Jugend und Protest in Ägypten

Der kurze Sommer der Arabellion

Anfang 2011 gab es einen Hoffnungsschimmer: Junge Menschen in Ägypten und anderen arabischen Ländern revoltierten im arabischen Frühling gegen die bestehenden Verhältnisse und forderten Veränderungen. Es schien, als würde alles besser werden. Sechs Jahre später ist die Stimmung in Ägypten jedoch düster. Von Basma El-Mahdy

2011 gingen junge Ägypter auf die Straße und stürzten schließlich Präsident Hosni Mubarak, der das Land drei Jahrzehnte lang autokratisch regiert hatte. Die junge Generation galt als "Hauptakteur" in dieser weitgehend gewaltlosen Revolution. Die Aktivisten glaubten, Demokratie würde die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung verbessern und Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit wären passé. Am 28. Februar 2011 feierte das Cover Time Magazin: "Die Generation, die die Welt verändert".

Das war damals. Heute sind die Menschen bedrückt statt euphorisch – und ökonomisch fühlt sich die junge Generation weiterhin benachteiligt.

Nach einer Übergangszeit wurden 2012 Wahlen in Ägypten abgehalten. Mohammed Mursi, der Kandidat der Muslimbruderschaft, wurde der erste gewählte Präsident des Landes. Er schaffte es nicht, die wirtschaftliche Lage zu verbessern, schien aber sehr bemüht, den Einfluss seiner Partei zu stärken. Im Sommer 2013 wurde er – ein Jahr nach Amtsantritt – bei einem Militärputsch entmachtet.

General, Putschist, Diktator

Cover Time Magazin "The generation changing the world"
Desillusionierung statt Zuversicht: Am 28. Februar 2011 feierte das Time Magazine in der Cover-Geschichte "Die Generation, die die Welt verändert". Das war damals. Heute sind die Menschen bedrückt statt euphorisch – und ökonomisch fühlt sich die junge Generation weiterhin benachteiligt.

Der neue Präsident des Landes ist Abdel-Fattah al-Sisi , der General, der den Putsch angeführt hatte. Später wurde al-Sisi im Amt bestätigt – bei Wahlen, die weder frei noch gerecht waren, denn die Muslimbruderschaft wurde verboten. Bei früheren Wahlen war sie die stärkste politische Kraft im Land gewesen, das Militär hält sie aber für eine terroristische Organisation. Al-Sisi ging von Anfang an repressiv vor. Mittlerweile schränkt er die Freiheit der Bürger mehr ein, als Mubarak es tat.

Diejenigen, die 2011 auf die Straße gegangen sind, unterstützen weder die Muslimbruderschaft noch das Militär. Was sie wollten, haben Sie nicht erreicht: eine freie Gesellschaft, in der jeder eine Chance hat.

Al-Sisi möchte die junge Generation für sich gewinnen. Er erklärte 2016 zum "Jahr der ägyptischen Jugend" und versprach, verschiedene Programme zur Verbesserung von Bildung und wirtschaftlichen Perspektiven zu starten.

Diese Ankündigung fiel mit der Einführung der so genannten Knowledge Bank zusammen, einem staatlichen Projekt, das freien Zugang zu pädagogischen Online-Angeboten anbietet. Normalerweise kosten diese satte Abo-Gebühren.

Am 25. Januar 2016, am fünften Jahrestag des ersten Protesttags von 2011, verhaftete die Polizei junge Menschen.

Im vergangenen Jahr startete Al-Sisi auch das Presidential Leadership Programme (PLP), das "Tausenden von Jugendlichen ihre Reise zu Führungsstärke und die Erwerbstätigkeit" ermöglichen soll. Der offiziellen Website zufolge werden die Teilnehmer in folgenden drei Themenbereichen unterrichtet:

  • Politik und nationale Sicherheit,
  • öffentliche Verwaltung und Unternehmertum und
  • Sozialwissenschaften und Staatsführung.

Im Oktober beaufsichtigte das Büro des Präsidenten die erste nationale Jugendkonferenz Ägyptens in Sharm El-Sheikh. 3000 junge Menschen kamen für drei Tage in der Touristenhochburg zusammen und diskutierten mit Experten aus verschiedenen Bereichen politische, wirtschaftliche und sonstige Fragen. Die Veranstaltung war an das PLP gekoppelt.

Viele junge Menschen im Land interessierten sich nicht für diese Veranstaltung oder weigerten sich sogar, daran teilzunehmen. Noor Mohamad etwa war eingeladen, wollte aber nicht mitmachen. Sie sei "nicht an offiziellen Jugendaktivitäten interessiert", sagt die 23-Jährige. Sie hat einen Bachelor in englischer Literatur und arbeitet seit anderthalb Jahren im Privatsektor. Die Staatsrhetorik zur Führerschaft der Jugend sieht sie als leeres Gerede, da das Bildungssystem die Studenten nicht auf die Anforderungen des Marktes vorbereite.

