"Istanbul - Die Biographie einer Weltstadt"

Haremsbilder und Schlachtenszenen

Auf fast tausend Seiten entwirft die britische Historikerin Bettany Hughes ein schillerndes Panorama der Geschichte Istanbuls. Bildreich schreibt sie von Kriegen und Schlachten, von Eunuchen und Haremsdamen, doch vom Alltagsleben und der städtebaulichen Entwicklung Istanbuls erfährt der Leser wenig. Von Ulrich von Schwerin

Wer über die Geschichte einer Stadt schreibt, hat es eigentlich leicht. Überall gibt es Bauten, Plätze und andere Spuren der Vergangenheit, an denen sich Ereignisse erzählen lassen und Geschichte sichtbar werden lässt.

In kaum einer Stadt gilt dies so sehr wie in Istanbul, wo ein kurzer Spaziergang genügt, um zu begreifen, wie lang, wie reich und vielschichtig die Geschichte dieser Stadt ist. Hier eine byzantinische Kirche, dort ein römisches Viadukt, hinter einer osmanischen Moschee dann die Stadtverwaltung aus der Zeit, da die junge kemalistische Republik in die Moderne aufbrach. Alles Zeugnisse der Vergangenheit, deren Geschichten erzählt werden wollen.

So reich das architektonische Erbe Istanbuls, so spannend ist die Geschichte dieser Stadt, die mehr als drei Jahrtausende zurückreicht. In einem anspruchsvollen Vorhaben hat die britische Bestseller-Autorin Bettany Hughes nun mit "Istanbul – Die Biographie einer Weltstadt" eine neue Gesamtdarstellung vorgelegt. Schön gestaltet, gut gesetzt und reich mit Karten und Bildern illustriert ist die bei Klett-Cotta erschienene deutsche Ausgabe ein attraktives Buch, das mit gut 700 Seiten Text und noch einmal 200 Seiten Fußnoten, Bibliographie und Index höchste Seriosität signalisiert.

Anekdoten statt Analysen, Unterhaltung statt Erklärungen

Buchcover Bettany Hughes: "Istanbul – Die Biographie einer Weltstadt" im Verlag Klett-Cotta
Verklärtes Orientbild: "Lange Kapitel sind Eunuchen, Harems und Hamams gewidmet, die schon immer die Phantasie der Europäer angeregt haben. Zwar erwähnt die Autorin kritisch die westliche Faszination mit Badehäusern und Frauengemächern, zerlegt dann aber die sexuell aufgeladenen Klischees nicht etwa, sondern reproduziert die alten schillernden Bilder. Eine verpasste Chance", meint Ulrich von Schwerin.

Doch leider ist das Buch über weite Strecken eine Enttäuschung. Zwar fehlt es der Autorin keineswegs an Kenntnissen für ihr ehrgeiziges Vorhaben, und ihr Detailwissen ist beeindruckend. Doch statt Analysen bietet sie zu oft nur Anekdoten, statt Erklärungen leichte Unterhaltung.

Vieles reißt sie an, ohne es in den Kontext zu setzen, anderes streift sie, ohne ins Detail zu gehen. So bleibt etwa von der gewaltsamen Zerschlagung der Janitscharen 1826, die den Beginn des Aufbaus des modernen türkischen Staats markiert, nur das Bild eines großen Massakers.

Überhaupt ist das Buch voll von abgeschlagenen Köpfen, gepfählten Menschen, Flüssen voller Leichen und Straßen rot von Blut.

Gewiss gab es in der Geschichte Istanbuls Gewalt, doch bei Hughes erscheint sie über weite Strecken als Abfolge von Feldzügen, Schlachten und Hinrichtungen. Ausführlich schildert sie den Verlauf der Kreuzzüge, der Seeschlacht von Lepanto, der Belagerung von Wien und des Krimkriegs.

Dabei hätte es für eine Stadtgeschichte gereicht, diese Konflikte kurz zu skizzieren, um sich dann auf ihre Folgen für Istanbul zu konzentrieren.

Überhaupt geht es viel zu selten um die Stadt selbst. Bei einem Buch über Istanbul würde man eigentlich gerne erfahren, wie die Menschen dort gewohnt, wie sie gearbeitet haben.

