Islamischer Reformer Jawdat Said

Islam als gewaltlose Religion

Der in der westlichen Welt wenig beachtete Denker Jawdat Said propagiert seit 40 Jahren einen gewaltlosen Islam. Seine Bücher werden von islamischen Aktivisten in der arabischen Welt viel gelesen und diskutiert. Bashar Humeid stellt ihn vor.

​​Das 1966 erschienene Buch "Die Schule von Adams erstem Sohn: Das Problem der Gewalt in der islamischen Welt" ist das erste ausformulierte Konzept für Gewaltlosigkeit in der modernen islamischen Bewegung. Das Buch ist bis heute auf dem islamischen Buchmarkt erhältlich- mittelerweile in der fünften Auflage. Geschrieben hatte es der 1931 in Syrien geborene Jawdat Said, der in seiner frühen Jugend nach Ägypten ging, um an der Azhar-Universität ein Studium der arabischen Sprache zu absolvieren. Dort engagierte er sich im ägyptischen Kulturleben. Außerdem stand er der islamischen Bewegung jener Zeit nahe. Schon damals warnte Said vor den negativen Folgen der Gewalt durch die islamische Bewegung in Ägypten und schrieb sein Buch als direkte Reaktion auf die Schriften von Sayyid Qutb (gest. 1966), der als Vater des militanten Islam gilt.

Auch andere Denker der islamischen Szene wandten sich damals gegen Qutb, so etwa Hasan al-Hudaybi, der oberste geistige Führer der ägyptischen Muslimbrüder. Zu Beginn der 1980er Jahre begannen sich die Muslimbrüder in Syrien - trotz Saids Warnungen - gegen die Regierung von Hafez al-Asad aufzulehnen. Die Revolte wurde jedoch blutig niedergeschlagen und endete 1982 mit einem Massaker in der Stadt Hama. Nach dieser Niederlage setzte man sich innerhalb der Bewegung intensiv mit dem Gedanken der Demilitarisierung auseinander. Zu jener Zeit gewannen die Schriften Jawdat Saids in den Kreisen der islamischen Aktivisten zunehmend an Popularität.

Das Konzept der Gewaltlosigkeit bei Said

In der Einleitung seines Buches "Die Schule von Adams erstem Sohn" stellt sich Jawdat Said in die Tradition islamischer Reform-Schriftsteller wie Abd al-Rahman al-Kawakibi (gest. 1902) und Muhammad Iqbal (gest. 1938), der mystische Dichter und Philosph aus Indien. Said schreibt auch dem algerischen Schriftsteller Malik bin-Nabi (gest. 1973) und seinem Buch "Die Bedingungen des Aufschwungs" eine besondere Rolle zu.

Das gemeinsame Merkmal dieser Denker ist die Betonung auf Reformen innerhalb der islamischen Gesellschaften. Sie sehen die Probleme ihrer Gesellschaften eher als Folge einer internen Fehlentwicklung und weniger als Resultat der kolonialistischen Intervention. Saids Werke über Gewaltlosigkeit sind Teil einer Reihe, die persönliche und gesellschaftliche Probleme behandeln und die Funktion eines Wegweisers für islamische Aktivisten haben. Sie sprechen in erster Linie die islamische Jugend an und präsentieren ihnen einen islamischen Lebensweg ohne Gewalt.

Gewaltlosigkeit als Gebot Gottes

Diesen Weg sieht Said im Koran begründet. In Sure 5, Vers 27–31 wird beschrieben, wie der "gottesfürchtige Abel" es sogar vermied, sich gegen seinen Bruder zu verteidigen, obwohl Kain ihn letztlich ermordete. Said sieht es als eine Herausforderung für den Menschen, so zu reagieren, "wie Adams erster Sohn, der sich nicht gegen den Angriff seines Bruders verteidigte". Die Gewaltlosigkeit von Adams Sohn stellt für ihn "eine für die ganze Menschheit nachahmenswerte Position dar, deren Nachahmung zu Gottes Geboten gehört".