Journalisten protestieren im Juli 2016 in Kairo gegen die Festnahme des Fotografen Ahmed Ramadan; Foto: dpa
Unterdrückung der Meinungsfreiheit am Nil: In Ägypten stellt nach Informationen von "Reporter ohne Grenzen" das Regime von Präsident Al-Sisi Journalisten wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Verbindungen zur verbotenen Muslimbruderschaft pauschal unter Terrorverdacht. Mehrere seien zu lebenslangen Haftstrafen oder gar zum Tod verurteilt worden. Im vergangenen Sommer demonstrierten Journalisten gegen die Festnahme des Fotografen Ahmed Ramadan in Kairo.

"Mit Konferenzen ist es nicht getan, wenn man jungen Menschen helfen will", sagt Fatima Abdallah. Die 26-jährige aus Alexandria, der zweitgrößten Stadt Ägyptens, ist Angestellte im öffentlichen Dienst: "Wir brauchen Taten, nicht Worte." Für sie war die Konferenz eine reine Propaganda-Veranstaltung.

Wo sind die Verschwundenen?

Mariam Abdelaziz sieht das genauso. Die 23-jährige Grafikerin aus Kairo erzählt, sie habe von der Jugendkonferenz gehört, aber die Berichterstattung darüber nicht mitverfolgt. Für Propaganda interessiert sie sich nicht, dafür aber für die unfreiwillig Verschwundenen. Laut Amnesty International sind Hunderte von Bürgern "verschwunden" – die Regierung aber schweigt dazu.

Wie viele andere würde Mariam Abdelaziz Ägypten gern verlassen: "Ich bin nur ein temporärer Gast in meinem Land, dem Land ohne Hoffnung." Für sie war "die Revolution ein Weckruf", ihr Interesse an Politik aber sei "in den letzten Jahren sehr zurückgegangen". Sie ist allen dankbar, die etwas verändern wollten, betont aber, dass das Leben härter werde.

Nicht alle jungen Leute, die die aktuelle Situation unerträglich finden, befürworteten die Revolution. Ayshe Hassan, eine 21-jährige Studentin, schätzte das Gefühl der Stabilität und Sicherheit während des Mubarak-Regimes. Dennoch ist sie die offiziellen Versprechungen, die nicht gehalten werden, leid. Die jungen Menschen leiden unter dem Status quo, weil ihnen die Perspektive fehlt, sagt sie. Zu viele „sterben beim Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen".

Während viele junge Menschen nicht an die guten Absichten der Regierung glauben, gibt es doch solche, die den Präsidenten unterstützen. Ahmed Abo Sinah besuchte die Jugendkonferenz als Vertreter des Jugendkomitees der Arabischen Liga. Er lobt Al-Sisis Auftreten in Sharm el-Sheikh: "Ich konnte mich fünf Tage lang von der fantastischen Arbeit überzeugen." Er empfand die Diskussionen über Gesetze, Proteste, soziale Angelegenheiten und religiösen Diskurs wertvoll.

Mostafa Barakat, der die Veranstaltung in Sharm El-Sheikh mitorganisiert hat, stimmt dem zu: "Wir haben eine echte Zeit des Pluralismus und der Redefreiheit erlebt." Er sagt, dass viele junge Regierungskritiker nicht verhaftet wurden.

Als ein Ergebnis der Konferenz versprach die Regierung, alle nichtverurteilten inhaftierten Jugendlichen freizulassen. Das war aber nicht das erste Versprechen dieser Art. Eine Oppositionskampagne stellte im Internet gleich die Frage: "Wo sind die jungen Leute?" Abo Sinah zufolge war diese Kampagne jedoch nicht auf der Höhe der Zeit und gab aktuelle Entwicklungen nicht wieder. Tatsache ist aber: Viele junge Menschen sind noch immer inhaftiert und von den meisten Verschwundenen gibt es keine Spur.

Kaum Spielraum für politisches Handeln

Vor sechs Jahren betonte das Time-Magazin, dass junge Menschen Internet und soziale Medien nutzten, um den Wandel zu organisieren und dafür zu kämpfen. Heute sind sie kaum noch hilfreich. Als Unterstützer der Muslimbruderschaft im November 2015 über soziale Medien versuchten, Menschen für Proteste zu mobilisieren, reagierte kaum jemand darauf.

Auch die wirtschaftliche Lage ist schwieriger geworden. Als der Regierung im Herbst die ausländischen Devisen ausgingen, musste sie eine feste Wechselkursanbindung aufgeben. Andernfalls hätte der Internationale Währungsfonds (IWF) dem Land einen dringend benötigten Kredit über zwölf Milliarden Dollar nicht gewährt. Das ägyptische Pfund verlor dadurch an Wert, Importwaren wurden teurer, und die Inflation schwächte die Kaufkraft der Bevölkerung.