Wie hat sich die Stadt entwickelt? Wie war sie strukturiert? Wie war das Zusammenleben organisiert?

Doch nur in wenigen Kapiteln wird die Stadt als konkreter Raum aus Häusern, Straßen, Plätzen tatsächlich sichtbar, erzählt Hughes von der baulichen Entwicklung, von der Gliederung des Stadtraums und dem Verhältnis der Volksgruppen. Allzu oft bleibt die Stadt als Ort abstrakt.

Historische Schlachten und Machtkämpfe im Fokus

Nun ist ein Geschichtsbuch kein Reiseführer, und die wenigsten Leser sind mit den Straßen und Vierteln Istanbuls vertraut. Doch auch ohne detaillierte Kenntnis der Stadt und ihrer Bauten wäre es interessant, mehr über ihre Entstehung und die Gründe zu erfahren, warum in Galata die Juden, in Samatya die Armenier, in Fener die Griechen lebten. Hughes erwähnt zwar das osmanische Millet-System, das jeder Religionsgruppe erlaubte, nach dem eigenen Glauben, der eigenen Kultur und mit eigenen Schulen und Gerichten zu leben, doch wie so vieles, führt sie es nicht aus.

Ihr Interesse gilt vor allem der Herrschaftsgeschichte, den Kriegen, Schlachten und Machtkämpfen. Für das Leben der einfachen Leute, für die Gebräuche des Alltags und die Organisation des Handels, für Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte also, interessiert sie sich kaum. Immer mal wieder gibt es einen interessanten Absatz zur Rolle von Frauen als Bauherrinnen oder zur Kleiderordnung der verschiedenen Volksgruppen, doch dann geht es wieder um den nächsten Feldzug.

Besonders bedauerlich ist, dass sie die Stadtgeschichte des 20. Jahrhundert völlig auslässt, ist sie doch besonders faszinierend. Nach Gründung der Republik halbierte sich erst die Bevölkerungszahl, stieg dann bis zu den 40er Jahren langsam an und explodierte in den 80er Jahren komplett. Innerhalb nur eines Menschenlebens wuchs Istanbul von 1,5 auf 15 Millionen. Wer in den 1940er Jahren geboren wurde, kann sich noch erinnern, wie hinter den alten Stadtmauern die Felder begannen. Heute braucht es weitere 90 Minuten auf der Autobahn, um den Rand der Stadt zu erreichen.

"Wie zwei hübsche, wohlerzogene Katzen"

Bei alledem ist Hughes' Sprache stets locker und voller farbiger Metaphern. Doch so legitim es ist, sich um eine bildreiche Sprache zu bemühen, ist ein Satz wie "Die mogulischen und osmanischen Kaiser umkreisten einander wie zwei hübsche, wohlerzogene Katzen" wenig weiterführend. Und auch die Beschreibung Istanbuls in der Spätphase des Osmanischen Reichs als "missbrauchtes, verwirrtes Geschöpf, das offenbar darauf verfallen war, dem Interesse des Westens mit einem bedeutungsschwangeren, geheimnisvollen Lächeln zu begegnen" ist nicht sehr erkenntnisfördernd.

Kann man über Hughes Stil noch streiten, ist ihre westliche Perspektive wirklich ärgerlich. Ständig zitiert sie britische Dichter, Diplomaten und Reisende, während sie die Istanbuler kaum zu Wort kommen lässt.

Lange Kapitel sind Eunuchen, Harems und Hamams gewidmet, die schon immer die Phantasie der Europäer angeregt haben. Zwar erwähnt sie kritisch die westliche Faszination mit Badehäusern und Frauengemächern, zerlegt dann aber die sexuell aufgeladenen Klischees nicht etwa, sondern reproduziert die alten schillernden Bilder. Eine verpasste Chance.

Ulrich von Schwerin

© Qantara.de 2019

Bettany Hughes: "Istanbul – Die Biographie einer Weltstadt", aus dem Englischen von Susanne Held, Klett-Cotta, Stuttgart, 2018, 940 Seiten, ISBN: 9783608962864

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