender Covid-19 Fälle stillgelegt worden. Geschäfte, die den ersten Lockdown überlebt hatten, gingen pleite und soziale Kontakte wurden auf ein Minimum reduziert.

Da Einzelsportarten weiterhin erlaubt blieben, öffnete sich für viele Sonnenhungrige eine Hintertür. Junge Tel Aviver holten ihre verstaubten Surfbretter und Skateboards aus dem Keller und machten sich auf zum Strand. Sie radelten, skateten und dehnten sich, sobald die Polizei in Sicht war.

Sehnsucht nach sozialen Kontakten

“Die Leute dürsten danach, sich wieder zu begegnen, und im Sport besteht im Moment die einzige Möglichkeit“, erzählt Gaya bei einer Telefonkonferenz. Was als Marathon begann, wurde immer größer und wurde zunehmend zu einer Explosion bislang unterdrückter Gefühle.

Je mehr Menschen dazukamen, desto mehr verlangten sie nach sozialen Kontakten. Der Marathon, dessen eigentliche Idee es war, sich gemeinsam, aber individuell sportlich zu betätigen, überschritt schnell die Grenzen des Erlaubten. Der Marathon bewegte sich entlang einer Linie zwischen Verantwortungsbewussten und Verantwortungslosigkeit, zwischen moralisch korrektem und moralisch fragwürdigem Verhalten während einer Pandemie.

Gemischte Gefühle kommen in mir auf, als ich mir die Videos von FIT TLV auf Instagram anschaue. Da ist einerseits die Angst, etwas zu verpassen und gleichzeitig aber auch Besorgnis - vor der nächsten Welle, der nächsten mutierten Corona-Variante, dem nächsten Lockdown. Wer würde jetzt nicht gerne feiern? Wenn ich meinen Freunden in Deutschland die Videos zeige, reagieren viele besorgt und ziehen Parallelen zu den Querdenker-Demonstrationen in Deutschland.

Zwei Wochen nach dem Telefonat mit Aktivistin Gaya Cohen verhängt Israel im Dezember 2020 den dritten nationalen Lockdown. Das waren nur zwei Tage nach der letzten FIT TLV-Aktion des Jahres 2020, die landesweit Schlagzeilen machte: „Als ob es kein Corona gäbe: Unzählige nehmen an einer Party im Hayarkon Park in Tel Aviv teil“, titelte etwa das israelische Newsportal mako.

„Eigentlich ist es Aktion, die einfach demonstrieren will, dass wir die Gesichter von Menschen sehen müssen. Wir müssen Menschen lächeln sehen, wir müssen gemeinsam tanzen. Wir radeln für unsere Seele!“, sagt Gaya.

Die Aktionen von FIT kommen bei den Einwohnern von Tel Aviv gut an. Das Feedback ist überwiegend positiv und die Bewegung wird von Woche zu Woche stärker. Hunderte hatten Wochen zuvor bei Facebook ihre Teilnahme an der nächsten und ersten FIT 2021 am 12. Februar zugesagt; es wurden dann weitaus mehr.

Auf FIT’s Instagram-Seite sieht man lachende Gesichter, Menschen, die zu fröhlicher Musik tanzen, die radeln und schreien. Die Bilder zeigen blauen Himmel, Sonnenschein, junge Menschen in T-Shirts und Shorts. Jedes Mal, wenn der Marathon eine Pause einlegt, wird der Stopp zur Party, und wenn er endet, geht niemand nach Hause. Die wenigsten Teilnehmerinnen und Teilnehmer tragen eine Maske, obwohl eine Maske in Israel außerhalb der eigenen vier Wände Pflicht ist. Aber nach einem weit verbreiteten Gerücht, würde die Maskenpflicht nicht für den Outdoor-Sport gelten. Man sucht sich seine Hintertürchen.

Eine der Organisatoren von FIT TLV, Gaya Cohen; Foto: Khalil Myroad
“Es ist keine Demonstration, aber trotzdem politisch.“ Jung, säkular und häufig Selbstständige, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den FIT-Aktionen wurden hart von der Corona-Pandemie getroffen. So wie Gaya Cohen. Vor COVID-19 arbeitete sie als selbstständige Fitness-Trainerin und als Kellnerin in einem Restaurant. Das Restaurant ist jetzt geschlossen und die meisten ihrer Gruppen haben das Fitness-Training eingestellt. „Die Geldsorgen stressen mich ununterbrochen, ich leide sehr darunter“, gesteht sie. Die finanzielle Unterstützung, die sie von der Regierung bekommt, kann ihre Lebenshaltungskosten in Tel Aviv, das an fünfter Stelle im Ranking der weltweit teuersten Städte steht, nicht decken.

Ein Land im Krisenmodus

Nach fast einem Jahr wollen junge Israelis endlich trotz Risiken wieder Gleichaltrige treffen. Die rebellische Atmosphäre ist typisch für das Land im ständigen Krisenmodus. Aber es liegt nicht nur an der lockeren israelischen Mentalität, dass Regeln und Lockdown weniger ernst genommen werden als zum Beispiel in Deutschland.

Es hat auch politische Gründe; die Ursachen für diese rebellische Haltung sind mit dem Kontext der Coronavirus- Krise in der israelischen Politik verbunden und deshalb ist auch FIT ein politisches Phänomen. Mehr als das: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von FIT repräsentieren die ungehörten Stimmen einer jungen Generation.

Seit dem Frühling letzten Jahres finden regelmäßig Anti-Regierungs-Proteste vor der Residenz von Premierminister Benjamin Netanyahu in der Balfour Straße in Jerusalem statt. Diese Demonstrationen sind von Woche zu Woche größer geworden. Als die Regierung versuchte, sie zu unterbinden, indem sie die Bewegungsfreiheit der Bürger während des zweiten Lockdown seit Mitte September 2020 auf einen Radius von 1000 Metern um ihr Zuhause begrenzte, führte das zu neuen Protesten Demonstrationen im ganzen Land.

Zunehmende Polizeigewalt, staatliche Überwachung und vier Wahlen innerhalb von zwei Jahren haben dafür gesorgt, dass Israelis das Vertrauen in ihre Institutionen zunehmend verlieren. Das spiegelt sich im Verhalten der Bürger in der Corona-Pandemie wider, hier herrscht Chaos, oder Balagan, wie man in Israel sagt.

Während in Deutschland Proteste gegen die Corona-Regeln der Regierenden von rechtsextremen Parteien wie der AfD und NPD unterstützt und die Teilnehmenden als Rechtsradikale, Verschwörungstheoretiker und Corona-Leugner eingestuft werden, ist es in Israel die liberale bzw. linke Opposition, die sich gegen ihre Regierung auflehnt.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von FIT gehören zu dieser Opposition: Sie sind säkular, jung und häufig Selbstständige, die von der Corona-Krise besonders hart getroffen wurden.

So wie Gaya. Vor COVID-19 arbeitete sie als selbstständige Fitness-Trainerin und als Kellnerin in einem Restaurant. Das Restaurant ist jetzt geschlossen und die meisten ihrer Gruppen haben das Fitness-Training eingestellt. „Die Geldsorgen stressen mich ununterbrochen, ich leide sehr darunter“, gesteht sie. Die finanzielle Unterstützung, die sie von der Regierung bekommt, kann ihre Lebenshaltungskosten in Tel Aviv, das an fünfter Stelle im Ranking der weltweit teuersten Städte steht, nicht decken.

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