Die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen. Die jungen Menschen haben eine andere Lebenseinstellung. Sie haben momentan zwar kaum Spielraum für politisches Handeln, sind aber nicht glücklich mit der aktuellen Situation. Insbesondere junge Frauen sind sich ihrer neuen Chancen bewusst. Einige hoffen, dass ihre Generation die Welt doch noch verändern kann.

Basma El-Mahdy

© Zeitschrift für Entwicklung und Zusammenarbeit 2016

Die Autorin ist eine auf Menschenrechtsthemen spezialisierte Printjournalistin. Sie kommt aus Kairo und studiert derzeit in Dänemark. Die Namen der Personen, die sich in diesem Beitrag kritisch über die ägyptische Regierung geäußert haben, wurden geändert.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Der kurze Sommer der Arabellion

"Als ein Ergebnis der Konferenz versprach die Regierung, alle nichtverurteilten inhaftierten Jugendlichen freizulassen. Das war aber nicht das erste Versprechen dieser Art. Eine Oppositionskampagne stellte im Internet gleich die Frage: "Wo sind die jungen Leute?" Abo Sinah zufolge war diese Kampagne jedoch nicht auf der Höhe der Zeit und gab aktuelle Entwicklungen nicht wieder. Tatsache ist aber: Viele junge Menschen sind noch immer inhaftiert und von den meisten Verschwundenen gibt es keine Spur."
-
Sicher sind diese Zustände verheerend - aber der Artikel ist es auch.
Alles NICHT VERURTEILTEN sollen frei gelassen werden, sagt das Versprechen. Fragt der Artikel nach Urteilen, fordert er konkret dasVersprechen ein? Nein.
Von vielen Verschwundenen fehlt jede Spur - und fragt der Artikel nach Gründen? Nein. Grenzt er Möglichkeiten und Thesen ab? Nein. In einem Land mit 100 Millionen Einwohnern ohne wirksames Meldegesetz und ohne funktionsfähige Polizei kann man wunderbar "verschwinden", nicht nur unfreiwillig, auch ganz von allein und höchst freiwillig. Man kann als Verbrecher verschwinden (nicht umsonst ist die Mafia neben dem Militär die stärkste Macht im Land), man kann als Terrorist verschwinden und sich im Sinai verschanzen, man kann verschwinden, um seine Schulden nicht zu bezahlen, man kann, man kann, man kann... Interessiert sich der Artikel für die Bedingungen, unter denen man verschwinden oder verschwinden lassen kann? Natürlich nicht.
-
War die Jugend nur gegen Mubarak oder auch für ein neues System? Gibt's im Artikel diesen Unterschied? Selbstredend nicht. Demokratie = wirtschaftlicher Aufschwung, man reibt sich die Augen. Das steht da einfach, nicht mal als These, bloß als Parole.
Bei einer derart flachen Sicht braucht man natürlich auch nicht zu erwähnen, dass genau diese Jugend zu Hunderttausenden den Putsch erst möglich gemacht hat. Mursi sollte vor dem Ende seiner Amtszeit neu wählen lassen. Weil man nicht warten konnte, nicht mal die wenigen Monate warten konnte, um die es konkret gegangen wäre. Demokratie also ohne Regeln, nur als Diktatur der Launen der Massen gedacht? Man muss wohl Teil der beschriebenen Jugend sein, damit es einen nicht wundert, dass das nicht funktioniert.
Tamarod vergessen? Natürlich vergessen, es wäre ja peinlich. Nicht mal vier Jahre ist die Unterschriftensammlung mit weit mehr als 20 Millionen Unterschriften gegen Mursi her und dann die jubelnden Scharen auf dem Tahrirplatz, die das Militär mit Fähnchen bewedeln (das nicht mal zwei Jahre vorher in Kairo mit Panzern in eine Koptendemo gefahren war und 27 Tote und mehr als 300 Verletzte auf dem Platz ließ) und die Sisi anflehen, doch bitte Präsident zu werden. Alles vergessen und heute nicht mal eine Randbemerkung mehr wert.
-
In Ägypten ist jede Regierung ein Problem, weil die ach so großartige Jugend, die alles so schön verändern will, nur eine Gedächtniskapazität von Kleinstkindern hat und eine entsprechend reduzierte Erfahrungswelt. Und weil sie Ziele nur von heute auf morgen konzipieren kann, aber von heute auf morgen verändert man kein System.

Hanya Dikaton25.12.2016 | 17:32 Uhr

Liebe Frau Dikation! Ich bin selten mit Ihnen einer Meinung, aber dieser Kommentar, vor allem der letzte Absatz, wird von mir unterschrieben! Sie haben in fast allem Recht!

Ingrid Wecker04.01.2017 | 14:27 Uhr