Islamismus in Afrika

Das "Wohlstandsevangelium" der Salafisten

Boko Haram in Nigeria, Al-Shabaab in Somalia: Radikal-islamistische Gruppen sind in vielen Ländern Afrikas auf dem Vormarsch. Ihre Ideologie findet vor allem dort Zuspruch, wo die Armut am größten ist und wo der Staat keine sozialen Dienstleistungen anbietet. Von Daniel Pelz

Immer wieder die gleichen schlimmen Berichte: In Somalia schlagen Mitglieder der Al-Shabaab-Miliz zwei mutmaßlichen Dieben die rechten Hände ab. In der Hauptstadt Mogadishu sterben drei Soldaten beim Versuch, eine Autobombe zu entschärfen. In Westafrika gibt es neue Kämpfe zwischen der nigerianischen Armee und Boko Haram, 13 Islamisten sterben.

Islamistische Terrorgruppen machen Schlagzeilen. Auch wenn sie weitaus geschwächter sind als noch vor einigen Jahren. "Gruppen, die wir als Dschihadisten bezeichnen, sind eigentlich auf dem Rückmarsch oder haben schwere militärische Niederlagen erlitten", berichtet der Göttinger Anthropologie-Professor Roman Loimeier. Trotzdem hätten sie noch immer das Potenzial, Anschläge zu verüben. Gewaltbereite Islamisten machen nur einen Bruchteil der Muslime in Afrika aus - doch sie stehen für ein größeres Umfeld radikaler Strömungen im Islam.

Rund 43 Prozent aller Afrikaner bekennen sich zum Islam. Der galt lange als tolerant, auch gegenüber anderen Religionen. "Der Islam in Westafrika hat sich unter dem Einfluss afrikanischer Traditionen etwas anders entwickelt als in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens. Er ist von Toleranz, Gewaltlosigkeit und einem problemlosen Umgang der Religionen miteinander geprägt", stellte beispielsweise die Konrad-Adenauer-Stiftung noch im Jahr 2001 fest.

Und jetzt? Seit den 1990er Jahren macht der Anthropologe Abdoulaye Sounaye vom Leibniz-Zentrum Moderner Orient (ZMO) ein deutliches Wachstum radikaler islamischer Gruppen in Teilen Afrikas aus. "Der radikale Islam ist im politischen, kulturellen, sozialen, sogar im wirtschaftlichen Leben bedeutender geworden", sagt Sounaye. Allerdings streben längst nicht alle Anhänger des konservativen Islam nach Macht oder sind gewaltbereit.

Wenn der Staat versagt

Ein Grund für den Aufstieg konservativer und radikaler Strömungen: Die politischen und sozialen Krisen in vielen Staaten Afrikas. Die Demokratisierungswelle nach dem Fall des Kommunismus in Osteuropa erfasste in den 1990er Jahren auch Afrika. Langzeitherrscher und Militärs gaben reihenweise dem Druck nach mehr Demokratie nach. Doch viele neue Demokratien währten nicht lange, Korruption und Misswirtschaft grassierten in zahlreichen Ländern erneut. Das Vertrauen in den Staat nahm ab.

In diese Lücke stießen schonbald darauf die Radikalen. "Der Salafismus ist eine revolutionäre Ideologie, die für manche soziale Gruppe wie junge Menschen oder Frauen attraktiv sein kann, die den Staat ablehnen", sagt Sounaye. Zudem böten die Gruppen Hilfe, wo der Staat versagt habe. Sounaye spricht vom "Wohlstandsevangelium" salafistischer Gruppen. "Sie haben zum Beispiel Gelder für allerhand Projekte gesammelt: Schulen, Koranschulen, Kliniken. Diese sozialen Dienstleistungen haben salafistischen Organisationen in der Region eine Plattform geboten, um populär zu werden."

Möglich machen das auch großzügige Spenden aus reichen islamischen Staaten. Vor allem Saudi-Arabien wird dabei immer wieder genannt. Das Königreich folgt einer rigiden Form des Islam, dem sogenannten Wahhabismus. Die Lehre fußt auf einer besonders strengen Auslegung des Korans. Durch Spenden, die Finanzierung von Moscheebauten, Wohltätigkeitseinrichtungen oder Massenmedien wird sie auch nach Afrika exportiert.

Sufi-Bruderschaften als Gegenmodelle zum radikalen Islam

Doch Experten wie Roman Loimeier weisen darauf hin, dass sich der Islam in Afrika keinesfalls nur in diese Richtung entwickelt. "Die muslimischen Gesellschaften und der Islam im Afrika südlich der Sahara werden vielfältiger", sagt er. Längst sind andere Gruppierungen und Bewegungen aktiv, die für eine andere Art des Islam stehen.

"Es gibt ein breites Spektrum an Reformbewegungen der Sufi-Bruderschaften. Ihnen geht es beispielsweise darum, dass der Glaube transparenter wird, dass auch Frauen in die Schule gehen", sagt Loimeier. Zudem achteten auch die Sufi-Bruderschaften darauf, dass ihre sozialen Netzwerke den Menschen helfen.

Trotzdem könnten neben Boko Haram, Ansar Dine oder Al-Shabaab noch neue dschihadistische Gruppen entstehen - vor allem in autoritär regierten Staaten. "In solchen Ländern ist der Islam als Botschaft der Rebellion, als einer Botschaft, die sich auf die Seite der Unterdrückten und ungerecht Behandelten stellt, eine fantastische Grundlage für die Ausformulierung eines radikalen Programms", sagt der Göttinger Anthropologe.

Als Beispiel nennt er Äthiopien. "Das dortige Regime hat in den letzten Jahren einige bedauerliche Fehlentscheidungen getroffen. Radikale Gruppe stehen bereit und könnten möglicherweise großen Rückhalt in der Bevölkerung bekommen, wenn sich die Lage nicht verbessert."

Daniel Pelz

© Deutsche Welle 2017

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