Zudem führt Said die Geschichten der verschiedenen Propheten im Koran an und zeigt, dass der einzige Vorwurf, mit dem sie sich konfrontiert sahen, ihr Glaube an den einen Schöpfer war. Keiner von ihnen hatte jedoch versucht, seine Ideen gewaltsam zu verbreiten. Darin sieht Said ein deutliches Indiz dafür, dass die Gewaltausübung nicht mit dem Kern des koranischen Glaubens vereinbar ist. Doch wie erklärt Said die anderen koranischen Verse, die zum Kampf aufrufen?

Unterschiedliche Koraninterpretationen

Nach Said stellt der Koran zwei Bedingungen für einen legitmen Krieg. Erstens darf Krieg nur ausgerufen werden, wenn der Gegner den koranischen Grundsatzt "Kein Zwang in der Religion", das heißt "die Meinungsfreiheit" missachtet. Zweistens muss der Staat, der den Krieg ausruft, diesen Grundsatz selbst achten. In seinem Buch "Lies! Denn dein Herr ist der Allgütige" von 1988 entwickelt Said einen wichtigen Ansatz für die Interpretation des Korans und untermauert damit sein Konzept für einen gewaltlosen Islam.

Said hebt hervor, dass die verschiedenen Interpretationen des koranischen Textes schon für die frühen Nachfolger des Propheten Mohammad eine Herausforderung darstellten. Er zitiert eine Aussage des vierten Kalifen, Ali ibn Abi Talib, der im Streit mit seinen Gegnern (den Kharidschiten) forderte, die Texte außer Acht zu lassen, da jede Gruppe ihre eigene Sichtweise habe. Um zu einem Ergebnis zu kommen, sollten vielmehr praktische Aspekte diskutiert werden. Said folgert daraus, dass der Koran die Menschen auffordere, Wissen auf der Erde und nicht in den Texten des Korans zu suchen. Der Aufruf zur "Wanderung auf Erden" wird im Koran dreizehnmal wiederholt. Said folgert daraus, dass es Teil der Offenbarung sei, nach Erkenntnissen über die Welt, ihre Geschichte und ihre Gesellschaften zu suchen. Darin liegt für ihn die "tiefe Bedeutung des Wunders des Korans".

Neue Koraninterpretation

Gepaart wird die Aufforderung zu "wandern" mit der zu lesen. Denn "Lies!" ist das erste Wort, das dem Propheten Muhammad offenbart wurde. Said interpretiert dies als eine Aufforderung dazu, die Geschichte der menschlichen Erfahrungen kennen zu lernen, denn diese sei hauptsächlich durch Lesen zugänglich. Sich auf Ansätze aus der islamischen Tradition stützend, ebnet Said damit einer neuen Koraninterpretation den Weg, die nicht mehr die Analyse des koranischen Textes, sondern die menschliche Erfahrung in den Vordergrund stellt. Saids Interpretationen wurden deshalb von konservativen Denkern scharf attakiert. Einer von ihnen, Adel al-Tal, beschuldigte Said in einem 1995 verfassten Buch, er sei ein "materialistischer Denker mit islamischem Deckmantel".

Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft und Gewalt

Doch bis heute bleibt Said dem koranischen Text treu. Er zitiert häufig aus dem Koran, um sein Konzept der Gewaltlosigkeit zu untermauern. Am häufigsten erwähnt er Sure 2, Vers 30-33, in der die Engel gegen die Entscheidung Gottes protestieren, auf Erden einen Nachfolger einzusetzen. Ihr Argument: Dieser werde nur Unheil stiften und Blut vergießen. Als Anwort lehrt Gott Adam "alle Dinge samt ihren Namen". Said versteht diese Stelle als eine symbolische Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft und Gewalt.

In der Sprache des koranischen Verses bedeutet das, eine Auseinandersetzung zwischen "Namen" und "dem Unheilstiften und Blutvergießen". Der Mensch, so folgert Said, solle und könne mit der ihm von Gott gegebenen Vernunft den Frieden auf Erden vollbringen.

Bashar Humeid

© Qantara.de 2006

 

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